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3D - schwindelerregende Realität

3D - so alt wie der Film selbst

Ein Mann mit einer 3D-Brille steht vor einer Filmleinwand
Was kann 3D-Technik alles? | Bild: BR

Auf der Weltausstellung im Jahr 1851 verblüffte der Optiker Louis Jules Duboscq das Publikum mit einem scheinbar dreidimensionalen Bild der britischen Königin Victoria, bereits 1915 erlebten die Kinozuschauer in einem New Yorker Theater erste Filmszenen in 3D, und schon 1922 hatte der erste 3D-Spielfilm in Los Angeles Premiere. Die Stereoskopie, die Wiedergabe von Bildern mit der Illusion einer räumlichen Tiefe, ist beinahe so alt wie die Fotografie selbst. Der Gedanke dahinter ist logisch: Der Mensch besitzt zwei Augen, die zwei unterschiedliche Bilder an das Gehirn schicken, wo sie zu einem räumlichen Tiefeneindruck kombiniert werden. Sollte man daher bei Foto- und Filmaufnahmen nicht genau so verfahren, zumal eine Kamera ja im Grunde nichts anderes ist als ein stark vereinfachter Nachbau des menschlichen Auges?

Aufbruch nach Pandora - und in eine neue Dimension

Ein Augenarzt untersucht das Auge einer Patientin
Welche Auswirkungen hat künstliches 3D? | Bild: BR

Immer wieder durfte das dreidimensionale Kino einen Boom erleben, doch wirklich durchsetzen konnte es sich bislang nicht. Die Brillen sind lästig, die Qualität der Bilder lässt oft zu wünschen übrig - und der ein oder andere verlässt das Kino vorzeitig mit brummendem Schädel. Auch sind alle Versuche, 3D im Fernsehen durchzusetzen, bislang gescheitert. Doch technisch hochwertige Filme wie "Avatar " locken mit ihren faszinierenden Bildern Millionen Zuschauer in die Kinos. Geht es nach der Unterhaltungsindustrie, sollen die Bilder zum scheinbaren Anfassen in Zukunft allgegenwärtig sein - und auch zum Fernsehstandard der Zukunft werden.

Mediziner sehen den von der Industrie vorangetriebenen Trend zum Dauerkonsum der 3D-Bilder kritisch, denn so leicht lässt sich das Auge nicht durch die Technik täuschen. Der Augenarzt Prof. Dr. Oliver Ehrt von der Augenklinik der Universität München kennt die Risiken und Nebenwirkungen: "Es gibt etliche Zuschauer von dreidimensionalen Fernseh- oder Kinoprogrammen, die über Kopfschmerzen und Augenbrennen berichten, was man als Ausdruck des unnatürlichen Sehens interpretieren kann."

Trugbild vor der Nase - Chaos im Kopf

Eine Frau schaut auf einen Gegenstand direkt vor ihrer Nase
Unsere Augen stellen sich auf ein Objekt scharf. | Bild: BR

In einer natürlichen, dreidimensionalen Umgebung fokussieren wir immer das, was wir gerade betrachten. Dabei verändert sich beispielsweise die Stellung der Augen: Ist ein Objekt sehr nah, rücken sie eng zusammen, ist es weit entfernt, richten sie ihre Blickachsen parallel aus.

Auch bei einem vorgegaukelten 3D-Gegenstand, der vor unserer Nase schwebt, möchten sich die Augen auf die scheinbare Nähe einstellen - doch tatsächlich liegt der Fokus ja immer starr auf dem Bildschirm dahinter, der die Illusion erzeugt. Das Gehirn weiß nicht, was es ansteuern soll.

Die Folgen: Augendruck, Schwindel, Kopfschmerzen. Zudem entscheiden wir in einer natürlichen Umgebung selbst darüber, welches Objekt scharfgestellt wird, im Film gibt das jedoch die Kamera vor. Es kann also passieren, dass unsere Augen in der künstlichen Welt umherschweifen und verzweifelt versuchen, Dinge scharf zu stellen, die sie gar nicht scharfstellen können. Dreidimensionale Effekte können also faszinierend sein - aber auch in unserem Kopf ein heilloses Durcheinander anrichten.

Alles liegt in der Hand des Stereografen

Eine 3D-Kamera
Im Film werden spezielle 3D-Kameras eingesetzt. | Bild: BR

Damit das "Chaos im Kopf" möglichst ausbleibt, müssen bei Filmaufnahmen Spezialisten die spektakulären, aber auch anstrengenden 3D-Effekte richtig dosieren. Am Filmset ist dafür der sogenannte Stereograf verantwortlich. Er steuert die beiden Kameras, welche die beiden unterschiedlichen Bilder aufnehmen. Indem er ihren Abstand zueinander verändert, legt er fest, was sich später wo im Zuschauerraum befindet. Ist er dabei zu vorsichtig, geht der dreidimensionale Eindruck verloren - zieht er die Bildebenen zu weit auseinander, kann es anstrengend für den Zuschauer werden. Es ist kaum verwunderlich, dass - angesichts des boomenden 3D-Films - gute Stereografen zu den am besten bezahlten Fachleuten am Set gehören.

Ich sehe das Bild - das Bild sieht mich

Ein Mann sitzt vor einem Bildschirm
Das Bild auf dem Monitor verändert sich je nach Position des Zuschauers. | Bild: BR

Moderne HD-Kameratechnik und qualifizierte Spezialisten haben den Film in der dritten Dimension ein ganzes Stück nach vorne gebracht. Doch damit sich 3D auch dauerhaft in unseren Wohnzimmern etablieren kann, müssen neue Lösungen gefunden werden, um den Komfort für den Betrachter auf ein alltagstaugliches Maß zu erhöhen.

Eines der größten Hindernisse ist immer noch die lästige Brille, wenn man gemütlich auf dem Sofa liegend einen Film anschauen will. Um sie loszuwerden, arbeiten auch die Forscher vom Berliner Heinrich Hertz-Institut an neuen Lösungen. Sogenannte autostereoskopische Bildschirme können zwei unterschiedliche Bilder direkt in die Augen des Betrachters lenken. Das Tragen einer Brille, die normalerweise die verschiedenen Bilder auf beide Augen "verteilt", ist damit nicht nötig - allerdings nur, solange man in einer bestimmten Position sitzt. "In Zukunft werden Bildschirme mit dem Betrachter interagieren", so der 3D-Experte Klaus Hopf. Das bedeutet: Kameras erfassen die Augen des Zuschauers, und lenken die Stereobilder immer in die richtige Richtung - auch wenn er sich bewegt.

Das Prinzip dieses "Trackings" lässt sich sogar praktisch auf den ganzen Körper ausweiten: Prototypen von Monitoren, die bereits schon auf Handbewegungen reagieren, lassen ahnen, wohin die interaktive 3D-Technik einmal führen wird.

Alles eine Frage der richtigen Dosis

Es steht außer Frage: Die Illusion ist faszinierend, und nichts spricht gegen gelegentliche Ausflüge in die dreidimensionalen Zauberwelten. Bedenklich könnte es allerdings werden, wenn ein Dauerkonsum, zum beispielsweise bei 3D-Computerspielen, unser Gehirn permanent mit verfälschten Sinneseindrücken bombardiert: "Das natürliche dreidimensionale Sehen ist etwas, das die Menschen lernen müssen. Wenn Kinder schon in jungen Jahren sehr viel künstliche dreidimensionale Szenen betrachten, weiß man nicht, ob das unter Umständen die Entwicklung des natürlichen dreidimensionalen Sehens beeinflussen könnte", so der Augenmediziner Prof. Ehrt von der Universität München. Es bleibt also abzuwarten, ob sich mit modernster Technik die alte Stereografie tatsächlich durchsetzen wird.

Autor: Frank Bäumer (BR)

Stand: 26.06.2015 08:43 Uhr

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