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Marokko: Wut auf den König

Marokko: Wut auf den König

"Wir wollen Frieden, wir wollen Gerechtigkeit!" rufen die Demonstranten vor dem Gericht in Casablanca. Wütende Proteste gegen ein Strafverfahren, das sie als völlig ungerecht empfinden. Drinnen sind 20 junge Männer angeklagt, die im Norden für bessere Lebensverhältnisse demonstriert hatten. Separatistische Umtriebe, Aufstand gegen die Staatsgewalt, Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten - so lauten die Vorwürfe.

"Sie sind im Gefängnis, obwohl sie nichts getan haben – außer für ihre sozialen Rechte zu kämpfen, zum Beispiel für ein Krankenhaus, oder eine Universität in ihrer Stadt Al Hoceima", sagt ein Demonstrant

Seit fast einem Jahr rumort es im Norden Marokkos, in der Berber-Region des Rif-Gebirges. 

Ein heikler Besuch

Wir wollen in das Zentrum der Proteste fahren, in die Stadt Al Hoceima, und dort mit Aktivisten reden, aber auch mit der Regierungsseite. Wir haben uns vorher angekündigt, denn wir wissen: es ist ein heikler Besuch.

So sah es in Al Hoceima  im Juli aus  – fast jeden Abend Proteste in den Straßen. Die Menschen  fordern, dass die Regierung endlich mehr für ihre Region tut.  

Auslöser der Dauer-Demos war der Tod eines Fischhändlers. Beamten hatten seine Ware beschlagnahmt und in eine Müllpresse geworfen – der Händler sprang hinterher und wurde zu Tode gequetscht. Seitdem kommt Al Hoceima nicht mehr zur Ruhe.

Angespannte Ruhe und Nervosität

Demonstranten
Vor allem junge Marokkaner fordern bessere Lebensverhältnisse – die Arbeitslosigkeit ist hoch

Die Staatsmacht versucht die Proteste in der Berber-Region mit aller Macht zu verhindern – es sind die schwersten Unruhen seit dem Arabischen Frühling 2011.  Hunderte von Aktivisten wurden verhaftet, nun herrscht in  Al Hoceima eine überaus angespannte Ruhe.
Für uns bedeutet das – wir dürfen von hier nicht berichten, können nur im Hotelzimmer drehen.

Und auch am nächsten Tag. Obwohl wir akkreditiert sind, müssen wir  Al Hoceima sofort verlassen, immer begleitet von einem unauffällig auffälligen Fahrzeug.  Die Staatsmacht ist hochgradig nervös.

Wir fahren zurück in die Hauptstadt Rabat und treffen einen Vertreter einer Berber-Organisation, Rachid Raha. Er betont, dass es der Protestbewegung um soziale Forderungen gehe wie zum Beispiel eine bessere Gesundheitsversorgung.  König Mohamed VI. werde noch nicht in Frage gestellt, wohl aber sein als korrupt empfundener Machtapparat.

Rachid Raha von der Berber-Vereinigung Amazighe: "Die Demonstrationen sind immer größer geworden, weil die Forderungen der jungen Leute von vielen Menschen auch in anderen Regionen geteilt werden, in ganz Marokko."

Anführer der Bewegung inhaftiert

Manche der Verhafteten wurden inzwischen vom König begnadigt, doch die meisten bleiben in Haft – auch Nasser Zefzafi. Er gilt als Anführer der Bewegung. Vor einem Jahr war der 38jährige Arbeitslose noch ein Unbekannter, doch nun hat ihn seine Kritik an der Staatsmacht zum Helden der Rif-Berber gemacht.

Demonstranten mit zugeklebtem Mund und gefesselten Händen
Marokko: Im Norden des Landes gab es in diesem Sommer die schwersten Unruhen seit dem arabischen Frühling

Im Büro in Rabat treffen wir seinen Vater, Ahmed Zefzafi, ein Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt. Die Lage seines Sohns schmerzt ihn sehr: "Mein Sohn ist im Gefängnis in einer Einzelzelle, in Isolationshaft. Er ist immer alleine, auch wenn er für einige Minuten Ausgang im Gefängnishof bekommt. Den Grund für diese Isolierung verstehe ich, ehrlich gesagt, überhaupt nicht. Auch vom Gesetz her, von der Justiz gibt es keinen Grund dafür, dass er so isoliert wird."

Natürlich hätten wir von den verantwortlichen Behörden gerne eine Stellungnahme zu den Vorwürfen eingeholt, doch unsere Anfragen für ein Interview blieben unbeantwortet.

Schwere Vorwürfe gegen die Behörden

Dafür treffen wir noch einen der Anwälte der Inhaftierten, der sich für die Freilassung seiner Mandanten einsetzt. Abdessadik El Bouchattaoui richtet schwere Vorwürfe gegen die Behörden, er spricht von dubioser Beweisaufnahme. Oft reichten schon Fotos für eine Verurteilung.

Abdessadik El Bouchattaoui, Anwalt: "Meistens genügen der marokkanischen Justiz Fotos und Einträge auf elektronischen Seiten wie Facebook als Beweise. Aber das ist eindeutig eine Verletzung der Meinungsfreiheit, wie sie im internationalen Recht festgehalten ist."

Demonstranten halten Fotos von Inhaftierten
Angehörige fordern die Freilassung ihrer Söhne – die Regierung reagiert mit aller Härte auf die Proteste

Die Menschen, die in Casablanca demonstrieren, hoffen auf Unterstützung aus dem Ausland. Fraglich, ob die kommen wird. Denn Marokko ist für Europa ein wichtiger Partner im Kampf gegen den Terrorismus und bei der Migrationsfrage. Ein Demonstrant meint, "nur internationaler Druck kann wohl diesen Staat beeindrucken, der sich gegenwärtig immer mehr zu einem Polizeistaat entwickelt."

Sie fordern mehr Freiheit, der Staat fühlt sich davon bedroht - Marokko steht weiter vor unruhigen Zeiten.

Autor: Stefan Schaaf/ARD Studio Madrid

Stand: 18.09.2017 09:10 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Westdeutschen Rundfunk produziert.