Gespräch mit Prof. Dr. Holger Wendelin

Professor für Erziehungswissenschaften

Sami (Jack Owen Berglund) geht es zusehends schlechter. Keno (Junis Marlon) hält die Stellung.
Sami geht es zusehends schlechter. Keno hält die Stellung. | Bild: NDR / Christine Schroeder

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von den Jugendämtern in Obhut genommen werden, nimmt seit Jahren zu. Wie ist das zu erklären?

Vermutlich ist dafür ein Amalgam aus verschiedenen Faktoren verantwortlich. Zum einen gibt es seit zehn, fünfzehn Jahren eine zunehmende Sensibilisierung für das Thema Kinderschutz in der Bevölkerung, in den Jugendämtern und in Fachkreisen. Das hat 2006 mit einem Fall in Bremen angefangen, in dem ein Kind zu Tode kam, obwohl das Jugendamt eingeschaltet war, aber es gab noch mehr solcher Fälle, die durch die Medien gingen. Auch gesetzlich hat sich einiges getan; 2012 ist beispielsweise das Kinderschutzgesetz in Kraft getreten. Diese erhöhte Sensibilität führt natürlich auch zu einer höheren Wachsamkeit und zu mehr Inobhutnahmen, wenn Fälle anliegen. Ein anderer Faktor sind möglicherweise auch gesellschaftliche Veränderungen. Wir leben seit zwanzig, dreißig Jahren in einer Gesellschaft, die immer offener und freier wird und die immer mehr Botschaften aussendet wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Diese Freiheiten, die wir auf der einen Seite positiv für uns annehmen, bedeuten aber auch eine Gestaltungsnotwendigkeit. Das ist eine Leistung, die man erst einmal vollbringen können muss, und es gibt Menschen, vor allem Jugendliche, die es nicht schaffen, sich in unserer immer komplexer werdenden Welt zu orientieren und dann auf der Strecke bleiben. Was wir im Film sehen, ist allerdings nicht die klassische Inobhutnahme.

Keno aus dem Film lebt in einer Wohngruppe, wo er nicht klarkommt. Was wäre im Normalfall seine nächste Station? Das Ausland, wie es seinem Heimleiter offenbar vorschwebt?

Keno ist ein Jugendlicher, der offenbar schon länger im Hilfesystem ist. Er hat wahrscheinlich bereits verschiedene Hilfestationen erfolglos durchlaufen. Wenn sich aus Inobhutnahmen Hilfeverläufe entwickeln, die nicht erfolgreich sind und die Lebenslage eher noch dramatisieren, kommt man tatsächlich irgendwann an einen Punkt, wo eine Auslandshilfe notwendig wird.

Sie haben die Praxis solcher Maßnahmen im Ausland erforscht. Seit wann gibt es das und welche Konzepte liegen dem zugrunde?

Solche Projekte sind in den 80er-Jahren als Alternative zur damals noch häufig praktizierten geschlossenen Unterbringung entstanden. Anfangs waren das ganz abenteuerliche Unternehmungen, bei denen auch mal Fahrradreisen durch den Iran gemacht wurden. Heute sind es überwiegend Projekte, bei denen die Jugendlichen fest an einem Ort leben. Ich habe mir für meine Untersuchung 80 solcher Betreuungen in 13 Ländern angeschaut, und daraus ergaben sich zwei klassische Betreuungskonzepte: Das eine sind Jugendliche, die bei Betreuungsfamilien des Gastlandes – wie Kirgisien, Rumänien oder Polen – untergebracht sind und dort häufig ein ländlich-bäuerliches Leben führen, wie die Jugendlichen in diesem Film. Sie machen ungefähr ein Drittel aller Fälle aus. Der andere große Teil wird von deutschen oder deutschsprachigen Sozialpädagogen betreut, die oft eher in Süd- oder Nordeuropa lokalisiert sind. Das ist auch ungefähr ein Drittel, und dazwischen gibt’s noch bunte Mischkonzepte.

Warum das Ausland? Welche Erwartungen sind damit verbunden?

Diese Projekte sind in der Regel familienorientiert oder auf Einzelbetreuung ausgerichtet. Dahinter steht die Hoffnung, über eine enge Beziehung, ein enges Zusammenleben wieder einen Zugang zu den Jugendlichen zu finden. Erstens geht man davon aus, dass sie über die räumliche Distanz auch in eine psychische Distanz zu den Problemen zu Hause kommen. Weg von zu Hause heißt auch weg vom Straßenstrich oder Drogenmilieu oder was auch immer. Das andere ist die Erwartung, dass die Jugendlichen da, wo sie hinkommen, nicht mehr das negative Verhalten zeigen, das sie in Deutschland oft schwer aushaltbar macht. Also in irgendeiner Art und Weise gewalttätig zu werden oder wegzulaufen. Das tun sie in der Regel schon allein deswegen nicht, weil sie sich in dem Gastland nicht auskennen. Das Dritte sind bestimmte Einflüsse der Länder, von denen man sich pädagogisch etwas verspricht. Ob das jetzt Entstigmatisierungen sind oder eine besondere Kultur oder eine andere Lebensweise als die, die die Jugendlichen kennen.

Finn und Otto aus dem Film sind in polnischen Pflegefamilien untergebracht. Sie leben in sehr ärmlichen Verhältnissen, niemand spricht ihre Sprache. Gibt es solche Szenarios auch in der Wirklichkeit?

Es gibt solche Settings, ich habe sie selber schon gesehen. Ich würde sagen, ungefähr ein Viertel der Hilfen, die ich mir angeschaut habe, funktionierten so ähnlich. Und das ist tatsächlich ein Problem. Ich habe da Jugendliche gesehen, die sich sehr verloren fühlten, aber es gab auch solche, die nach einem Jahr mit ihrer Pflegefamilie zusammengewachsen waren und zum Teil auch dableiben wollten. Es gibt durchaus auch positive Verläufe. Man kann das bäuerlich-ärmliche Umfeld für Jugendliche aus deutschen Ballungsgebieten durchaus als interessanten Erfahrungsraum begreifen. Muss man nicht, kann man aber. Wenn man Jugendliche in solche ganz basalen Lebenszusammenhänge gibt, zielt man darauf ab, die Komplexität von Alltagsleben zu reduzieren. Das kann in bestimmten Fällen schon auch Sinn machen, aber ich kritisiere, dass man die Jugendlichen da erstmal in eine sehr hilflose Situation bringt und meist auch nur wenig oder gar keine Fachlichkeit bei den Betreuenden vorhanden ist.

Wer überprüft die Eignung der Pflegefamilien im Ausland bzw. den Erfolg solcher Maßnahmen?

Das ist ein großes Problem, und da zeigt der Film tatsächlich Missstände auf. Im Inland haben wir auf kommunaler Ebene die Jugendämter, die mit den Trägern kooperieren, und auf der Ebene darüber die Landesjugendämter. Die Landesjugendämter sind in der Sache ohne eigene Interessen, weil sie keine Jugendlichen unterzubringen haben; und sie beaufsichtigen die Heimeinrichtungen in Deutschland. Mit ihnen haben wir im Inland eine unabhängige Aufsichtsinstanz. Diese Landesjugendämter können aber nicht in Spanien oder Polen Betriebsaufsicht betreiben, weil das hoheitliche Aufgaben sind. Die Einzigen, die sich das, was im Ausland passiert, genauer anschauen können, sind die kommunalen Jugendämter im jeweiligen Einzelfall. Die haben aber möglicherweise eigene Interessen, nämlich, dass ihnen jemand die Jugendlichen abnimmt und sie betreut. Und offenbar tolerieren einige Jugendämter Auslandshilfen, über die sich fachlich mindestens streiten lässt. Dieses Kontrolldefizit soll in der nächsten Reform des SGB VIII, also des Kinder- und Jugendhilfe-Gesetzes, angegangen werden.

Im Film wird kritisiert, dass die Ämter nicht kontrollieren, wie die Gelder verwendet werden, die an private Träger fließen. Wie sehen Sie diesen Punkt?

Ich würde anzweifeln, dass es da keinerlei Kontrolle gibt. Und ich würde auch behaupten, dass das im Regelfall bei den allermeisten Trägern vollkommen unauffällig ist. In der Regel läuft es so, dass der Träger dem Jugendamt ansagt, für welchen Tagessatz er welche Hilfe anbietet. Diese Sätze werden mit dem Jugendamt des Ortes, in dem der Träger sitzt, verhandelt, wobei der Träger darlegen muss, wer wofür wie viel bekommt. Die meisten dieser Kalkulationen sind gut nachvollziehbar. Ich bin bei meiner Untersuchung aber auch auf Träger gestoßen, bei denen mir nicht so klar war, wofür das Geld gebraucht wurde, und wo man schon gemerkt hat, dass mit Auslandshilfen mehr Geld verdient wird, als das im Inland der Fall wäre. Was nicht verboten ist. Solange die Jugendämter da mitmachen, haben wir ein System, in dem man mit solchen Maßnahmen auch ganz legal Geld verdienen kann. Unsere Trägerlandschaft ist zum großen Teil gemeinnützig; diese Träger dürfen gar nicht über Gebühr Geld verdienen. Wir haben aber auch einige privatgewerbliche Träger, und die können damit schlicht Geld verdienen.

Wo sehen Sie Möglichkeiten der Optimierung des bestehenden Systems?

Speziell im Bereich Auslandshilfen halte ich die Gesetzesänderungen, die aktuell diskutiert werden, für sinnvoll. Sie sehen vor, dass die Behörden des Gastlandes stärker mit einbezogen werden und die Landesjugendämter, soweit möglich, ebenfalls. Ansonsten wird sich bei den Ämtern einiges tun müssen. Die Jugendämter könnten von sich aus stärker hinterfragen, welche Hilfen sie belegen und welche nicht. Unterdessen liegen einige gute wissenschaftliche Untersuchungen über Auslandshilfen vor, und sie kommen zu der Auffassung, dass diese Hilfen an sich sinnvoll und hochwirksam sind, wenn sie mit Fachkräften ausgestattet sind und gut betreut werden. Dann bieten sie den Jugendlichen eine Entwicklungsmöglichkeit, die sie in Deutschland so nicht hätten. Insgesamt sollten wir in der Jugendhilfe stärker hinterfragen, inwiefern wir an Zuspitzungen von Lebensläufen, wie wir sie hier im Film sehen, selbst beteiligt sind. Zum Teil wird eine bestehende Problematik durch Spezialisierung und Intensivierung eher dramatisiert, als dass man sie tatsächlich löst. Auch dass wir insgesamt wieder stärker in Richtung harte, strikte Antworten gehen, halte ich für problematisch. Im Film fällt der Begriff „Systemsprenger“, der in der Jugendhilfe in letzter Zeit deutlich an Zuspruch gewonnen hat und den ich ganz gruselig finde. Denn er sagt sehr deutlich: Du bist das Problem. Und nicht: Wir haben gemeinsam ein Problem, und zwar, dir zu helfen. Wenn man Jugendliche zudem als „dauerbrennendes Störfeuer“ bezeichnet, ist man rhetorisch schnell im Bereich des Terrorismus. Wir bräuchten aber dringend eine Richtung, die genau das nicht bedient, also solche Entwicklungen nicht noch befeuert, sondern die es frühzeitig schafft, angemessen zu intervenieren. Mit Begriffen zu operieren, die wir uns in den 80er-Jahren mal abgewöhnt hatten, und alte Rezepte wie die geschlossene Unterbringung und eine Pädagogik der harten Hand wieder herauszuholen, halte ich für den falschen Weg.

(Das Interview wurde geführt von Birgit Schmitz.)

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