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Bosnien-Herzegowina: Brückenkopf der Islamisten?

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Bosnien-Herzegowina: Brückenkopf der Islamisten? | Bild: BR

Acht Uhr morgens: Polizei patrouilliert, auf der Zufahrtsstraße nach Gornja Maoca, einem der abgeschiedensten Bergdörfer im Norden von Bosnien. Tag und Nacht ist die Polizei hier. Ihr Auftrag: Mögliche Sympathisanten der Terrormiliz IS aufzuspüren, die sich hierher zurückziehen wollen.

212 Menschen leben in Gornja Maoca, Salafisten mit ihren Familien. Einige Männer sollen hier mehrere Ehefrauen haben – inoffiziell. So muss sich niemand vor Bestrafung fürchten, denn Polygamie ist in Bosnien verboten. Die Kinder gehen zwar in eine normale Schule, wachsen in diesem Umfeld aber mit einer besonders extremen Variante des Islam auf.

Das geforderte Geschenk

Edis Bosnic
Edis Bosnic | Bild: Bild: BR

Verabredet sind wir mit Dorfvorsteher Edis Bosnic, der seit acht Jahren hier lebt. Ohne ihn kommt niemand von außerhalb in das Dorf. Von uns möchte er erst mal ein Gastgeschenk, und zwar ein Schaf vom dorfeigenen Züchter, zum Verzehr für die Männer im Ort. Wir stimmen zu.

Die Polizei trift Edis Bosnic
Die Polizei trift Edis Bosnic | Bild: Bild: BR

Die Polizeibeamten und Edis Bosnic scheinen sich gut zu verstehen; sie unterhalten sich ganz locker wie vertraute Nachbarn. Die Polizisten wollen unerkannt bleiben. Ebenso wie der Schafzüchter. Edis Bosnic, gelernter Verkäufer, gibt sich uns gegenüber friedfertig. Gleichzeitig ist er fasziniert: von der Idee des sogenannten Islamischen Staats, ein weltweites Kalifat zu errichten: "Ob das unser Wunsch ist? Aber klar. Natürlich wollen wir, dass alle Muslime in einem Staat leben, wo wir keine Probleme mehr haben, wo dann hoffentlich alle Muslime ein und denselben Reisepass besitzen und frei reisen können, im weltweiten Kalifat."

Dorf mit schlechtem Ruf

Das Dorf baut Obst und Gemüse an, für den Eigenbedarf und den Verkauf. Gekommen sind heute Kunden aus einem Nachbardorf. Weitere Geldquellen für die Salafisten, etwa aus dem Ausland, werden vermutet. Belege gibt es aber keine. Die beiden Kunden sind oft hier, haben sich an die Salafisten gewöhnt. Sonst aber wird das Dorf strikt gemieden: "Wenn andere nur vom Dorf Maoca hören, dann bekommen die Leute Angst. Ach was, Angst! Sie können sich das nicht vorstellen. Maoca gilt als Schreckgespenst in ganz Bosnien."

Mijo Kresic
Mijo Kresic | Bild: Bild: BR

Mittagsgebet nur unter Männern und Jungen. Seit Jahren vermuten viele, dass das Dorf eine der gefährlichsten Terrorzellen des Landes sein soll und nach Angaben der Sicherheitsbehörden soll es schon mindestens 28 solcher Salafisten-Gemeinschaften in ganz Bosnien geben. In der Hauptstadt Sarajevo räumt man jahrelange Versäumnisse jetzt immerhin ein, wie Mijo Kresic, stellvertretender Minister für Innere Sicherheit bestätigt: "Offensichtlich haben wir einigen Dingen nicht genügend Beachtung geschenkt, denn inzwischen hat sich die Zahl derjenigen vervielfacht, die bei uns verfassungsfeindlich sind, die jetzt ausschließlich unter der Scharia, also nach religiösen Gesetzen des Islam, leben wollen und nicht in einer Demokratie."

Und das nicht nur in ländlichen Gegenden Bosniens. Auch im Zentrum der Hauptstadt fassen immer mehr Salafisten Fuß. Ihr Lieblingstreffpunkt in Sarajevo ist die von Saudi-Arabien mitfinanzierte Moschee, die größte auf dem Balkan. Salafisten in Bosnien fühlen sich den saudischen Wahhabiten zwar verbunden, weil in Saudi-Arabien die Scharia gilt. Doch die Saudis lieben auch ein materiell protziges Leben. Das aber lehnen die Salafisten in Bosnien ab.

In die Moschee hinein dürfen wir nicht. Auf einmal weist man uns energisch darauf hin, dass Filmen hier auch von außen verboten ist.

Das Geld aus Saudi-Arabien

Das Einkaufszentrum in Sarajewo
Das Einkaufszentrum in Sarajewo | Bild: Bild: BR

Fest steht: Aus Saudi-Arabien fließt noch mehr Geld nach Bosnien, zum Beispiel in dieses hochmoderne Einkaufszentrum in Sarajevo. Es ist bereits der zweite saudische Konsumtempel, beide zentral in der Hauptstadt gelegen. Oberste Regel hier: Alkohol darf nicht getrunken werden, was aber von den meisten Angestellten nicht als schleichende Islamisierung verstanden wird, wie Emina Mandzuka vom Sarajevo City Center sagt: "Ich persönlich musste weder meine Lebensgewohnheiten ablegen, noch musste ich irgendwelche anderen Überzeugungen annehmen."

Mitten in der Glitzer- und Shoppingwelt ein Gebetsraum: das ist ein Novum für die Muslime in Bosnien, die mehrheitlich säkular eingestellt sind. Hochwillkommen sind die zahlreichen Arbeitsplätze, die mit den Einkaufszentren entstanden sind, denn Bosnien braucht und nimmt jede Investition, die es kriegen kann, egal, woher das Geld kommt. Allein die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei katastrophalen 60 Prozent.

Mijo Kresic, stellvertretender Minister für Innere Sicherheit, stellt den Zusammenhang her: "Unsere Wirtschaft ist noch immer total am Boden, mit schlimmen Konsequenzen: Den Extremisten macht es das leicht, Opfer zu finden, die ihre radikale Ideologie annehmen und dann schnell bereit sind, sich dem Islamischen Staat anzuschließen."

Foreign Fighters aus Bosnien

Zurück in Gornja Maoca – Sicherheitsexperten haben herausgefunden: Aus Dörfern wie diesen gingen die meisten Bosnier fort, um sich dem IS anzuschließen. Das Leben hier verläuft auffällig anders als sonst in Bosnien: Die wenigen Frauen, die wir kurz sehen, sind vollverschleiert. Während unseres Besuchs sollten die Frauen wohl nach Möglichkeit im Haus bleiben, denn der Kontakt mit anderen ist ihnen grundsätzlich untersagt.

Edis Bosnic
Edis Bosnic | Bild: Bild: BR

Edis Bosnic sieht die Vorteile: "Frauen außerhalb unseres Dorfes lassen sich zu Hause gehen: Ungekämmt, hässlich gekleidet, nicht geduscht. Aber wenn sie dann ausgehen wollen, ohne ihren Mann, dann brezeln sie sich auf einmal auf, duschen sich, richten sich her. Doch für wen bitte schön? Ist es nicht viel wichtiger, dass die Frau sich für mich herrichtet?"

Inzwischen durchgebraten: das Schaf, unser Gastgeschenk. Eine Essensrunde, ausschließlich unter Männern und ihren Söhnen. Töchter oder Frauen dürfen nicht dabei sein – das gilt im Dorf wie ein Gesetz. Und genau so verhalten sollen sich, wie sie sagen, alle Muslime überall auf der Welt: "Wenn Bosnien eines Tages der EU beitritt, dann würde uns das viele Türen öffnen. Dann könnten wir noch woanders aktiv werden, unseren Islam also auch woanders hintragen, noch viel leichter bei offenen Grenzen. Wir könnten dann ohne Schwierigkeiten etwa nach Deutschland kommen und unseren wunderschönen Islam dann weitergeben an die Deutschen."

In Teilen Bosniens ist dies schon Wirklichkeit. Lange Zeit tat das Land nichts gegen die Verbreitung eines radikalen Islam. Jetzt wird es immer schwieriger.

Autor: Darko Jakovljevic, ARD Wien

Stand: 08.02.2016 14:08 Uhr

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