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Wildpferde als Landschaftspfleger

Przewalski-Pferd nah
Jedes Przewalski-Pferd hat ein beige-braun-rotes Fell und eine dunkle Stehmähne mit hellem Rand. | Bild: Susanne Delonge / Susanne Delonge

Przewalski-Pferde lebten einst in ganz Europa und Zentralasien. In freier Wildbahn gelten sie jedoch seit 1969 als ausgestorben, zuletzt gab es nur noch wenige in Zentralasien. Doch bereits Anfang des letzten Jahrhunderts hatten Forscher dort einige der letzten Urwildpferde eingefangen und in europäische Zoos gebracht. Diese 13 Pferde sind die Urväter und -mütter von heute etwa 2.000 Nachkommen weltweit. Dank der Zoos überlebte die Art - doch bedroht ist sie noch immer.

Bis vor kurzem dachte man, die Przewalski-Pferde, die ihren Namen 1879 von ihrem russischen Entdecker Nikolai Mikailowitsch Przewalski erhielten, seien die direkten Vorfahren unserer Hauspferde. Nicht zuletzt deshalb hat man sich wohl bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts für ihre Erhaltung eingesetzt. Seit 2011 weiß man durch die Entschlüsselung des Erbgutes, dass unsere Hauspferde wohl doch nicht von den Przewalskis abstammen, sondern von einer anderen Urwildpferdrasse, die längst ausgestorben ist.

Vom Aussterben bedroht

Przewalski-Pferde im Naturschutzgebiet Tennenlohe
Die letzten überlebenden Urwildpferde sind vom Aussterben bedroht. | Bild: Susanne Delonge / Susanne Delonge

Mit großem Aufwand züchten der Münchener Tierpark Hellabrunn, der Tiergarten Nürnberg und der Zoo Karlsruhe im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) Tiere nach, um sie eines Tages dauerhaft in ihren Ursprungsgebieten wieder anzusiedeln. 2003 wurden die ersten Urwildpferde in Zentralasien ausgewildert. Doch der Versuch war nicht sehr erfolgreich. In dem besonders harten Winter 2009/2010 starb über die Hälfte der ausgewilderten Przewalskis.

Für ein erneutes Auswilderungsprojekt wollen sich die Zoos nun besser vorbereiten. Deshalb haben sie verschiedene Urwildpferd-Herden in Freigehegen außerhalb der Zoos untergebracht – und damit Trainingsgelände für die Pferde und eine Möglichkeit zur Beobachtung und Erforschung ihres Verhaltens für die Wissenschaftler geschaffen. Für eine erneute Auswilderung bestehen damit optimale Bedingungen , so dass das langfristige Überleben dieser Art gesichert werden kann.

Karol zieht um

Der junge Przewalski-Hengst Karol etwa lebt in einer Herde im Tierfreigelände Falkenstein im Bayerischen Wald. Doch nun ist er eineinhalb Jahre alt und wird dem Leithengst der Herde allmählich lästig. Dieser betrachtet den Kleinen als Konkurrenten und attackiert ihn immer häufiger. Karol ist bereits voller Biss- und Trittwunden. In freier Wildbahn würde Karol die Herde jetzt verlassen und sich einer Gruppe aus jungen Hengsten anschließen. In solchen Junggesellengruppen leben die jungen Hengste solange, bis sie stark und klug genug sind, um selbst eine Herde mit Stuten, eine sogenannte Haremsgruppe, zu führen.

Doch das eingezäunte Gelände kann der junge Hengst nicht aus eigener Kraft verlassen. Deshalb schreitet Tierärztin Christine Gohl vom Münchener Tierpark Hellabrunn ein. Sie betäubt Karol mit einem Pfeil aus dem Blasrohr. Dann wird Karol untersucht, er erhält notwendige Impfungen und Hufpflege, bevor er in einen Pferdehänger getragen wird. Nachdem er aufgewacht ist, beginnt die 250 Kilometer lange Reise ins Naturschutzgebiet Tennenlohe bei Erlangen. Dort haben die Tierparks eine weitere Herde Przewalski-Pferde untergebracht: eine Junggesellengruppe – genau das, was Karol jetzt braucht.

Der Hengst wird zum Gärtner

Stacheliges Gras mitten im Sand
Das Silbergras ist eine der typischen Pflanzen des Sandbiotops. | Bild: BR

Karols neue Heimat ist das Naturschutzgebiet "Tennenloher Forst" - eines der größten Naturschutzgebiete Bayerns und Teil des Nationalen Naturerbes der DBU. Das Gebiet ist trocken und sandig und bietet Lebensraum für über 1.800 heimische Tier- und Pflanzenarten wie Ziegenmelker, Schlingnatter, Blauflügelige Ödlandschrecke, Kleines Habichtskraut oder Silbergras. Mehr als 330 der hier vorkommenden Arten sind stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht.

Die Ökologin Wiebkea Bromisch und die Biologin Verena Fröhlich, die das Gebiet betreuen, freuen sich auf Karol. Die Przewalski-Herde, die hier schon lebt, kann Zuwachs gut gebrauchen. Die Hengste sind nicht nur eine Attraktion für die Besucher des Naturschutzgebietes, sondern sie helfen auch aktiv mit beim Landschaftsschutz. Deshalb sind sie hier besonders wichtig. Denn die offenen, ökologisch wertvollen Sandflächen wären längst überwuchert, würden die Przewalski-Hengste die Flächen nicht permanent freihalten. Als eine von wenigen Tierarten fressen die Pferde nämlich das sogenannte Landreitgras, eine Pflanze, die in kurzer Zeit freie Flächen überwuchert, und in deren Schutz dann Büsche und Bäume wachsen können.

Wissenschaftler haben das Gebiet seit 2003 immer wieder untersucht. Mittlerweile ist es offensichtlich: Die Przewalski-Pferde schaffen es tatsächlich, die stark invasiven Pflanzen in Schach zu halten, so dass die schützenswerte Landschaft erhalten bleibt. Damit ist allen geholfen: den Naturschützern, die das wertvolle Biotop nicht verlieren wollen, und den Tierschützern, die die Przewalski-Pferde erhalten wollen.

Zuwachs in Tennenlohe

Hengst Karol im  Pferdehänger
Der junge Hengst Karol sieht zum ersten Mal seine neue Heimat. | Bild: BR

Nach über drei Stunden Fahrt im Pferdehänger ist es so weit: Karol wird im Naturschutzgebiet Tennenlohe freigelassen. Die Gebietsbetreuerinnen Wiebkea Bromisch und Verena Fröhlich, die Tierärtzin Christine Gohl und die vielen Helferinnen und Helfer sind gespannt, wie die Hengstgruppe den Kleinen aufnehmen wird.

Pferdeverhaltensforscherin Konstanze Krüger von der Universität Nürtingen glaubt, dass es gut gehen wird. Sie beobachtet die Hengstgruppe schon lange, denn für sie bietet diese Herde ideale Bedingungen, um das Verhalten von Pferden in (fast) freier Wildbahn zu studieren. Dabei hat sie etwas Überraschendes festgestellt: In der Gruppe gibt es zwar eine feste Rangordnung, wie üblich, aber auch zwei Tiere, die immer wieder dazwischen gehen, wenn sich andere streiten. Konstanze Krüger bezeichnet die beiden als Streitschlichter. Warum die Pferde sich so verhalten – obwohl sie dabei ja riskieren, selbst verletzt zu werden – weiß Professor Krüger noch nicht. Doch sie wird die Herde weiter beobachten. Auch muss sich noch zeigen, ob die Existenz dieser beiden Streitschlichter für den Neuankömmling Karol positiv ist.

Der Hänger ist auf dem Gelände zum Stehen gekommen. Nach kurzem Zögern springt Karol heraus. Die Herde begrüßt ihn zunächst freundlich. Er zeigt auch gleich seine Unterlegenheit, scheint sich unterordnen zu wollen. Doch dann läuft er der Herde davon, schlägt aus, versucht sie loszuwerden. Nach zwei Stunden hat sich die Situation beruhigt. Die Hengste grasen friedlich nebeneinander. Einer der beiden Streitschlichter steht dicht bei Karol. Vorerst sind alle mit dem Verlauf zufrieden. Natürlich werden sie die Gruppe weiter beobachten.

Autorin: Susanne Delonge (BR)

Stand: 21.03.2013 15:54 Uhr