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ISIS: Terror und Brutalität professionell inszeniert im Internet

ISIS: Terror und Brutalität inszeniert im Internet

Es könnte ein amerikanischer Gangsterfilm sein. Nur aus dem weißen Wagen wird nachher kein Stuntman aussteigen. Die Szene ist echt. Ausschnitte aus einem Propagandavideo der islamistischen Terrorgruppe ISIS.

In der nächsten Einstellung wird die Kamera die zusammengeschossenen Insassen zeigen, in Details, die wir dem Zuschauer ersparen.

So fängt das einstündige Video an: Eine Zufahrt aus dem All, ein Rundumschwenk, gefilmt von einer Minikamera, die auf einem kleinen Fluggerät, einer Drohne befestigt ist.

Eine Mischung aus Computerspiel und Videoclip, professionell gemacht; neueste Technik, verwendet von Islamisten, die im Ruf stehen, bärtige Hinterwäldler zu sein.

Bernd Zywietz
Bernd Zywietz

Bernd Zywietz ist Medienwissenschaftler, er beschäftigt sich seit Jahren mit Terrorismus und politischer Gewalt im Film. Der 360-Grad-Schwenk – ausgerechnet von einer Drohne gefilmt – eine ganz bewusst gewählte Einstellung.

Bernd Zywietz, Film- und Medienwissenschaftler Mainz:

»Die Lufthoheit ist etwas, was die Islamisten normalerweise nicht haben, und es impliziert natürlich einen gewissen Gottesblick, Kontrolle. Und da gehen eben die Bildästhetik, das Ansprechende der Bilder, gehen zusammen mit einem großen Symbolgehalt, mit einer gewissen Bedeutung, die hier zum Ausdruck kommt.«

Es wirkt wie ein Zitat: Eine Drohne – die Waffe der USA im Kampf gegen Terroristen. ISIS hat offenbar dazugelernt.

Frühere Propagandavideos vermittelten noch eine klare Botschaft und sprachen mögliche Mitkämpfer ganz direkt an, etwa ein deutscher Dschihadist in Syrien:

»Alhamdulilah, ich habe mich der Karawane des Dschihiad angeschlossen. Wir werden nicht aufhören, bis wir das erreicht haben. Und wenn man uns tötet, werden nach uns Leute kommen, die weitermachen. Beteilige dich am Jihad, unterstütz die Muslime!«

Eine Sprengladung detoniert an einem vorbeifahrenden Auto.
Eine Sprengladung detoniert an einem vorbeifahrenden Auto.

In den neuen Videos fehlt die explizite moralische Botschaft, es geht, so zynisch es klingt, um Unterhaltung, um visuelle Reize, emotionale Identifizierung; dieses Computerspiel ist echt und du kannst dabei sein. Das ist die Botschaft an die erste Zielgruppe der Propaganda: an die Sympathisanten.

Es gibt eine zweite Zielgruppe: die Gegner der sunnitischen Terroristen. Und die sollen eingeschüchtert werden. Deshalb zeigt sich ISIS in seiner ganzen Grausamkeit: Bilder von einer Brutalität, die weit über das hinausgehen, was wir zeigen können: Verfolgungen, Hinrichtungen, Leichenschändung oder Gefangene, die sich ihr eigenes Grab schaufeln – alles vor laufender Kamera.

Und immer wieder angebliche Beweise: Die Verfolgung und Vergeltung soll legitimiert werden: Er soll Armeeoffizier gewesen sein. Das reicht fürs Todesurteil.

Bernd Zywietz, Film- und Medienwissenschaftler Mainz:

»Hier in diesem Fall zeigt das, dass die ISIS oder die ISIS-Mediaabteilung ganz bewusst überlegt, plant und schneidet, was man präsentieren kann, um als legitime und geordnete Macht aufzutreten. Das ist sehr wichtig.«

Männer werden von ISIS-Kämpfern mit Handschlag und Schulterklopfen aufgenommen.
Männer werden von ISIS-Kämpfern mit Handschlag und Schulterklopfen aufgenommen.

Die krude Moralvorstellung rechtfertigt sogar Morde. Aber ISIS stellt sich auch als Organisation dar, die Gnade erweist. Die Bilder sollen zeigen: wer sich nicht gegen uns stellt, wer dem falschen Glauben abschwört, der hat die Chance auf Vergebung. Glückliche Menschen, suggeriert die Kamera, die sich mal eben von ihrer Religion losgesagt haben.

Gnade und Terror – mit diesem System beherrscht ISIS in Syrien und dem Irak inzwischen ein Gebiet, das etwa halb so groß wie Deutschland ist, und dehnt sich weiter aus. In Jordanien haben die sunnitischen Extremisten vor wenigen Wochen eine neue Zelle gegründet.

Und ISIS kann den Terror aus eigenen Mitteln finanzieren. Allein bei der Einnahme der Millionenstadt Mossul im Irak wurden Bankdepots im Wert von einer halben Milliarde Dollar erbeutet. Die Terroristen erpressen Schutzgelder in den eroberten Gebieten und besetzen Öl- und Gasfelder. Die Bodenschätze verkaufen sie auf dem Schwarzmarkt – auch an das syrische Regime, das sie gleichzeitig erbittert bekämpfen.

Abu Bakr al Bagdadhi: Terrorist, Kämpfer, Prediger und selbsternannter Kalif
Abu Bakr al Bagdadhi: Terrorist, Kämpfer, Prediger und selbsternannter Kalif

Abu Bakr al Bagdadhi, der selbsternannte Führer, stilisiert sich inzwischen zum Prediger. Die eroberten Gebiete hat er zum Kalifat erklärt, zum Reich des Stellvertreters Gottes auf Erden, mit ihm als Kalifen. Wer sich seiner Auffassung des Islams widersetzt, ist des Todes. Die Predigt ist in die wichtigsten europäischen Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche, nachzulesen im Internet.

Denn ISIS erhält Medienunterstützung von Islamisten in der ganzen Welt. In den sozialen Netzwerken arbeiten immer mehr Sympathisanten mit am Kampf der Gotteskrieger.

Bernd Zywietz:

»Da sehe ich auch eine große Gefahr: Über dieses Teilen in Gruppen wie zum Beispiel Facebook oder YouTube eine Gemeinschaft zu finden, einen Online-Dschihadismus, was eine sehr große Sicherheitsgefahr darstellt. Diese Online-Radikalisierung, die noch vor kurzer Zeit für unmöglich gehalten wurde.«

Einige Tausend ISIS-Kämpfer sind es nur, die weite Teile des Iraks und Syriens erobert haben – gegen hochgerüstete Armeen, weil sie Furcht und Schrecken auslösen und mit den Mitteln moderner Propaganda selbst verbreiten. Der Terror als Medienspektakel. So lockt ISIS weltweit Mitkämpfer an, mit der simplen Botschaft: "Du darfst töten – im Namen Gottes."

Autor: Stefan Maier

Stand: 28.07.2014 02:08 Uhr

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