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Stressfrei zum Schlachthof: Tierwohlsiegel

Preisdruck vs. Tierwohl

Masthühnchen und -schweine
Massentierhaltung hat oft nur den Produktionspreis und weniger das Tierwohl im Blick. | Bild: NDR

Der Griff in die Kühltruhe besiegelt eine stillschweigende Übereinkunft: Wer Fleisch isst, der akzeptiert, dass dafür ein Tier sterben musste. Solange es dem Tier vorher gut ging, haben viele Verbraucher kein Problem mit diesem Umstand. Doch bei dem Großteil des industriell hergestellten Fleisches ist das leider nicht garantiert. Zu stark ist der Preisdruck, zu gering die Margen für die Erzeuger. Da bleibt das Tierwohl oft auf der Strecke. In riesigen Mastanlagen stehen Hühner oder Schweine dicht gedrängt, gezüchtet auf maximale Gewichtszunahme und hohe Magerfleischanteile. Hochleistungszucht, Turbomast und industrielle Haltungsbedingungen begünstigen Krankheiten, entsprechend hoch ist der Medikamenteneinsatz. Alles nur, damit Fleisch billig bleibt. Dabei wären knapp 20 Prozent der Verbraucher ernsthaft bereit, mehr Geld für Fleisch auszugeben, wenn sie sicher sein können, dass die Tiere dadurch weniger leiden, das jedenfalls ist die Kernaussage einer Studie der Universität Göttingen.

Ungewöhnliche Partnerschaft

Das Siegel
Das neue Siegel für mehr Tierschutz in der Mast. | Bild: Tierwohllabel

In Zukunft soll der Verbraucher im Supermarkt Fleisch kaufen können, das unter möglichst tierschonenden Bedingungen produziert wird. Garantieren soll das ein neues Tierschutzlabel. Für dieses Gütesiegel sind Tierschützer eine ungewöhnliche Allianz mit Fleischerzeugern und verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen und Forschungseinrichtungen eingegangen. Unter der Schirmherrschaft des Deutschen Tierschutzbundes wird derzeit untersucht, welche Verbesserungen der Haltungsbedingungen den Tieren besonders zugutekommen.

"Hühnerprivilegien"

Hühner stehen um einen Pickstein
In den neuen Ställen gibt mehr Platz und sogar Picksteine für die Hühner. | Bild: NDR

Vilsbiburg, 80 Kilometer nordwestlich von München: Auf dem Geflügelhof der Familie Attenberger sind regelmäßig Wissenschaftler zu Gast. Hier entwickelt der Fleischproduzent Wiesenhof gemeinsam mit der Ludwig-Maximilians-Universität München eine neue Art der Geflügelhaltung. Im Stall gackern 33.000 Masthühner und Masthähnchen durcheinander. Normalerweise würde Bauer Attenberger hier über 40.000 Hühner halten. Doch die neuen Richtlinien des Tierschutzlabels verlangen 30 Prozent mehr Platz pro Tier als gesetzlich vorgeschrieben. Außerdem werden langsamer wachsende Rassen eingesetzt, die nicht mehr als 45 Gramm pro Tag zunehmen dürfen.

Damit die Hühner ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können, gibt es in den Ställen Picksteine aus Gasbeton, Strohballen zum Zupfen und Klettern, außerdem Sitzstangen. Hinzu kommen Tageslicht und Auslaufmöglichkeiten in einer überdachten, unbeheizten Voliere. Alles "Privilegien", die ein Masthuhn in konventioneller Haltung nicht hat. Wissenschaftler der Universität München untersuchen regelmäßig den Gesundheitszustand der Tiere. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen aber bereits jetzt fällt auf, dass der Antibiotikaeinsatz dramatisch gesunken ist. Die Überwachungskameras der Forscher zeigen: Die Tiere sind agiler, nutzen Picksteine, Strohballen, Sitzstangen und Auslauf intensiv.

Das Sauwohlfühl-Siegel und schweinisches Spielzeug

Ein Schwein spielt an einem "Wühltisch"
Schweine brauchen viele Spielmöglichkeiten. | Bild: NDR

Boxberg, Baden-Württemberg, 100 Kilometer nördlich von Stuttgart: Auch in der Landesanstalt für Schweinezucht werden derzeit unterschiedliche Haltungsformen erforscht. Hier sind rund 50 Prozent mehr Fläche pro Tier als in der konventionellen Haltung vorgeschrieben. Eine Gruppe von Wissenschaftlern untersucht, wie der optimale Bodenbelag beschaffen sein muss. Bisher wird in Schweineställen fast ausschließlich der so genannte "Spaltenboden" verbaut. Ein dünner Betonboden mit Schlitzen, durch die die Fäkalien in ein Sammelbecken abfließen können. In Boxberg werden derzeit unterschiedliche Gummimatten ausprobiert, auf denen die Tiere weicher liegen und laufen können.

Andere Forscher beschäftigen sich mit Schweine-Spielzeug. Die Tiere sind intelligent und neugierig. Wenn sie keine Betätigungsmöglichkeiten im Stall haben, knabbern sie an Schwanz und Ohren der Artgenossen, verletzen sie und können einander sogar im Blutrausch töten. Erstes Ergebnis: Einfache Hanfseile zum Kauen und Zerren geben den natürlichen Verhaltensweisen der Schweine ein Ventil und reduzieren die Aggressionen. Spannend finden Schweine alles, was zum Kauen und Wühlen einlädt, beispielsweise ein Strohhaufen.

Studieren geht über Kastrieren

Zwei Schweine schlafen
Ebermast ist für Züchter eine besondere Herausforderung. | Bild: NDR

Eines der wichtigsten Forschungsprojekte in Boxberg ist die so genannte "Ebermast", also die Aufzucht von männlichen, unkastrierten Schweinen. Das Fleisch geschlechstsreifer Eber kann einen für Menschen abstoßenden, urinartigen Geruch verströmen. Deshalb werden männliche Ferkel kurz nach der Geburt kastriert - ohne Schmerzausschaltung. Das Tierschutzgesetz erlaubt in der ersten Lebenswoche das Abschneiden der Hoden ohne Anästhesie. Lange ging man davon aus, dass die Tiere in den ersten Lebenstagen kaum Schmerzen empfinden. Neuere Untersuchungen belegen das Gegenteil. Deshalb dürfen Tierwohllabel-Schweine nicht mehr ohne Anästhesie kastriert werden.

Wissenschaftler erforschen in Boxberg, wie man die Eber geruchsneutralisieren könnte. Überraschenderweise haben nicht nur Sexualhormone, sondern auch Haltungsbedingungen, Futter, Stressfaktoren und die Rasse Auswirkungen auf den Ebergeruch. Mittlerweile tritt er nur noch bei fünf Prozent der Tiere auf. Die Forscher in Boxberg wollen die Quote unter ein Prozent drücken. Außerdem forschen sie intensiv daran, das stinkende Fleisch schon im Schlachthof automatisch erkennen und aussortieren zu lassen.

Das Wohl der Tiere - und was es uns wert ist

Fleisch mit Tierschutzlabel wird circa 30 Prozent mehr kosten als konventionell hergestelltes Hühnchen- oder Schweinefleisch. Aber wenn sich die Göttinger Studie bewahrheitet, werden 20 Prozent der Deutschen bereit sein, diesen Aufpreis für das Wohl der Tiere zu zahlen. Bislang hat der Kunde die Wahl zwischen konventionellem und Bio-Fleisch. Auch bei Bio gibt es Auflagen, die denen des Tierschutzlabels ähneln. Aber bei Bio geht es außerdem um den ökologischen Landbau zur Herstellung der Futtermittel und um diverse andere Umweltauflagen. Das macht Biofleisch rund zweieinhalb mal so teuer wie konventionelle Ware. Der Preis schreckt bislang viele Verbraucher ab. Mit dem Tierschutzlabel haben die Kunden in Zukunft eine günstige, wissenschaftlich abgesicherte Alternative.

Die Details der Haltungsformen werden noch erforscht, aber die Grundlagen der Haltungsbedingungen sind festgelegt. Nun können sich Fleischhersteller beim Deutschen Tierschutzbund informieren und sich für die Teilnahme an dem neuen Siegel bewerben. Produkte mit dem Tierwohl-Label sollen im Laufe des Jahres 2012 in den Handel kommen.

Autor: Björn Platz (NDR)

Stand: 18.11.2015 13:07 Uhr

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