Gespräch mit Dagmar Seume

Regisseurin

Regisseurin Dagmar Seume am Set vom "Tatort: Durchgedreht".
Regisseurin Dagmar Seume am Set. | Bild: WDR / Martin Valentin Menke

"Estonia" ist der dritte Teil der Ostsee-Krimi-Reihe "Nord bei Nordwest" um Tierarzt Hauke Jacobs. Wie war es für Sie, dazuzukommen?

Daran ist man als Regisseur ja in gewisser Weise gewöhnt. Man versucht natürlich, dem Format gerecht zu werden und trotzdem eine eigene Handschrift mitzubringen, was auch gewünscht ist. Ich wurde sehr nett aufgenommen. Die Schauspieler dieser Reihe sind sehr professionell und ein gutes Team, von daher war das sehr angenehm.

Wie würden Sie Ihre eigene Handschrift denn beschreiben?

Mein Bestreben ist es, nicht alles auszuerzählen, sondern eher elliptisch zu erzählen, die Sachen verkürzt anzureißen. Ich möchte den Zuschauern die Möglichkeit geben, mit der eigenen Fantasie zu spielen. Das ist etwas, was ich als Krimielement mehr und mehr einzusetzen versuche, auch bei den "Tatorten", die ich drehe.

Was hat Sie zu diesem speziellen Projekt motiviert?

Mir hat die Geschichte gefallen. Dass man in so einem kleinen Ort so politische Dinge wälzen kann ist spannend. Damit das trotzdem wahrhaftig ist, muss man eine ziemliche Gratwanderung gehen; das hat mich sehr gereizt. Darüber hinaus ist natürlich auch die Figurenkonstellation mit dem von Hinnerk Schönemann gespielten Tierarzt, der immer ein Geheimnis behält, und den beiden Frauen sehr attraktiv.

Die Reihe spielt augenzwinkernd mit verschiedenen Genres. Diesmal dient der Spionagethriller als Folie …

Das Thriller-Element hat mich auch persönlich interessiert, weil ich das so selbst noch nicht bedient habe. Gerade die Kombination aus ruhigem Dorfalltag und Thriller hat mich gereizt. Aus dieser Spannung, diesem Gegensatz, lässt sich viel Schönes machen.

Das Versteckspiel der Spione ist ein wichtiges Motiv. Das Ganze kulminiert in einem richtigen Kostümball. Ein großer Spaß und ein großes Durcheinander – wie kompliziert war das für Sie als "Spielleiterin"?

Dieses Spiel mit der Doppeldeutigkeit steckt in allen Büchern von Holger Karsten Schmidt. Das ist natürlich eine besondere Qualität. Der Maskenball ist eine Art Spiegel für das, was in der Geschichte sonst noch passiert. Wenn man so was Großes zu inszenieren hat, ist das immer eine sehr freie Gestaltung, auch was die Kamera angeht. Dabei muss man darauf achten, die Details nicht aus den Augen zu verlieren, zum Beispiel die Blicke zueinander. Davon leben diese großen choreographischen Szenen.

Weil Hauke Jacobs Veterinär ist, kommen in jedem Film Tiere zum Einsatz, die sich bekanntlich nicht um Regieanweisungen scheren. Was haben Sie von den Dreharbeiten zu erzählen?

Ich hab ja keine Angst vor Dreharbeiten mit Kindern und Tieren. Ich habe vor meinen beiden Kölner Tatorten "Hanni und Nanni 3" sowie "Wendy" gedreht, einen Kinofilm mit Kindern und noch mehr Tieren. Weil ich es mag, was Tiere so machen, versuche ich immer, bei ihnen das abzuholen, was sie uns schenken, und nicht umgekehrt das zu kriegen, was wir uns in den Kopf gesetzt haben. Das gelingt dann meistens ganz gut. Wichtig ist, dass man im Kopf flexibel bleibt.

Wie ist Ihre Haltung zur Initiative "Pro Quote Regie", die die Gleichstellung von Frauen im Regieberuf erreichen möchte?

Ich finde solche Quoten im künstlerischen Bereich schwierig, weil Regieführen in meinen Augen etwas sehr Individuelles ist. Wenn man zwei Männern und drei Frauen denselben Stoff und dieselben Schauspieler an die Hand geben würde, würden fünf ganz unterschiedliche Filme dabei herauskommen. Jeder würde die Dinge anders gestalten, deshalb ist es letztlich vor allem wichtig, dass man persönlich mit dem Stoff etwas anfangen kann. Was ich wichtiger fände als eine Quote, ist die gleiche Bezahlung. Insgesamt finde ich, dass Frauen in Deutschland im künstlerischen Bereich schon sehr viel erreicht haben, und es ist weiter in der Entwicklung. Das ist natürlich gut so, aber man kann ja, wie man so schön sagt, nicht am Rasen ziehen – davon wächst er auch nicht schneller.

(Interview: Birgit Schmitz)