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Israel: Marihuana im Altenheim

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Israel: Marihuana im Altenheim

Die Idylle des Kibbutz Naan, etwa eine halbe Autostunde von Tel Aviv entfernt. Mitten im Kibbutz ein ziemlich berühmtes Altersheim. Es war das erste weltweit, das seinen Patienten Cannabis als Medikament verschrieb. Cannabis – das ist Marihuana, allgemein als Droge bekannt. Jeden Morgen verteilen die Schwestern die Dosen. Cannabis zum Rauchen, zum Inhalieren oder als Tablette. In dieser Form bringt Schwester Inbal der 85-jährigen Rivka ihre Morgenration. Rivka litt unter massiver Arthritis, sie konnte nicht mehr gehen oder stehen. Eines Nachts wollte sie aufstehen und brach vor Schmerz zusammen.

Rivka Halop:

»Ich litt über ein Jahr unter den Schmerzen, es war so schlimm, dass ich nur noch das Ende herbeisehnte. Schluss! Ich wollte nicht mehr leben. Genug!«

Rivka Halop:

»Ich begann vor etwa sieben Monaten Cannabis zu nehmen. Es gab mir das Leben zurück. Ich war schon am Verrecken, und jetzt, diese entsetzlichen schmerzen – weg, einfach weg! Ich bin ein völlig neuer Mensch, ein ganz anderer Mensch. Unglaublich.«

Inbal Sikurin
Inbal Sikurin

Fast alle Patienten hier bekommen Cannabis, hier etwa in einem Schokopudding vermischt. Medizinisches Cannabis wird eingesetzt bei Entzündungen jeder Art, Arthritis, HIV, Parkinson, MS, Krebs, Psychotraumata und vieles mehr.

Eine Schwester gibt einer Seniorin einen Löffel mit Creme
Cannabis in Schokoladencreme

Bei Patienten wie diesen, die kaum noch Nahrung zu sich nehmen konnten, brachte Cannabis den Appetit zurück. Inbal als leitende Schwester dieses Altersheims, ist begeistert von den Ergebnissen.

Inbal Sikurin:

»In der Geriatrie haben wir viele Patienten mit chronischen Krankheiten, die seit Jahren starke Medikamente mit heftigen Nebenwirkungen nahmen. Der große Vorteil: medizinisches Cannabis hat fast keine Nebenwirkungen. Es ermöglicht dem Körper, zu gesunden, anstatt gegen die Medikamente erst mal ankämpfen zu müssen.«

Die Erfahrungen der letzten Jahre und eine genaue Protokollierung der Dosen führte zu einer immer größeren Sicherheit in der Anwendung.

Inbal Sikurin:

»Wir kontaktierten anfangs Wissenschaftler wie Professor Gallily, die Cannabis seit Jahren erforschen. Wir lernten die therapeutischen Wirkungen mit Hilfe von Statistiken zu kontrollieren. So konnten wir sehen, mit welchen Dosen sich der Erfolg einstellt. So lernten und lernen wir ständig dazu.«

Ruth Gallily
Ruth Gallily

Das Hadassa-Krankenhaus bei Jerusalem. Hier forscht Professor Gallily, von der wir genaueres zur Wirkung von Marihuana erfahren wollen. Cannabis enthält zwei wesentliche Wirkstoffe: das THC, das den Rauschzustand bewirkt, und CBD. Auf die Erforschung der Wirkungsweise des letzteren hat sich die Wissenschaftlerin in den letzten 15 Jahren spezialisiert.

Ruth Gallily, Immunologin:

»Man muss wissen: CBD ist absolut ungiftig und entzündungshemmend und nicht der Wirkstoff, der den Rauschzustand hervorruft. Man kann CBD in kleinen und extrem hohen Dosen nehmen.«

Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass Cannabis oftmals Entzündungen besser bekämpft als herkömmliche Medikamente.

Ruth Gallily, Immunologin:

»Die Pharmaindustrie hat natürlich kein Interesse, dass sich Cannabis als Medikament durchsetzt. Man kann eine Pflanze nicht patentieren lassen. Und obendrein: Cannabis und selbst die synthetische Gewinnung von CBD sind wahnsinnig billig. Die Pharmaindustrie will ihnen aber Cortison und viele andere stinkteure Medikamente verkaufen.«

Ein Treibhaus mit Cannabispflanzen
Ein Treibhaus mit Cannabispflanzen

Dennoch wird in Israel Cannabis als Medikament immer populärer. Im ganzen Land gibt es Treibhäuser, die vor allem von der Gesellschaft "Tikkun Olam", zu Deutsch: "Heilung der Welt", betrieben werden. Hier wird Marihuana mit verschiedenen Stärken von CBD und THC gezüchtet. Das alles unter Überwachung und Kontrolle des Gesundheitsministeriums.

Ein Mann kauft medizinisches Cannabis
Ein Mann kauft medizinisches Cannabis

Wir besuchen einen Laden von Tikkun Olam mitten in Tel Aviv - streng bewacht vom staatlichen Sicherheitsdienst. Kranke kommen hierher, um gegen Rezept und Personalausweis ihre Ration für den Monat zu kaufen. Dass CBD entzündungshemmend und schmerzlindernd ist, wissen wir bereits, es gibt auch Fälle von Parkinson, wo das Zittern damit aufhörte. Doch auch der Wirkstoff THC, der den Rausch erzeugt, hilft vielen Menschen, vor allem Krebspatienten und solchen mit posttraumatischen Störungen.

Nochmal zurück ins Altersheim des Kibbutz Naan. Hier lebt der französische Holocaust-Überlebende Moshe Roth. Über 30 Jahre litt er an posttraumatischen Störungen: Schlaflosigkeit, Panikzustände, sogenannte Flashbacks in die entsetzlich Kindheit unter dem Hakenkreuz. Seit einem Jahr erhält er von Inbal Marihuana zum Rauchen.

Moshe Roth:

»Ich ziehe meinen Hut vor Inbal, denn das Cannabis hat mich tatsächlich von meiner ewigen Qual, von meinen Alpträumen und dem Holocaust befreit.«

Mit all diesen positiven Erfahrungswerten, ist es fast verwunderlich, dass es auch in Israel noch Ärzte gibt, die Cannabis als Medikament ablehnen. Wir fragten Professor Gallily warum das so ist.

Ruth Gallily, Immunologin:

»Ich kann die Angst verstehen. Besonders die Cannabisextrakte haben verschiedene Komponenten, die noch nicht ganz erforscht sind. Und diese Ärzte haben Angst, dass die Patienten sie verklagen könnten. Falls es nicht zur gewünschten Wirkung oder zu Nebenwirkungen kommt, könnten sie sagen: Das ist so, weil wir diese Extrakte genommen haben.«

Doch der Siegeszug von Cannabis als Medikament scheint, zumindest in Israel, nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die Wirksamkeit bestätigen all die Patienten, die sich dank Marihuana einer völlig neuen Lebensqualität erfreuen.

Autor: Richard C. Schneider / ARD Tel Aviv

Stand: 06.10.2014 13:54 Uhr

Sendetermin

So, 06.10.13 | 19:20 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.