Gespräch mit Franziska Weisz

Julia Grosz (Franziska Weisz) befragt eine Prostituierte
Ein Auftragsmord im Rotlicht-Milieu erschüttert den Hamburger Kiez. Julia Grosz befragt eine Prostituierte. | Bild: NDR / Christine Schroeder

Gespräch mit Franziska Weisz

»Unser Film zeigt Frauen, die klar sehen und die etwas wollen.«

Bilden Julia Grosz und Thorsten Falke in „Die goldene Zeit“ zum ersten Mal ein richtiges Team?

Absolut. So ist der Erzählbogen angelegt. Bei ihrem Einstieg haben wir Julia Grosz als sehr verschlossene Person wahrgenommen. Falke hat sie aus der Reserve gelockt. In den folgenden Episoden mussten sie erst beweisen, ob sie einander vertrauen und sich aufeinander verlassen können. Jetzt sind Grosz und Falke mehr als nur gute Partner. Sie sind Freunde geworden. Man spürt es an der Art, wie sie miteinander umgehen. Auch wir Schauspieler sind immer besser eingespielt. Unsere Figuren leben das ein Stück weit aus.

Ihre junge Freundschaft wird auf dem Hamburger Kiez auf eine Probe gestellt.

Grosz muss die Ermittlungen stärker an sich reißen, weil Falke die Lage falsch einschätzt. Es war ein richtig emotionaler Moment, als sie ihm erklären muss: Falke, du bist befangen und kannst kein objektives Urteil mehr fällen. Sie fühlt sich allein gelassen. Aber anders als früher macht sie ihm keine Vorwürfe und stellt die Partnerschaft nicht mehr generell in Frage.

Wie erklärt sich die Diskrepanz?

Falke ist auf dem Kiez groß geworden und blickt mit Nostalgie auf seine Jugendjahre als Türsteher zurück. Damals hat ihn das Milieu in einer schwierigen Phase seines Lebens aufgefangen und ihm eine Familie geboten. Diesen Leuten fühlt er sich noch verbunden. Genau so funktionieren auch Banden und die Mafia. Sie sieht auf St. Pauli nur die kriminellen Strukturen, die Zwangsprostitution, den Menschenhandel und die Ausbeutung. Für sie ist der gute alte Kiez ein Mythos, verklärende Nostalgie. Ehre, Handschlag? Das hat mit der Realität nichts zu tun. Es geht ums Geschäft, um sonst gar nichts.

Steht Grosz für den weiblichen Blick auf den Kiez?

Im Film schwelgt der Ex-Lude „Eisen-Lübke“ in Erinnerungen an den Kiez der 80er-Jahre, als er im Milieu noch was zu sagen hatte. Er fuhr dicke Autos, trug teure Uhren, ließ es im Urlaub krachen – für Lübke waren es bestimmt goldene Zeiten. Aber ich will nicht wissen, wie viele Frauen er in dieser Zeit ausgebeutet hat. Vom Ruhm der Männer bekamen sie nichts ab. Sie wurden nur benutzt. Viele Frauen, die damals auf dem Kiez gearbeitet haben, leben heute nicht mehr.

Sind Sie zur Vorbereitung über die Reeperbahn gebummelt?

Wir haben das große Glück, dass uns die Bundespolizei immer wieder unterstützt. Dieses Mal haben mir die Profis eine Kiezführung gegeben und erklärt, was Menschenhandel bedeutet. Mein Eindruck? St. Pauli ist eine komische Plastikwelt, durch die ab einer gewissen Uhrzeit busseweise Touristen gekarrt werden. Dann erzählt man ihnen, in welchem Club die Beatles aufgetreten sind oder in welcher Kneipe Hans Albers Seemannslieder gesungen hat. St. Pauli ist eine Hochburg der Prostitution in Europa, ein Schauplatz internationaler Banden. Viele Frauen aus Osteuropa schaffen nicht freiwillig an – aber davon will hier keiner etwas wissen. Tagsüber ist die Gegend noch trauriger als in der Nacht. Betrunkene kauern in den Ecken oder liegen offen auf dem Bürgersteig, und man sieht ihnen an, dass sie mit dem Leben fertig sind. Am Abend fallen dann wieder die Touristen ein, um sich anzuhören, wie amüsant und sexy doch die Meile ist. Es ist der Irrsinn.

Warum sind die Kommissare auf St. Pauli immer zu Fuß unterwegs?

Es ging uns darum, dass die Zuschauer den Kiez spüren. Da hätte uns ein Auto zu sehr von der Außenwelt abgeschirmt. Wenn man zu Fuß auf der Reeperbahn eine Dialogszene dreht, wird natürlich ständig ins Bild gegrölt. Die Lärmkulisse ist unfassbar. Da muss man halt durch und einfach weitersprechen. Unsere Regisseurin Mia Spengler und ihr Kameramann Moritz Schultheiss haben das Leben wirklich eins zu eins eingefangen. Das finde ich bewundernswert. Wenn es Störungen gab, wurden sie mitgenommen. Der Kiez ist eben chaotisch. Irgendwie geordnete Straßenszenen zu erzählen, hätte ein falsches Bild ergeben.

Hat sich die junge Regisseurin Mia Spengler auf dem Kiez durchgeboxt?

Von Mia Spengler kann ich nur schwärmen. Auf ihre besondere Art hat sie jeder einzelnen Figur Leben eingehaucht, darüberhinaus unter widrigen Umständen eine aufregende visuelle Vision umgesetzt. Mit ihrer unerschöpflichen Energie hat sie uns beim Drehen alle mitgerissen. Und dann sehe ich den Film und denke: Wow, er ist wirklich ein Geschenk. Sie hat es geschafft, wahnsinnig realistisch zu erzählen, gleichzeitig enorm spannend und filmisch. Das ist ihre Kunst. „Die goldene Zeit“ ist großes Kino. Wir werden noch viel von Mia hören, und ich hoffe, sie beehrt uns wieder am „Tatort“.

Die Kiezgrößen von einst hocken in Kneipen ab, sie werden sentimental und trauern den alten Zeiten nach. Sind die Frauen stärker?

„Die goldene Zeit“ ist ein starker Frauenfilm. Mich hat besonders die Rolle der Prostituierten und Barfrau Katharina beeindruckt. Sie strahlt enorm viel Selbstbewusstsein aus. Man sieht an dieser Figur, dass nicht jede Prostituierte Opfer von Gewalt und Menschenhandel ist. Katharina hat sich dieses Leben ausgesucht. Unser Film zeigt Frauen, die klar sehen und die etwas wollen. Mia meinte während der Dreharbeiten einmal: Ich kenne keine Frau, die nichts will. Word, Mia!

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