"Wir zeigen, dass es die absolute Sicherheit nicht geben kann"

Gespräch mit Wotan Wilke Möhring

»Wir zeigen, dass es die absolute Sicherheit nicht geben kann.«

TATORT: Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) ist überzeugt, dass das Opfer schon vor dem Aufprall tot war.
Wotan Wilke Möhring ist Kommissar Thorsten Falke. | Bild: NDR / Marion von der Mehden

Kommissar Falke arbeitet als Realtester auf deutschen Flughäfen. Wie konnte es dazu kommen?

Bevor ein neuer Partner gefunden ist, übernimmt Falke irgendeinen Job bei der Bundespolizei, den man solo erledigen kann. Er schleust gefährliche Gegenstände durch Flughafenkontrollen, um Sicherheitsmängel aufzudecken. Wir erleben anfangs einen einsamen Falke bei einer Arbeit, für die er als Hauptkommissar völlig überqualifiziert ist und die ihm wenig bedeutet. Der Ausstieg seiner Partnerin Lorenz nagt an ihm. Jetzt steht er wieder allein auf weiter Flur.

Ist der Eindruck richtig, dass er seine Lockerheit und seinen Humor wiedergefunden hat?

Diese Wandlung wollten wir erzählen. Der letzte Fall "Verbrannt" war so düster, dass für lockere Sprüche kein Spielraum blieb. Und Falke war persönlich in die Geschichte involviert, was ihn an seine Grenzen führte. Im aktuellen Fall sind wir zu einer gewissen Lockerheit zurückgekehrt. Falke blickt offener in die Zukunft, er spielt seinen Humor aus und verkörpert wieder mehr den Typus des zynischen "Straßenbullen". Eine Fokussierung hat es auch im Privaten gegeben. Nachts im Hotelzimmer traut sich Falke, Kontakt zu seinem Sohn Torben aufzunehmen.

Nach seinem Ausraster in der letzten Folge wollte er als Ermittler mehr den Kopf einzusetzen, als seinem Bauchgefühl zu folgen. Ist es ihm gelungen?

Falke hat erfahren müssen, wohin es führen kann, wenn man Beruf und Privates nicht trennt und die Gefühle mit einem durchgehen. Seither nimmt er sich vor, die Fälle rationaler anzugehen. Im aktuellen Fall können wir erneut beobachten, welche Energien ihn antreiben, wenn er sich in einen Fall verbeißt. Es sind sein Bauchgefühl und seine sicheren Instinkte, die ihn nicht verlassen haben.

Ist Julia Grosz auch so eine verlorene Figur wie Falke?

Grosz ist in einer ähnlichen Lebenssituation. Auch sie ist in ihrem Job überqualifiziert. Falke nimmt Einblick in ihre Personalakte und bohrt in seiner ihm eigenen direkten Art nach: Was ist los mit Ihnen, Grosz, dass Sie als Oberkommissarin die Zugänge am Flughafen Hannover überwachen? Das ist es aber schon mit den Gemeinsamkeiten. Grosz hat in Afghanistan Polizisten ausgebildet und ist nach einem Schusswechsel traumatisiert. Ein Teil dieser Last fällt von ihr ab, nachdem sie sich Falke erklärt.

Was hat diese Frau, was ihre Vorgängerin nicht hat?

Sie hat zunächst einmal eine ganz andere physische Präsenz. Grosz führt sich mit einem harten Schlag gegen Falke ein, den sie am Flughafen zu Boden streckt. Sie kann deutlich besser mit der Waffe umgehen und ist in der Befehlshierarchie der Polizei weit höher angesiedelt als seine frühere Kollegin Lorenz. Er führte, sie folgte, so lief es früher. Jetzt bewegen sich beide auf Augenhöhe. Es ist nicht mehr Falke, der bei den Ermittlungen die entscheidenden Ideen hat und der den finalen Rettungsschuss leisten muss. Sie ist eine Vollblut-Polizistin.

Was gab bei der Partnersuche den Ausschlag für Franziska Weisz?

Sie ist eine großartige Schauspielerin. Das hat uns sehr gefallen. Franziska bringt unter anderem eine gewisse Nüchternheit mit, die nicht von Anfang an die Erotik knistern lässt. Kommissarin Grosz kommt aus den Bergen, Falke von der Küste – es ist die maximale Distanz, die man im deutschen Sprachraum herstellen kann.

In ihrem neuen Fall blicken Sie hinter Türen, die für die Zuschauer ansonsten verschlossen sind.

Ich bin häufig auf Flughäfen unterwegs, stehe dort ständig in der Schlange und muss natürlich meinen Pass vorzeigen. Aber was passiert eigentlich hinter den vielen Türen, an denen man vorbeigeht, in den Gängen und Katakomben der Gebäude? Unser Film erzählt, wie eine Schleuserbande quasi aus Versehen einen islamistischen Terroristen ins Land schmuggelt. Und die spannende Frage dabei ist: Wie kann so etwas auf einem Flughafen funktionieren, ohne dass es einer merkt, wo doch angeblich alles und jeder kontrolliert wird? Wir zeigen, dass es die absolute Sicherheit nicht geben kann. Wenn jemand in ein Land will, dann schafft er es auch, egal, wie verschlossen sich die Grenze darstellt.

Ist das Tempo des Films ungewöhnlich hoch?

Wir haben in der Geschichte nur 36 Stunden Zeit, um den Fall zu lösen und einen Anschlag zu verhindern. Deshalb ist notwendig, sich zu beeilen. Darin ist Falke Spezialist, und es entspricht auch meiner persönlichen Arbeitsweise. Geduld gehört nicht zu unseren Stärken. Dass der Zuschauer den enormen Druck spürt, unter dem Falke und Grosz stehen, ist natürlich das Ergebnis gekonnter Inszenierung. Es ist ja nicht so gewesen, dass Regisseur Özgür Yildirim uns am Set herum gescheucht hätte (lacht).

Ist der "Zorn Gottes" ein Film für das cineastische Publikum?

Özgür Yildirim und sein Kameramann Matthias Bolliger haben ästhetisch einiges unternommen, damit der Film kinohaft aussieht. Ich glaube jedoch, dass man fürs Kino nicht anders inszeniert als fürs Fernsehen. Man wählt für die große Leinwand vielleicht andere Bildausschnitte, epische Einstellungen, die auf dem Bildschirm nicht so recht funktionieren. Aber es handelt sich in beiden Fällen um einen Film, und der hat immer cineastisches Potenzial.

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