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Die Geschichte des Space Shuttle

Jumbo-Jet mit einem Shuttle auf dem Rücken hebt gerade ab
Der Jungfernflug des ersten Shuttles auf dem Rücken eines Jumbo-Jets | Bild: NASA

Keiner hat den Traum von der Eroberung des Weltalls so konsequent verfolgt wie die USA. Keine andere Nation hat so viele Raumschiffe ins All geschossen. Keine andere hat so viele Katastrophen durchlitten. Dreißig Jahre nach dem Start des ersten wiederverwendbaren Space Shuttle geht nun eine Ära zu Ende - und die Weltraumflotte in Rente. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie sehr das Space Shuttle mit den Hoffnungen und Ängsten Amerikas verbunden war. Es begann mit einer Vision. Und endet ungeliebt.

1972 geht das Zeitalter der Mondflüge zu Ende. Amerikas Jugend träumt von flower power. Die Supermacht kann dem keine eigenen Visionen entgegensetzen. Da unterbreiten Raumfahrttechniker Präsident Richard Nixon die ersten Vorschläge für ein neues Abenteuer im All. Tausende von Mitarbeitern der amerikanischen Raumfahrtbehörde tüfteln an einem neuen Typ von Raumfahrzeug für bis zu sieben Astronauten und mehr als 20 Tonnen Nutzlast. Die Sowjetunion, der ewige Rivale im All, hat dem nichts Vergleichbares entgegenzusetzen.

Ein wiederverwendbarer Raumgleiter: das Space Shuttle. Ein Pendler zwischen Erde und Universum - so lautet der Plan. Als das Space Shuttle am 18. Juni 1977 auf dem Rücken eines Jumbo-Jets zu seinem ersten Testflug startet, trägt es den Namen "Enterprise" - so wie das Raumschiff aus der erfolgreichen TV-Serie. Tausende von Fernsehzuschauern konnten die NASA zu dem Namen überreden. Aus Science-Fiction wird reale Wissenschaft. Das Shuttle beweist, dass es tatsächlich wie ein Segelflugzeug landen kann. Doch bis zur Feuerprobe vergehen noch vier Jahre.

Weltraumfahrt wird zur Routine

Start eines Shuttle, kurz vor dem Abheben
Kurz vor dem Abheben wurden alle Triebwerke gezündet. Ab da gab es kein Zurück mehr. | Bild: NASA

Am 12. April 1981 ist es soweit. Die Besatzung der Raumfähre "Columbia" bereitet sich auf den ersten Start eines Shuttles vor. Zwanzig Jahre, nachdem der erste Mensch ins All aufgebrochen ist. Der Start hat sich um zwei Tage verzögert - Computerprobleme. Es sollen nicht die letzten gewesen sein. Der Start klappt wie aus dem Bilderbuch. Zwei Raketen mit festem Brennstoff und ein riesiger Tank mit flüssigem Treibstoff verleihen dem Koloss den nötigen Schub, um die Anziehungskraft der Erde zu überwinden. Doch einige Experten schauen dem Shuttle mit gemischten Gefühlen hinterher. Sie halten den Einsatz von Feststoffraketen für zu gefährlich. Die NASA setzt trotzdem auf diese Technik, denn sie ist billiger als der weniger riskante Antrieb mit nur flüssigem Treibstoff.

Der gelungene Start scheint der NASA Recht zu geben. 60 Flüge pro Jahr plant die NASA. Ein Höhenflug, der schon bald durch die astronomischen Kosten gebremst wird. Statt zehn Millionen Dollar, wie ursprünglich geplant, wird ein Space-Shuttle-Flug bald bis zu 500 Millionen Dollar kosten. Doch 1981 ist die Shuttle-Welt noch in Ordnung.

Das Shuttle und der Krieg der Sterne

Ein Astronaut schwebt schwerelos allein im All
Am 7. Februar 1984 schwebt ein Astronaut zum ersten Mal ohne Sicherungsleine durchs All. | Bild: NASA

In seinen Wahlkampfspots Anfang der 1980er-Jahre setzt US-Präsident Ronald Reagan ganz auf Stärke. Das militärische Kräftemessen zwischen Ost und West spitzt sich zu. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan rüsten auch die USA immer weiter auf. Ob auf See, zu Lande oder in der Luft - überall setzt die amerikanische Regierung auf technologische Überlegenheit. Selbst das Weltall wird zum potenziellen Schlachtfeld.

Die Pläne zum "Krieg der Sterne" werden zwar nie realisiert. Dennoch dient das Space Shuttle den Militärs. Fast ein Drittel aller Missionen haben einen militärischen Hintergrund. Welchen, davon erfährt die Öffentlichkeit nichts. Für Schlagzeilen sorgen allein die wunderschönen Bilder der Erde, die die Astronauten an Bord der Shuttle-Missionen zeigen: Live können die Fernsehzuschauer das Aussetzen von Satelliten miterleben oder den ersten echten Raumspaziergang. Dass die Astronauten bei fast jedem der ersten 25 Shuttle-Flüge mit technischen Problemen zu kämpfen haben, verheimlicht die NASA. Nichts soll die gute Stimmung trüben, als 1985 insgesamt neun Mal ein Shuttle startet. Ein Rekord. Was damals niemand ahnt: Nie wieder werden so viele Menschen in so kurzer Zeit ins All transportiert.

Die Katastrophe, die nicht die einzige bleiben sollte

Explosion der Raumfähre "Challenger"
Vor den Augen der Welt explodiert ein Shuttle. 72 Sekunden nach dem Start. | Bild: NASA

28. Januar 1986 - der Tag, der alles verändern wird. Die 25. Mission kurz vor dem Start. Es ist bitterkalt. Ein Techniker warnt vor möglichen Problemen mit Dichtungsringen aus Gummi bei diesen Temperaturen. Vergeblich. Die Lehrerin Christa McAuliffe macht sich auf den Weg zur Startrampe. Unter 11.000 Lehrern wurde sie ausgewählt. Ein "Teacher in Space", um amerikanische Schulkinder für die Raumfahrt zu begeistern. Sie werden nie erfahren, was McAuliffe zu erzählen hat... 73 Sekunden nach dem Start explodiert die Raumfähre "Challenger". Alle sieben Besatzungsmitglieder sterben. Und mit ihnen der Traum von der Raumfahrt als Routine.

Nach der Katastrophe die Spurensicherung. Neben den Bruchstücken der "Challenger" werden auch einige der Astronauten vom Meeresgrund geborgen. Gefangen in ihren Sitzen. Denn Schleudersitze oder eine im Notfall absprengbare Kabine gab es nicht, aus Kostengründen.

Der Konkurrenzkampf geht weiter

Dann wendet sich das Blatt. Die "Buran"- das sowjetische Konkurrenzprogramm zum Shuttle - macht von sich Reden. Jahrelang haben Moskaus Forscher an ihrer Version eines Raumgleiters gearbeitet. Die große Ähnlichkeit zum Space Shuttle lässt Spionage vermuten. Doch was für die Amerikaner noch schlimmer ist: Die Russen kündigen an, mit der "Buran" schon bald ins All zu fliegen, während die Amerikaner noch nach den Ursachen für die Challenger-Katastrophe forschen. Der US-Kongress fordert angesichts der russischen Konkurrenz die rasche Wiederaufnahme des Shuttle-Betriebs.

Der kalte Krieg wischt alle Sicherheitsbedenken beiseite. Am 29. September 1988 geht die "Discovery" an den Start – sechs Wochen vor dem ersten und einzigen Flug der "Buran" am 15. November. Es ist eine der letzten Shuttle-Missionen im Zeichen des Ost-West-Konflikts. Denn auf der Erde ändern sich die Verhältnisse. Das bedeutet auch eine Zeitenwende für das Space Shuttle. Anfang der 1990er Jahre darf das Space Shuttle endlich das, wofür die Ingenieure es konzipiert haben: Wissenschaft im Orbit betreiben.

Die zweite Katastrophe

Shuttle "Columbia"
Shuttle "Columbia" zerbricht später beim Wiedereintritt in die Atmosphäre. | Bild: NASA

Anfang des 21. Jahrhunderts durchzieht die Welt eine Spur des Terrors. Die USA erklären den sogenannten Schurkenstaaten den Krieg. Am 16. Januar 2003 bricht die Raumfähre "Columbia" zur 113. Mission eines Space Shuttle auf. Mit fünf Männern und zwei Frauen an Bord. Neben mehr als 100 Experimenten nehmen sie sich Zeit für eine Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer der Challenger-Katastrophe vor genau 17 Jahren. Vier Tage später bricht der Funkkontakt zur "Columbia" abrupt ab. Die Flugkontrolleure ahnen nicht, dass in diesem Moment die Astronauten in 60 Kilometern Höhe verglühen. Das Unglück kommt derart überraschend, dass viele zunächst an einen Terroranschlag glauben. Das erste Attentat im All? Doch rasch wird klar: Ebenso wie die "Challenger" ist die "Columbia" ein Opfer von technischen Pannen und unglaublicher Ignoranz.

Bereits zum Zeitpunkt der Trauerfeierlichkeiten versucht eine Untersuchungskommission, die Gründe für das Desaster aufzuspüren. Was sie herausfindet, wirft kein gutes Licht auf die Verantwortlichen für das US-amerikanische Raumfahrtprogramm. Bereits beim Start der "Columbia" prallt ein Stück Isolierung des Tanks gegen den linken Flügel des Raumschiffs. Der Schaden wird sogar bemerkt. Doch weitere Untersuchungen lehnt die NASA ab, da keine gravierenden Folgen zu befürchten seien. Ein folgenschwerer Irrtum. Denn Tests nach der Katastrophe zeigen, dass selbst kleinste Stücke Isoliermaterial große Löcher verursachen können.

Eine andere Mission für die Shuttles

Sommer 2005. 893 Tage nach der Katastrophe ist es wieder soweit. Die Starts werden wieder aufgenommen. Die Flotte der drei noch verbliebenen Space Shuttle hilft jetzt dabei, die Internationale Raumstation (ISS) fertig zu stellen und zu versorgen.

Das allerletzte Shuttle im All wird die Atlantis sein. Nach 30 Jahren, die mit Visionen begannen und die Weltraumflug zur Routine machten, nach Erfolgen und zwei schrecklichen Katastrophen, gehen die Raumfähren aufs Altenteil.

Autor: Heinz Greuling (WDR)

Stand: 30.10.2015 14:04 Uhr

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