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Schwimmende Städte

Holland unter

Floating Pavillon in Rotterdam der Firma Deltasync
Der schwimmende Pavillon in Rotterdam | Bild: NDR

Im Rijnhafen von Rotterdam liegt ein merkwürdiges Gebilde vor Anker: drei gläserne Kuppeln, die ineinander übergehen - 50 Meter lang, 12 Meter hoch. Es sieht ein bisschen aus wie ein futuristisches Gewächshaus. "Es ist das erste von vielen Gebäuden, die eines Tages eine komplette, schwimmende Stadt bilden werden", sagt Bart Roeffen, der Architekt des Kuppelbaus. In den Niederlanden ist das keine bloße Spinnerei, sondern vielleicht schon bald eine Notwendigkeit.

Ein Drittel der Niederlande liegt unterhalb des Meeresspiegels - große Teile davon wurden dem Meer einst durch Eindeichungen abgetrotzt. Schon heute sind ganze Regionen nur bewohnbar, weil Wasserpumpen sie trocken halten. Was also tun, wenn der Meeresspiegel in Folge des Klimawandels weiter steigen wird? Die Niederländer reagieren mit einer völlig neuen Philosophie im Hochwasserschutz. Und die lautet: Wenn du die Flut nicht besiegen kannst, dann mache sie dir zum Verbündeten.

Beton - leichter als Wasser

Ein Blick durch die Fenster des Pavillons
Die Fenster sind aus ultraleichter Spezialfolie | Bild: NDR

Bart Roeffen und seine Kollegen von der Firma DeltaSync im niederländischen Delft befassen sich schon seit einigen Jahren mit den Möglichkeiten des Bauens auf dem Wasser. Ihr schwimmender Pavillon - denn darum handelt es sich - war ursprünglich ein Entwurf für die EXPO in Shanghai. Als es Schwierigkeiten mit der Realisierung dort gab, meldete die Stadt Rotterdam Interesse an.

Dass der turnhallengroße Komplex tatsächlich schwimmen kann, verdankt er einer Vielzahl von leichten Hightechmaterialien: Zum einen trägt ein ausgeklügeltes Stahlskelett die Kuppeln. Auch die Fenster sind Fliegengewichte: Sie sehen zwar aus wie Glas, sind in Wirklichkeit aber aus einer ultraleichten Spezialfolie gefertigt. Außerdem ist das Fundament zwar stabil wie Beton, hat aber nur 40 Prozent der Dichte von Wasser: "Eine neuartige, schwimmfähige Konstruktion aus Styropor und Beton", erklärt Bart Roeffen. "Sie besteht aus mehreren Schichten: Die unterste ist komplett aus Styropor, und darüber liegen mehrere Styropor-Blöcke. Die Zwischenräume werden dann mit Beton gefüllt. Zusammen ergibt das ein sehr stabiles Material, das unsinkbar ist."

Vom Feind zum Freund

Floating Houses in Holland
Seit 2003 gibt es schwimmende Häuser in den Niederlanden | Bild: NDR

Das Bauen schwimmender Häuser ist in den Niederlanden nichts gänzlich Neues. Bereits 2003 und 2004 entstanden erste Siedlungen in Maasbommel und in IJburg bei Amsterdam. Einfamilienhäuser, die wie Hausboote an Stegen und Pollern fixiert sind. Das besondere an den Gebäuden: Sie passen sich Veränderungen des Wasserspiegels an. Strom-, Wasser- und andere Versorgungsleitungen heben und senken sich mit dem Pegel.

Die Folge eines veränderten Denkens in den Niederlanden, meint Ankie Stam. Sie ist Architektin bei Waterstudio NL, ein weiteres auf Wasserarchitektur spezialisiertes Designbüro. "Die Leute haben gemerkt, dass wir das Wasser nicht ewig mit Deichen und Pumpen bekämpfen können. Wir müssen mit ihm leben. Und darum wollen wir dem Wasser auch Land zurück geben."

Geben und nehmen

Eine Karte mit dem geplanten Überflutungsgebiet
70 Hektar eines Polders sollen wieder geflutet werden | Bild: NDR

Das mit dem "Zurückgeben" ist wörtlich gemeint. An der Westküste der Niederlande besteht das Land zu großen Teilen aus Gebieten, die dem Wasser durch Eindeichen abgetrotzt wurden und durch ständiges Abpumpen trocken gehalten werden müssen. Das ist teuer und nicht immer erfolgreich. In regelmäßigen Abständen kommt es trotzdem zu Überschwemmungen. Unglücklicherweise ist dieses flutgefährdete Gebiet auch eine der größten Gewächshausregionen Hollands. Was also kann man tun, um die Überschwemmungsgefahr zu vermindern?

Die Gemeinde Naaldwijk westlich von Delft entschied sich für eine radikale Lösung: Ein Gebiet von rund 70 Hektar wird aufgegeben und geflutet, um so die umliegenden Polderzonen vom Wasserdruck zu entlasten. "Wir haben in den vergangenen zwei Jahren alle Gewächshäuser hier aufgekauft und abgerissen", sagt Marleen van Giesen, die Leiterin des "Nieuwe Water"-Projekts. "Wir stellen die Pumpen ab und lassen das Wasser wieder auf seine normale Höhe steigen. Dabei erhalten wir nicht nur ein Auffangbecken für Flutwasser, wir werden hier auch bauen: 1.200 neue Häuser und Wohnungen, 600 davon auf dem Wasser."

Die Baupläne reichen vom schwimmenden Apartmentkomplex mit Tiefgarage über private Inseln bis zu bezahlbaren kleinen Häusern für junge Familien. Schon 2012 sollen die ersten bezugsfertig sein, bis 2019 die letzten. Dem Wasser wird so zu seinem Recht verholfen, ohne dass auf Lebensraum für Menschen verzichtet werden muss.

Die Stadt der Zukunft

Animation einer schwimmenden Siedlung
In der Stadt der Zukunft könnte es auch schwimmende Straßen geben | Bild: deltasync

Noch mag das Bauen auf dem Wasser extravagant anmuten, aus Sicht der Experten ist es aber wohl schon bald eine Notwendigkeit. "Wir stehen in Zukunft gleich zwei großen Problemen gegenüber", sagt der Architekt Bart Roeffen. "Dem steigenden Meeresspiegel und der Tatsache, dass gleichzeitig in Holland der Boden immer weiter absackt. In hundert Jahren könnten bis zu vier Millionen Menschen in den Niederlanden auf dem Wasser wohnen."

Nicht hundert, sondern höchstens fünf Jahre soll es bis zum nächsten logischen Schritt dauern. Roeffen und seine Kollegen arbeiten schon an der ersten schwimmenden Stadt (inklusive schwimmender Straßen!), die sich auch noch selbst mit Energie und Wasser versorgt. Die erste Modellsiedlung soll bis 2016 fertig sein.

Autor: Thomas Wagner (NDR)

Stand: 13.11.2015 14:12 Uhr

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