Im Interview: Drehbuchautor Mike Bäuml, Regisseur Felix Karolus und Produzent Mario Krebs

Der Schuldnerberater Jonathan Hüter führt seinem Klienten Yegor Melnik die Konsequenzen seiner bevorstehenden Insolvenz vor Augen.
Der Schuldnerberater Jonathan Hüter führt seinem Klienten Yegor Melnik die Konsequenzen seiner bevorstehenden Insolvenz vor Augen. | Bild: rbb / Volker Roloff

Der Jakobsweg in Brandenburg?! Das ist sicher nicht allen geläufig. Wann und wie ist die Idee zum Drehbuch entstanden?

Drehbuchautor Mike Bäuml: Der Hinweis auf den Jakobsweg in Brandenburg kam von unserer Redakteurin Daria Moheb Zandi und hat sofort mein Interesse geweckt. Erst dann habe ich entdeckt, wie verästelt dieser Pilgerweg ist und sich wie ein Nervengeflecht noch in die hintersten Winkel Europas zieht.

Produzent Mario Krebs: Am Anfang stand die Idee von einem Toten, der am Pilgerweg durch Brandenburg gefunden wird und die Frage, was Menschen veranlasst, sich auf eine lange Wegstrecke zu begeben, bei der es ja nicht darum geht, eine große Kilometerzahl zu bewältigen. Oft sind Krisensituationen der Ausgangspunkt.

Existenzängste und finanzielle Belastung gehören zu den aktuellen gesellschaftlichen Top-Themen Wann und wo lag der Startpunkt der Buchentwicklung? Und was war der Gedanke dahinter, das Pilgern in die Geschichte einfließen zu lassen?

Produzent Mario Krebs: Unser Autor Mike Bäuml hatte in den letzten Jahren reale Geschichten gesammelt von Menschen, die in die Insolvenz geraten waren.

Drehbuchautor Mike Bäuml: Im Zuge der Corona-Pandemie mussten um mich herum einige alteingesessene Geschäfte schließen. In Gesprächen habe ich interessante Einblicke in die Gründe erhalten, teils aber auch den irritierenden Hang bemerkt, das eigene Scheitern mit finsteren Intrigen zu erklären. Existenzangst und Geldmangel sind mir als selbstständiger Drehbuchautor nicht wirklich fremd. Es war also nicht schwer, sich in die Gefühlslagen von Menschen in finanziellen Nöten einzufühlen. Der Jakobsweg bietet den Menschen offenbar eine willkommene Gelegenheit, aus ihrem Alltag zu entkommen, sich zu finden. Gleichzeitig hat sich das Pilgern aber auch zu einer Art Lifestyle entwickelt, ein Wellness-Event, von dem sich viele sicher auch zu viel versprechen.

Produzent Mario Krebs: Wir haben dann das eine mit dem anderen verknüpft, waren uns aber darin einig, dass es nicht um die aktuelle coronabedingte Insolvenzwelle gehen sollte, sondern wir wollten eine allgemeingültige Geschichte erzählen.

Drehbuchautor Mike Bäuml: Dass das Thema durch Inflation, Lieferkettenprobleme und Ukrainekrieg weiter an Aktualität gewinnen würde, war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht abzusehen.

Insolvenz ist eher ein kompliziertes und trockenes Thema, was hat Sie überzeugt, diesen Film zu produzieren?

Produzent Mario Krebs: Von außen betrachtet, mag sich das so darstellen. Für Menschen, die sich eingestehen müssen, dass sie mit dem, was sie sich vorgenommen haben, gescheitert sind, ist die Situation traumatisch. Wer vor den Trümmern seiner Existenz steht, ist verzweifelt. In allen Geschichten, die ich bisher für verschiedene Krimi-Formate entwickelt und produziert habe, ging es mir immer darum, aus dem Leben von Menschen zu erzählen, die an einer Grenze stehen. Dramatische oder tragische Konfliktsituationen sind Ausgangspunkt für die Entwicklung von Geschichten, die uns alle berühren.

Der Film zeigt, wie komplex der Vorgang einer Insolvenzverwaltung ist, wie haben Sie die Hintergründe recherchiert?

Drehbuchautor Mike Bäuml: Ein alter Juristenspruch besagt: Ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz. Und in der Tat ist die Insolvenz und deren Ablauf genauestens gesetzlich geregelt. Über einige Feinheiten und Handhabungen in der Praxis konnte ich dann einen Schuldnerberater befragen, wobei die Abläufe in einem Film naturgemäß verkürzt dargestellt werden müssen.

Produzent Mario Krebs: Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche bietet in vielen großen Städten eine Schuldner- und Insolvenzberatung an. Für jeden. Damit niemand aus Scham und Verzweiflung an den Falschen gerät.

Die Erzählung wählt mit dem Insolvenzverwalter Udo Schick und dem Schuldnerberater Jonathan Hüter ein besonderes Figurenduo. Können Sie etwas zu den beiden Figurenbildern sagen?

Drehbuchautor Mike Bäuml: Die Idee zu den Figuren entstand aus der Bekanntschaft mit Menschen, die in Hilfsberufen arbeiten. Ich habe miterlebt, wie deren Enthusiasmus und Lust auf die Arbeit nach Jahren des Abarbeitens an den immergleichen Problemen anderer Leute in eine gewisse Indifferenz, bis hin zur Verachtung kippt. Diesen Bruch fand ich spannend. Es war interessant das anhand eines so unterschiedlichen Paares zu erzählen, das noch dazu durch eine komplizierte Beziehung zu Udos Tochter so ineinander verheddert ist. Udo als der vermeintlich strenge, unnachgiebige, pedantische Anwalt hilft den Menschen wirklich, während der hilfsbereite, eloquente, joviale Jonathan in Wahrheit dunkle Absichten verfolgt.

Was war Ihnen bei der Inszenierung dieses "duo infernale" besonders wichtig?

Regisseur Felix Karolus: Das "Duo Infernale" wollte ich als ganz normales Ehepaar erzählen, mit all seinen alltäglichen Problemen und Geheimnissen. Hüter und Schick halten niemandem ein Messer an die Kehle, sie beeinflussen die Menschen auf ihre ganz eigene Art. Letztlich wird ihr Bild dadurch gezeichnet, wie die anderen auf sie reagieren. Was die Tochter Maria, Frau Mai und Caro über die Zwei sagen und wie diese handeln, wenn sie deren Namen hören.

Mit der Figur Karl Rogov kommt innerhalb kurzer Zeit ein Anti-Held ins Ermittlerteam, der sich von der Seite nach vorne spielt, wie sind Sie den Gastauftritt von Frank Leo Schröder angegangen?

Regisseur Felix Karolus: Rogov ist ein missverstandener Charakter, auf dem Abstellgleis in Lebus. Und er gehört der alten Generation an. Old-school vs. New-school – aber er verfolgt das gleiche Ziel wie Vincent Ross. Und dieser erkennt das, hört Rogov zu, schenkt ihm Vertrauen, das er so lange nicht bekommen hat. Dadurch öffnet sich Rogov und selbst wenn sein Kollege sich nicht so verhält, wie es in Rogovs Welt üblich war, bleibt er offen und interessiert – erwacht. Ich wollte keine künstlichen Konflikte zwischen den Beiden produzieren, sondern die Gemeinsamkeiten hervorheben.

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