CONNIE WALTHER ZU IHREM FILM

Hundetrainer Gerd Schuster (als er selbst) mit Hund Face.
Hundetrainer Gerd Schuster mit Hund Face. | Bild: SWR / Tom Trambow

Ästhetik

Die Form folgt dem Inhalt. Wir mussten den Darstellern, also den ehemaligen Tätern, die ihre Haftstrafen verbüßt hatten, einen Schutzraum bieten. Den sollten sie mit eigenen Erfahrungen und eigener Haltung füllen, er sollte sie jedoch vor persönlicher Entblößung bewahren. Sie waren Darsteller in einem Film, erhielten Spielnamen und fiktionale Vitae, trugen erfundene Kostüme. Der Raum, in dem sie agieren, ist künstlich überhöht. Er wirkt kolossal, fast pathetisch.

Im Wirkungsfeld von Aggression, bei den Männern wie bei den Hunden, bildet Pathos die Basis. Es wird gebrüllt und gebellt, getanzt und posiert, bevor gekämpft wird – die Machtdemonstration als Choreographie. Das Austragungs-Areal wird zum Pantheon alter Glaubenssätze. Die schweren Wände tragen Narben, Spuren vergangener Kämpfe, Reliefs von Engelsflügeln. Der Glaubenssatz „man müsse kämpfen, um gesegnet zu werden“ ist uralt. Womöglich hat er seinen Ursprung in der berühmtesten kämpferischen Auseinandersetzung der Menschheitsgeschichte: dem Jakobskampf in der Genesis. Ob „Unbekannter“ oder „Engel“ oder ein tiefenpsychologisch gedeutetes „Ringen mit sich selbst“, der Jakobskampf steht wie kein anderer symbolhaft für die Ambivalenz des Kämpfens.

Hier währt dieser Kampf sechs Tage und sechs Nächte. Diese zeitliche Einteilung verortet den Rhythmus einer Welt, in die hinein es kein Fenster gibt. Nicht zuletzt ist sie Hinweis auf die Schöpfungsgeschichte. Die Wiederholung und das Kreisförmige sind wesentliche gestalterische Elemente des Films. Die Musik von Hans-Joachim Roedelius und Arnold Kasar formt die akustische Entsprechung. Ihre Musik basiert auf Improvisationen, weist jedoch eine klare rhythmische Struktur auf. Wie das Wogen einer Brandung, die ähnlich, aber niemals identisch wiederkehrt, bringt ihre Musik Sinnlichkeit, Lebendigkeit und Verlässlichkeit in die hermetische Abgeschlossenheit des Gefängnissystems.

Casting

Nach den Erfahrungen in der Haftanstalt stand fest, dass für einen Spielfilm mit echten Problem-Hunden nur Männer mit echten Aggressionsproblemen infrage kommen. Sabine Winterfeldt, die neben ihrer schauspielerischen Tätigkeit theaterpädagogisch im Antigewaltbereich arbeitet, fand die jungen Männer, die alle lange Haftstrafen verbüßt hatten. Neben der schauspielerischen Begabung waren ihre Gewaltdelikte ein wesentliches Kriterium für die Auswahl. Auch wenn der Film ihre Straftaten fiktionalisiert.

Weil die Rückfallquote von Gewaltstraftätern sehr hoch ist, casteten wir die doppelte Anzahl, um sicher zu gehen, dass wir bei Drehbeginn noch ausreichend Darsteller haben würden. Mit Unterstützung von Gangway e.V., Straßensozialarbeit in Berlin, entwickelten wir einen Workshop, in dem die Laien mit ausgewählten professionellen Schauspieler*innen Spieltechniken erlernen und szenisch arbeiten sollten. Der Workshop lief über drei Monate. So entstand das Theaterstück »Wir müssen draußen bleiben« mit allen fünfzehn Mitwirkenden.

Auch die Hunde wurden gecastet. Durch Nadin Matthews' Netzwerk gelang es, an Hunde zu kommen, die man normalerweise nicht zu Gesicht bekommt, wenn man Tierheime besucht. Hunde, die nicht vermittelbar sind, weil sie in Isolationshaft leben. Diego, Georgie und Face sind solche Kandidaten.

Director`s Note

Ich bin Filmemacherin, ich führe ein privilegiertes Leben. Dennoch habe auch ich etliche Berührungspunkte mit Aggression und Gewalt gehabt. Wie fast alle Menschen, überall auf der Welt. Wir alle sind Teil eines strukturell gewalttätigen Ganzen, gleich, wie sehr wir vermeiden, verdrängen, wegsperren. Gewalt ist immer innen. In der Gesellschaft, in uns.

Filme sind Erfahrungsräume, Experimentierfelder auch, nicht zuletzt für jene Grenzerfahrungen, für die wir im realen Leben unsere körperliche und seelische Unversehrtheit riskieren würden. Als Filmemacherin sehe ich es als meine Aufgabe, Ambivalenzen zu erzeugen. Wenn die Vielzahl widerstreitender Gefühle Gewissheiten so durcheinanderwirbelt, dass die Intuition den Verstand ablöst, wird es spannend. Weil Wissen und Verstand die eigentliche Erkenntnis behindern. Erst in der Erfahrung großer Widersprüche gibt es dieses Einlassen ohne Gewähr und Rückversicherung, nach dem ich suche.

Was auch immer auf der Leinwand passiert, es bleibt künstlerische Spekulation. Die Gewissheit, einem Gleichnis und nicht dem wahren Leben ausgesetzt zu sein, wirkt entlastend. Ich mag es, wenn Filme »schwer« sind und diese Entlastung zunächst aussetzen. So dass sie einen nicht mehr loslassen. Einstein hat gesagt, es sei schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom. Auch Filme können keine tausendjährigen Glaubenssätze auflösen, aber sie können Initialzündungen sein. Das wünsche ich mir für meine Arbeit. Ich brauche unwegsame Herausforderungen – »Die Rüden« waren eine.

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