SENDETERMIN So, 19.02.12 | 17:00 Uhr | Das Erste

Kopfgeschichten - was Haare erzählen

Haare und Sprache

Haare
Haare sind unser natürlicher Kopfschmuck | Bild: NDR

Kaum etwas hat so viel Symbolgehalt wie unser natürlicher Kopfschmuck - das schlägt sich auch in unserer Sprache nieder: Sich die Haare raufen, Haarspalterei betreiben, zu Berge stehende Haare, ein Haar in der Suppe finden, alte Zöpfe abschneiden, an jemandem kein gutes Haar lassen - das sind nur ein paar Beispiele für Redewendungen, in denen Haare eine zentrale Rolle spielen. So erstaunt es nicht weiter, dass das Wort "Locken" zwei Bedeutungen hat, nämlich Haar-Locken und an- beziehungsweise ver-locken. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass Locken "locken". Mit anderen Worten: Haarpracht kann auch verführerisch sein.

Haare und ihre erotische Signalkraft

Eine "Hexe" auf einem Scheiterhaufen - nachgest. Szene
Opfer der Hexenverbrennungen wurden oft rothaarige Frauen. | Bild: NDR

Schöne gepflegte Haare sind erotisch. Eine ungebändigte, lange Mähne zum Beispiel steht für "freizügige Sexualität", sagt die Kulturwissenschaftlerin Nicole Tiedemann-Bischop vom Altonaer Museum in Hamburg. Kurze Haare würden eher eine etwas verhaltene Sexualität signalisieren und geschorene Haare können gleichbedeutend mit Zölibat sein. Aber auch die Haarfarbe ist ausdrucksstark. Während blonde Haare spätestens seit Marilyn Monroe naive Erotik ausstrahlen, verbinden wir mit roten Locken leicht etwas Verruchtes, sexuell Aufregend-Gefährliches. Das Image der rothaarigen Verführerin rührt aus der Zeit der Hexenverfolgung. Da rote Haare äußerst selten sind, galten Frauen mit dieser Haarfarbe als dubiose Außenseiterinnen, denen man im Zweifelsfall alles zutraute - sogar den Bund mit dem Teufel. Dem hatten die Christen - sehr zum Leidwesen der betroffenen Frauen - damals die Farbe Rot zugeordnet. Davon zeugt auch noch der Spruch "Rote Haare, Sommersprossen - sind des Teufels Artgenossen".

Haare sind ein Zeichen für Vitalität

Langes Frauenhaar
Vitalität pur? | Bild: NDR

Schon in der Antike waren die Menschen kulturübergreifend davon überzeugt, dass die Haare der Sitz von Lebenskraft und Seele wären. So findet sich zum Beispiel im Alten Testament die Geschichte von dem als unbezwingbar geltenden Simson, der mit den Philistern im Streit lebte. Um hinter das Geheimnis seiner Kräfte zu kommen, schickten die Philister die schöne Delila zu ihm. Simson verliebte sich in sie und verriet ihr, dass seine Kraft in seinen Haaren läge. Delila gab diese Information an die Philister weiter, die dem schlafenden Simson daraufhin die Haare abschnitten und ihn - seiner Kräfte beraubt - gefangen nahmen. Im antiken Griechenland wollten die Soldaten mit ihren Helmen vor allem ihre Haare und damit ihre Lebenskraft schützen. Um auf ihre Feinde trotzdem stark zu wirken, befestigten die Griechen Haare an ihren Helmen. In Amerika wiederum skalpierten manche Indianer ihre Gegner. Der Skalp diente nicht nur als Siegestrophäe, die Indianer glaubten ebenfalls, dass die Haare Lebenskraft und Seele der Menschen beherbergten.

Demütigung durch Rasur

Heute glaubt man zwar nicht mehr, dass Haare gleichbedeutend mit Lebenskraft und Seele sind, eines aber gilt nach wie vor: Es gibt kaum eine demütigendere Geste, als jemanden beim Haarschopf zu packen und gegen seinen Willen kahl zu scheren. Früher wurde dies häufig mit Sklaven gemacht oder auch mit Frauen, die sich etwas zu Schulde hatten kommen lassen - zum Beispiel Frauen, die nach dem 2. Weltkrieg als "Nazi-Liebchen" galten - oder mit Gefangenen. Dass sich Mönche und Nonnen kahl scheren lassen, kann auch heute noch als Zeichen der Unterwerfung vor Gott gedeutet werden.

Frisuren machen Leute

Aufwändig geschmückte Perücke
Im Barock und Rokoko trug man Perücken. | Bild: NDR

Nicht nur die Haarlänge oder -farbe sagen in allen Kulturen etwas über die Menschen aus, sondern auch ihre Frisur. Sie war und ist zum Teil immer noch Hinweis auf Geschlecht und soziale Stellung. In Zeiten als Mann und Frau von Welt nicht ohne Perücke das Haus verließen, war die (Zweit-)Frisur zugleich Statussymbol und Kleidungsstück. Bereits die alten Ägypter und Römerinnen trugen Perücken. Im Barock und Rokoko waren hoch aufgetürmte, kunstvoll arrangierte Haarberge modern. König Ludwig XIV., der von Natur aus klein war und gerne größer wirken wollte, war ein eifriger Perückenträger und förderte damit ihre Verbreitung. Weiß gepudert sorgten die Perücken zudem dafür, dass ihre Träger und Trägerinnen gleich alt aussahen. Zumindest konnte der eitle Adel seine natürliche Haarfülle und -farbe unter den Perücken verbergen.

Bilder und Schmuck aus Haaren

Ein Haarzopf in einem Bilderrahmen
Waren ein Betätigungsfeld für Perückenmacher: Haarbilder | Bild: NDR

Spätestens mit der französischen Revolution kamen Perücken aus der Mode. Die Perückenmacher und Friseure mussten sich eine neue Einnahmequelle suchen. So fertigten sie aus einzelnen Haaren filigrane Bilder, Ketten und Broschen, die als Erinnerungsstücke an einen geliebten Menschen dienten. Diese beseelten Unikate kamen erst aus der Mode, als Fotografien zum allgemeinen Erinnerungsträger wurden. Aber auch heute noch tragen viele Menschen eine Locke ihres Kindes oder ihres geliebten Partners in einem Medaillon um den Hals oder im Portemonnaie bei sich. Haare haben einen Hauch von Ewigkeit.

Frisuren gegen den Strom

Ein Punker mit blauen Haaren
Rebellion mit Stachelfrisur: Punker | Bild: NDR

Anfang des 20. Jahrhunderts dürfte es mehr abgeschnittene Locken als Medaillons gegeben haben. Viele Frauen trennten sich damals im wahrsten Wortsinn von ihren alten Zöpfen und trugen Bubikopf. Während das erzwungene Abschneiden von Haaren demütigend ist, steht das freiwillige Abschneiden für Aufbruch und Neustart. Mit dem Bubikopf näherten sich die Frauen den Männern optisch an und machten damit einen weiteren Schritt in Richtung Emanzipation. Für einen Bruch mit den bisherigen Konventionen entschieden sich auch die männlichen Hippies in den 1960er- und 1970er-Jahren, die ihre Haare lang wachsen ließen. Frisuren waren Ausdruck von Gesinnung und Protest. Schon bald nach den Hippies versuchten die Punks ebenfalls, das biedere Bürgertum zu provozieren - mit viel Haarspray und Farbe.

Heutzutage trägt jeder auf dem Kopf, was er will - und fast niemand stört sich mehr daran. Haare haben an Symbolkraft eingebüßt. Noch immer aber gilt: Gesundes, schön glänzendes Haar ist sexy und signalisiert Gesundheit beziehungsweise Vitalität.

Literatur

...aber das Schönste an ihr war ihr Haar, es war rot wie Gold....
Haare im Spiegel der Kultur und Wissenschaft
Svetlana Balabanova
Universitätsverlag Ulm, 1993

Autorinnen: Maud Schwarz, Julia Schwenn (NDR)

Stand: 06.11.2015 13:55 Uhr

Sendetermin

So, 19.02.12 | 17:00 Uhr
Das Erste

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