"Kraft geben gegen Gewalt und Terror"

von Inge Deutschkron, Zeitzeugin und Erzählerin des Films

Inge Deutschkron mit Bundespräsident Joachim Gauck
Inge Deutschkron mit Bundespräsident Joachim Gauck in der Blindenwerkstatt Otto Weidt | Bild: dpa

"Otto Weidt", so vertraute mir ein Freund an, "der Besitzer der gleichnamigen Blindenwerkstatt, ist in der Stadt als einer der wenigen Arbeitgeber bekannt, die ihre jüdischen Arbeiter gut behandeln." Zögerlich folgte ich dem Ratschlag, diesen Weidt aufzusuchen. Ab April 1941 galt ein Gesetz, das Juden, Männer und Frauen, zu Zwangsarbeit in "wehrwichtigen" Fabriken verpflichtete. Im Seitenflügel des Hauses Rosenthaler Straße 39 stieg ich eine wacklige Holztreppe hinauf und trat in einen kärglich eingerichteten Büroraum ein. Dort sah ich Weidt, schlank, eigentlich hager. Über dem zerfurchten Gesicht glattes farbloses Haar. Seine blauen Augen waren fahl. Otto Weidt war nahezu blind. Er hieß mich setzen, fragte mich kurz über meine Familie aus, besonders über meines Vaters politische Tätigkeit gegen die Nazis. Schließlich sagte er: "Seien Sie übermorgen vor dem Arbeitsamt für Juden. Mal sehen, was sich machen lässt."

Doch dieses Mal war der Büroleiter nicht geneigt, jüdische Arbeiter zu Weidt zu vermitteln. Zur Strafe, dass wir es gewagt hatten, bei Weidt um Arbeit zu bitten, schickte man uns zur IG-Farben, einem mit den Nazis verbandelten Konzern. Die Behandlung dort war, wie ich befürchtet hatte. Während der Pause kannten wir jüdischen Frauen nur ein Gespräch: "Wie kommen wir hier wieder raus?" Ich brachte mir eine Knieverletzung bei und wurde tatsächlich als unfähig, zehn Stunden an der Maschine zu stehen, entlassen. Weidt strahlte, als er dies hörte. Das war so recht nach seinem Sinn. Er schlug vor, noch einmal zu versuchen, meine Anstellung in seiner Werkstatt zu erwirken. Mit einem Paket unter dem Arm, dessen Bedeutung mir erst später klar wurde, trat Weidt vor den Amtsleiter. Dieses Mal begrüßte er uns freundlich und hatte keine Einwände, mich zur Blindenwerkstatt zu vermitteln. Als wir das Arbeitsamt verließen, fehlte das Paket unter Weidts Arm. Nein, er hatte es nicht vergessen. Er hatte offenbar die richtige Parfümsorte der Frau Gemahlin des Amtsleiters getroffen, die in jenem Paket enthalten war.

Weidt erhielt Aufträge von der Wehrmacht für Besen und Bürsten. Dafür wurden ihm Rohmaterialien zugeteilt. Gelegentlich führte er diese Arbeiten auch aus, doch meist nur auf Drängen der Wehrmacht. Das ihm zugeteilte Material benutzte er für "andere" Geschäfte. Besen und Bürsten eigneten sich gut als Tauschobjekte. Es gab kaum ein größeres Warenhaus in Berlin, mit dem Weidt nicht derartige Geschäfte tätigte: Rosshaarbesen gegen Parfüm, gegen Pullover, gegen Cognac, gegen Seidenstrümpfe. Alles Waren, die Weidt für die Bestechung der Beamten der Gestapo benutzte. Für seine 30 jüdischen Blinden sorgte er für Lebensmittel, die ihnen nur in sehr beschränktem Umfang zugeteilt wurden.

Die Gestapo hatte das Recht, Werkstätten und Fabriken, in denen Juden arbeiteten, regelmäßig zu inspizieren. Sie schienen gern zu Weidt zu kommen, wohl wissend, dass sie nicht mit leeren Händen die Werkstatt verließen. Weidt behandelte sie wie Kumpels. Als im Oktober 1941 die Deportationen der Juden gen Osten begannen, gelang es ihm, einige seiner Blinden davor zu bewahren. In der Gestapo-Zentrale empörte er sich, dass man ihm seine Arbeiter wegnähme und ihn finanziell ruinieren würde. Die Gestapo, die den Hinweis auf die "guten Beziehungen" miteinander verstand, gab seine Arbeiter wieder frei. Dennoch beschloss Weidt, der davon überzeugt war, dass die Nazis Berlin "judenrein" machen wollten, Verstecke vorzubereiten. Als es tatsächlich dazu kam, pokerte Weidt um seine Juden und erreichte, dass jene, die gefangen wurden, in die Kasernen von Theresienstadt eingewiesen wurden und nicht in die Gaskammern von Auschwitz. Dorthin schickte Weidt ihnen Lebensmittelpakete. Seine ehemalige Sekretärin, Alice Licht, konnte er aus dem KZ befreien.

Meine Mutter und ich überlebten mit Weidts Hilfe und der anderer Freunde. In England fanden wir wieder mit meinem Vater zusammen. Meine Versuche, dort meine Schul- und Berufsausbildung nachzuholen, schlugen fehl. Ich kehrte nach Deutschland zurück. In der provisorischen Hauptstadt stellte ich zu meinem Entsetzen fest, dass Nazis der ersten Stunde in führenden Positionen in Bonn eingesetzt worden waren, die der Demokratie so fern standen wie in der Nazizeit. Das führte schließlich zu meiner Auswanderung nach Israel. Ich kehrte erst nach Berlin zurück, als Schüler mich drängten, ihnen von meinem Lebenskampf in der Nazizeit zu berichten. Ihr Interesse war und ist so groß, dass ich dies zu meiner Lebensaufgabe gemacht habe. Ich bin überzeugt davon, dass der Film eine ähnliche Wirkung haben wird – nämlich, nächsten Generationen das Verständnis und die Kraft zu geben, gegen Gewalt und Terror in ihrem Land aufzustehen.

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