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China: Bio-Boom nach Lebensmittelskandalen

China: Bio-Boom nach Lebensmittelskandalen
Eine Frau gießt Pflanzen auf einem Balkon
Eine Frau gießt Pflanzen auf einem Balkon

Qiu Liping macht sich Sorgen. Mitten in Shanghais Hochhaus Dschungel pflanzt die 35-Jährige auf ihrem Balkon ein wenig Gemüse an. So hat sie zumindest ein bisschen Kontrolle über das, was jeden Tag auf den Tisch kommt.

Besonders für ihre beiden kleinen Kinder will die Mutter alles tun, um die Familie möglichst gesund zu ernähren. Ihr Mann ist Unternehmer und verkauft Ersatzteile für deutsche Autohersteller. Sie arbeitet als Regierungsangestellte. Die Qius gehören zur sogenannten neuen chinesischen Mittelschicht: Gutverdiener, die sich Ökoprodukte leisten können.

Qiu Liping:

»Früher sind wir oft in Restaurants gegangen. Jetzt essen wir mehr zu Hause. Das schmeckt besser und wir wissen, was wir essen. Außerdem kaufe ich vor allem frische Lebensmittel und vermeide abgepackte Waren. Ich glaube, da sind noch mehr chemische Zusatze drin.«

Immer öfter kauft Qui Liping importierte Waren. Der Liter Milch kann dann schon mal fünf Euro kosten und eine einfache Tafel Schokolade aus Deutschland drei Euro fünfzig. Dennoch boomen exklusive Supermärkte wie dieser.

Qiu Liping:

»Anders als früher wird heute über Lebensmittelskandale berichtet. Wir wissen daher, dass auf chinesische Produkte weniger Verlass ist und für ausländische Lebensmittel strengeren Vorschriften gelten.«

Gerade hat der Gammelfleisch Skandal die Menschen aufgebracht. Verdorbenes Fleisch wurde tonnenweise zu Hamburgern verarbeitet und an Fast Food-Ketten verkauft.

Immer wieder gibt es Berichte über gebrauchtes Speiseöl, das mit Chemikalien versetzt wieder an Restaurants geliefert wird und so im Essen landet.

Schweinekadaver
Schweinekadaver

Oder das: 10.000 tote Schweine treiben in einem Fluss. Der Vorfall wurde nie richtig aufgeklärt.

Zwar ist der Milchskandal schon einige Jahre her, aber bis heute vermeiden Eltern chinesische Produkte. An vergiftetem Milchpulver waren sechs Kinder gestorben, 300.000 an Nierensteinen erkrankt.

Das Vertrauen zwischen Herstellern und Verbrauchern ist nachhaltig gestört. Qui Liping kauft am liebsten direkt bei Bauern, die ihre Produkte selbst vermarkten. Sie schätzt dabei nicht nur die Qualität der Lebensmittel, sondern den direkten Kontakt zu den Bauern. Oft sind es junge Menschen, die die Höfe ihrer Eltern übernommen haben und sich mit viel Enthusiasmus um ökologischen Landbau bemühen.

Hier in Peking hat Chang Tianle diesen Bauernmarkt ins Leben gerufen. Gemeinsam mit den Herstellern entwickelt sie ein System der Qualitätskontrolle, das Verbrauchern Sicherheit gibt, jenseits offizieller Ökosiegel.

Chang Tianle
Chang Tianle

Chang Tianle:

»Alle Bauern kennen unsere Prinzipien, sie dürfen keinen Dünger oder Pestizide benutzen, Tiere müssen freilaufend gehalten werden, Hormone und Antibiotika sind tabu. Das versucht jeder für sich auf seinem Hof umzusetzen. Das wichtigste aber sind unsere gemeinsamen Hofbesuche.«

Kontrolle durch die Verbraucher
Kontrolle durch die Verbraucher

Regelmäßig besucht Chang Tianle zusammen mit Verbrauchern und Bauern die Höfe der Teilnehmer an diesem Projekt. Dabei geht es nicht nur um Kontrolle, sondern auch um Erfahrungsaustausch; voneinander lernen und vor allem gemeinsame Standards erarbeiten.

Chang Tianle:

»Seit 30, 40 Jahren haben sich chinesische Bauern nur noch auf Pestizide und Dünger verlassen. Sie haben keine Erfahrung mehr, wie man Lebensmittel anders und dennoch effizient produzieren kann. Bislang gibt es kaum Unterstützung für Kleinbauern, die auf ökologischen Landbau umstellen wollen.«

Noch vor einigen Jahren hatte dieser Hof ein ökologisches Gütesiegel, vergeben vom Staat. Die Standards dafür sind hoch, mindestens so hoch wie in Deutschland. Das Siegel kostet die Bauern viel Geld – zu viel für kleine Familienbetriebe. Deswegen beteiligt sich dieser Hof nun an dem Projekt „Selbstkontrolle“. Denn auch ein staatliches Siegel überzeugt viele Verbraucher nicht. Jeder weiß: im Zweifelsfall kann man korrupte Beamte bestechen und so die Standards umgehen.

In einer Ecke sind Säcke aufgestapelt. Die Aufschrift verrät: chemischer Dünger. "Nein", beteuert der Bauer, "wir verwenden nur die Säcke. Sie sind billig und wasserdicht. Darin ist kein Dünger sondern Futtermittel." Das sorgt für Diskussion. Sich gegenseitig kontrollieren – für chinesische Bauern ist das neu, bislang haben sie sich immer auf den Staat und seine Kontrollen verlassen.

Chang Tianle:

»Wir Chinesen lieben es, hinter dem Rücken des anderen über dessen Fehler zu reden. Es fällt uns schwer, direkt und offen über Dinge zu diskutieren und jemandem zu sagen, was er falsch gemacht hat und wie es verbessert werden kann. Wir müssen lernen Probleme einzugestehen, damit wir gemeinsam etwas besser machen können.«

Das größte Problem aber ist: 20 Prozent der Agrarfläche Chinas gelten als verseucht. Es wird Jahrzehnte dauern, bis ökologischer Landbau die Bevölkerung im großen Stil mit Lebensmitteln beliefern kann.

Noch bleibt das ein Privileg für gutverdienende Familien wie die von Qiu Liping. Rund 300 Millionen Menschen zählen wie sie zur neuen Mittelschicht. Ihre gehobenen Ansprüche werden dafür sorgen, dass Chinas Biomarkt weiter boomt.

Autorin: Christine Adelhardt, ARD-Peking

Stand: 05.01.2015 09:14 Uhr

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