Editor’s Note – Esther Schapira über "Schuss in der Nacht"

Tatrückblende – Stephan Ernst (Robin Sondermann) beobachtet die Terrasse von Walter Lübcke aus der Ferne.
Tatrückblende – Stephan Ernst beobachtet die Terrasse von Walter Lübcke aus der Ferne. | Bild: HR / Daniel Dornhoefer

»Der Schuss fiel aus nächster Nähe. Er tötete den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Aber er zielte auf alle, die sich für eine weltoffene, freie Gesellschaft engagieren. Wer nicht ins Weltbild der Hetzer und Scharfmacher passt, landet schnell auf ihrer Abschussliste. Wie groß die Bedrohung inzwischen ist, wissen vor allem jene, die sich dem Hass entgegenstellen. Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke hatte den Mut, dieser Gefahr zu trotzen. Sein klares Engagement für die Werte unseres Grundgesetzes machte ihn zur Zielscheibe des Hasses. Nur wenige stellten sich offen und beherzt an seine Seite. Viele schämten sich nach seinem Tod dafür, ihn allein gelassen zu haben. Das schleichende Gift der Angst lässt Menschen verstummen, andere schweigen aus Gleichgültigkeit, fühlen sich nicht gemeint. Das Schweigen der Mehrheit aber wird als Zustimmung missbraucht.

An diese Mehrheit wendet sich unser Film vor allem. Die Botschaft lautet: Die Ermordung Walter Lübckes geht uns alle an, jede und jeden Einzelne*n, direkt und unmittelbar. Wir können die Verteidigung unserer offenen, liberalen Gesellschaft nicht delegieren. Auf den ersten Blick ist dieser Film die Rekonstruktion der Ermittlung in einem Mordfall. Es ist aber keine juristische, sondern vielmehr eine politische Ermittlung. Und so werfen die Ermittlungsergebnisse zutiefst beunruhigende Fragen auf, die nicht vor Gericht verhandelt wurden und die weit über die rechtsextreme Szene hinausreichen. Fragen, die den Kern unserer Demokratie betreffen. Ein wesentliches Motiv für seine Radikalisierung und schließlich für den Mord sei sein Entsetzen über die Anschläge von Islamisten gewesen, sagte Stephan Ernst. Die grauenvollen Bilder habe er nicht mehr aus seinem Kopf bekommen. Bilder, die er und seine Kameraden sich zur Motivation ihrer eigenen Gewalt wieder und wieder im Geist und im Netz vergegenwärtigt beziehungsweise angeschaut haben. Bilder von Enthauptungen als Rechtfertigung für Erschießungen.

Die Überschriften und die vermeintlichen ideologischen Rechtfertigungen für die Rohheit, für die Verbrechen mögen verschieden sein und auch die Reaktionen, die sie öffentlich hervorrufen. Im Kern aber geht es um dasselbe: den Angriff auf unsere Werte, unser Selbstverständnis als freie, demokratische Gesellschaft, auf unsere Würde.

Der Prozess im Mordfall Walter Lübcke wird mit dem Urteil des OLG Frankfurt zunächst sein Ende finden. Die Geschichte der Radikalisierung des Täters und die Auseinandersetzung mit der Vorgeschichte des Mordes aber muss weitergehen, und auch die Suche nach den Antworten auf die Fragen nach Verantwortung und Versagen – des Staates und der Zivilgesellschaft. Fragen, die wir uns auch selbst stellen müssen. Als Journalist*innen, als Bürger*innen, als Demokrat*innen. Wir müssen diese Debatte führen. Im Land, im Netz, im Ersten.«

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