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Schweden: Rechtsextreme auf dem Vormarsch

Aufmarsch der Schwedenpartei
Aufmarsch der Schwedenpartei

Hinter der hübschen Fassade – Neonazis. Ihr Parteichef predigt Ausländerhass und schwört auf die schwedische Nation. Gestern Malmö, heute Stockholm: Die Partei der Schweden. Stadt für Stadt nehmen sie sich vor, mit Schutzschild.

Es steckt eine Strategie dahinter: Präsenz zeigen, Unruhe provozieren. Linksextreme versuchen, die Neonazis zu stören. Die Polizei zwischen den Fronten. Szenen, die sich im Moment fast jedes Wochenende abspielen, irgendwo in Schweden: Wut, Gewalt, Ausschreitungen, tausende Gegendemonstranten. Das Kalkül der Neonazis geht auf.

Kim Fredriksson
Kim Fredriksson

Er war ein Neonazi: Kim Fredriksson, verurteilt wegen Volksverhetzung und Körperverletzung. Er ist ausgestiegen, weil er den Argumenten der Rechtsextremen nicht mehr glaubte. Aber er weiß, wie schlagkräftig manche Gruppen heute sind, dass sie selbst mit Neonazis im Ausland zusammenarbeiten.

Kim Fredriksson:

»Einige der Gruppen in Schweden trainieren sogar in der Ukraine mit den dortigen Neonazis. Der Revolutionstourismus nimmt zu. Wir beobachten, dass sich diese Gruppen ganz bewusst radikalisieren. Das muss man sehr ernst nehmen.«

Und das hier, in Schweden? Im Land der falunroten Häuser und der Bullerbü-Freundlichkeit? Wo ist sie hin, die tolerante, offene Gesellschaft, die jeden willkommen heißt?

Atvidaberg, drei Stunden südlich von Stockholm: eine Kleinstadt wie viele in Schweden.

Bertil Jonsson
Bertil Jonsson

Wahlkampf auch hier. Der freundliche, ältere Herr heißt Bertil Jonsson, er ist Spitzenkandidat der Schwedendemokraten, eine rechtsextreme Partei mit Verbindungen zu den Neonazi-Gruppen.

"Wir machen hier im Ort Politik.", erklärt er einem Passanten.

Viele nehmen ihm seine Zettel ab.

Bertil Jonsson, Spitzenkandidat Schwedendemokraten in Atvidaberg:

»Die Schwedendemokraten werden von jedem gewählt. Uns unterstützen junge Wähler und Rentner, Unternehmer und Angestellte.«

Die rechtsextremen Außenseiter rücken in die Mitte. Seit vier Jahren sitzen sie im Reichstag, mehr als zehn Prozent sagen Meinungsforscher ihnen für die kommende Wahl voraus. Hassreden sind blankem Populismus gewichen.

Bertil Jonsson:

»Leider sieht es überall so aus wie hier; das passiert immer wieder: Ein neuer Laden macht auf, bleibt ein paar Monate und verschwindet wieder.«

Die schwedische Wirtschaft wächst kaum noch, die Jugendarbeitslosigkeit liegt über 22 Prozent. Dem Wohlfahrtsstaat geht das Geld aus, um zum Beispiel Schulen zu sanieren. Diese hier in Atvidaberg musste wegen Schimmels schließen. Ein gefundenes Fressen für die die Schwedendemokraten.

Härtere Strafen für Kriminelle fordert Bertils Partei. Genau hier, vor dem einstiegen Stolz von Atvidaberg schlägt Bertil seine Wahlkampf-Pflöcke ein. Früher das beste Hotel am Platz, heute beherbergt es nicht Touristen, die Geld bringen, sondern Flüchtlinge, deren Zahl auch in Schweden massiv zunimmt.

Natale Michael leitet das Heim. 180 Flüchtlinge wohnen hier zurzeit, sie gehen einkaufen, und in Atvidaberg begegne ihnen jeder freundlich, sagt Natale. Doch die Atmosphäre sei vergiftet.

Natale Michael, Leiter Flüchtlingsheim Atvidaberg:

»Es gab eine Facebook-Gruppe, die gefordert hat: "Entweder ihr schließt das Flüchtlingsheim wieder, oder wir fackeln Euch ab." Aber passiert ist nichts.«

Es ist etwas passiert in Schweden, in dem Land, in dem sie freitagsabends ihre lila Tüten mit Alkohol nach Hause schleppen. Es hat sich etwas verschoben: Sorge um den Arbeitsplatz, um die eigenen Ersparnisse – der Nährboden für die Rhetorik der Rechtsextremen.

Neonazi-Aussteiger Kim Fredriksson weiß, dass seine früheren Mitstreiter genau das wollen, dass sie ihre Ausländerfeindlichkeit herunterspielen – und versuchen, hoffähig zu werden.

Kim Fredriksson, Neonazi-Aussteiger:

»Das soziale Klima verändert sich. Und darum geht es den Rechtsextremen: Sie versuchen, möglichst positiv wahrgenommen zu werden, und sie versuchen, die öffentliche Debatte mit ihren Themen zu beherrschen.«

Und das gelingt den Neonazis im feinen Anzug, nicht nur, weil Tausende in Stockholm demonstrieren – immerhin: gegen die Rechtsextremen. Die Einwanderungspolitik Schwedens ist das Wahlkampfthema.

Gegendemonstranten mit Transparenten
Gegendemonstranten zeigen Flagge

Pia Ortiz, Demonstrantin:

»Ich bin traurig, dass das hier passiert. Vielleicht sind wir nicht mehr die offene Gesellschaft, die wir sein sollten.«

Schweden eine Woche vor der Parlamentswahl – ein Schweden, in dem der Widerstand gegen die Rechtsextremen noch laut ist, in dem aber Rassismus und Fremdenhass immer mehr Raum erobern.

Autor: Björn Staschen, ARD-Stockholm

Stand: 08.09.2014 09:24 Uhr

Sendetermin

So, 07.09.14 | 19:20 Uhr

Produktion

Diese Sendung wurde vom
Bayerischen Rundfunk produziert.