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Russland: Auf dem Fahrrad – Fluchtweg über Murmansk

Russland: Auf dem Fahrrad - Fluchtweg über Murmansk

In einer Lagerhalle der norwegischen Polizei in Storskog lagern Hunderte Fahrräder, viele noch mit russichen Preisschildern. Mit ihnen versuchen seit ein paar Monaten immer mehr Menschen nach Europa zu entkommen. "Es flüchten hauptsächlich Syrer", sagt Elin Gaasland von der norwegischen Grenzpolizei. "Anfangs haben Autofahrer die Flüchtlinge per Autostopp mitgenommen, aber Sie sind als Fahrer für den Fahrgast verantwortlich und da mussten die Menschen auf eigene Transportmittel umsteigen, die Fahrer hätten illegal gehandelt, denn natürlich hat hier keiner von den Syrern ein Schengen Visum."

Eine geheime Operation

Hunderte Fahrräder in einer Lagerhalle der norwegischen Polizei in Storskog.
Flucht per Fahrrad von Russland nach Norwegen.

In Moskau beginnt Tage zuvor unsere Geschichte: Es geht das Gerücht um, dass Syrer neuerdings über Moskau fliehen. Wir drehen verdeckt. Es laufe eine geheime Operation, erzählt uns der Informant. Als normaler Syrer bekomme man nicht so einfach ein Visum für Russland, man brauche Beziehungen. Hunderte hätten sich trotzdem auf den Weg gemacht. Der Fluchtweg sei jenseits des Polarkreises. Wir können es kaum glauben. Und machen uns selbst auf den Weg.

Murmansk ist Russlands einziger eisfreier Hafen im Norden. Die Glanzzeit der Stadt scheint lange vorbei. Das Tor zum Polarmeer hat 300.000 Einwohner. Von hier aus sollen die Syrer nach Norwegen fliehen, haben sie uns in Moskau erzählt. Aber wo sind sie? Der erste Tipp kommt von Taxifahrer Anatoli Maschkow: "Ja, Ich hatte ein paar Mal Syrer hier, die wollten zur Grenze, aber nicht mit mir, die wollten nicht so viel zahlen, wie ich haben wollte."

Per Flugzeug aus Moskau

Syrer stehen an Autos
Mit dem teuren Nachtflug aus Moskau kommen die Syrer.

Er habe gehört, die meisten kämen am Flughafen an – und zwar mit dem teuren Nachtflug aus Moskau. Wir warten am Flughafen und drehen verdeckt nahe der Piste. Und tatsächlich: Da kommen sie an: Alles Männer in Gruppen, drei, vier, danach noch einmal zwei in Kapuzen, gut gekleidet. Ja, Syrer, sagt uns später die Grenzpolizei. Wir warten am Ausgang, aber über Stunden verlässt keiner der Syrer den Flughafen. Wieder bekommen wir von einem Taxifahrer einen Tipp: Er fahre Syrer regelmäßig in ein Hotel in der Stadtmitte.

Also fragen wir dort nach. Und erleben die nächste Überraschung: Der Direktor zeigt uns die Zimmer, die seine syrischen Gäste bevorzugen. Luxus, zumindest für die Verhältnisse in der russischen Provinz. "Die wissen genau, was sie wollen, zahlen 200 Euro für unsere Zimmer, die handeln nicht mal, sie übernachten, bestellen ein Taxi zur Grenze undS checken aus", sagt Andrej Milochin, Direktor des Hotels in Murmansk. "Fahrräder kaufen sie dann als nächstes und zwar in Nikel, der Stadt vor der Grenze. Das kommt jetzt sehr oft vor. Und auf der norwegischen Seite der Grenze werfen sie die gebrauchten Fahrräder wieder weg."

"Freiheit kennt keinen Preis"

Fahrradverkäufer Dmitri Smirnow
Dmitri Smirnow macht ein gutes Geschäft.

Wohlhabende Syrer auf der Flucht? Wir machen uns auf den Weg zur Grenze, weit hinter den Polarkreis. Nach zwei Stunden taucht die russische Grenzstadt Nickel auf, wie der Name sagt, leben die Menschen hier vom Nickelabbau. Es ist eine der Industriestädte der ehemaligen Sowjetunion, die man am Rande des Riesenreiches vergessen hat. Wer kann sich hier Fahrräder für 200 Euro leisten? Das erklärt uns der strahlende Verkäufer Dmitri Smirnow: "Die Syrer kaufen alles, egal was und wenn das Ding 300 Euro kostet. Wir sind so gut wie ausverkauft. Freiheit kennt halt keinen Preis. Sie fahren 100 Meter damit – vom russischen zum norwegischen Grenzposten"

Anhänger von Assad

Syrer im Interview
Die meisten sind offene Anhänger vn Syriens Machthaber Bashar al Assad.

Wir warten verdeckt im Niemandsland zwischen den Grenzposten. Und dann kommen sie. Syrische Flüchtlinge auf Fahrrädern, mittlerweile wissen wir, warum: Russland besteht darauf, dass niemand zu Fuß über die Grenze darf. 20 Männer bitten allein in einer halben Stunde um Asyl.
Kirkenes, Norwegen, am nächsten Morgen: Im besten Hotel am Ort können wir endlich mit ihnen sprechen: 30 Syrer, zumeist Männer, nur zwei Frauen und ein Kind. Alle sind in Sicherheit, aber vor der Kamera will zuerst keiner mit uns reden. Die Überraschung: Alle haben schon mindestens zwei Jahre in Russland gelebt, erzählen sie uns, die meisten sprechen russisch. Die zweite Überraschung: Die meisten sind offene Anhänger vn Syriens Machthaber Bashar al Assad. Woher sie das seltene russische Visum haben, darüber wollen sie nicht sprechen, nur über Norwegen. "Wir müssen hier erst einmal die Sprache lernen, wir wollen Arbeit. Wir haben ja  Erfahrung, wie man in einer neuen Umgebung zurechtkommt, wie man dieses und das macht, wir haben ja schon drei Jahre in Russland gelebt", erzählt Muhannid Ludvi. Er erzählt, er sei Student.

Ältere Studenten mit russischem Transitvisum?

Wohlhabende ältere Studenten mit russischem Transitvisum? Das klingt seltsam. Wir fragen bei der Bürgermeisterin von Kirkenes nach. Hat sie keine Angst, Anhänger von Syriens Machthaber Assad aufzunehmen? "Nein. Das wichtigste ist natürlich, dass wir den Menschen, die wir aufnehmen, Sicherheit geben. Nun werden wir natürlich auch die Identitäten der Menschen, die kommen, überprüfen, um die Sicherheit unserer Mitarbeiter und unserer Gemeinde sicherzustellen", sagt Cecilie Hansen.

An der Grenze kommen mittlerweile die nächsten Syrer an, jeden Tag um die 20. Wer sind diese Leute wirklich? Es bleibt für uns bis zuletzt ein Rätsel. Und es bleiben natürlich Hunderte Fahrräder in der Lagerhalle der norwegischen Grenzpolizei.

Autoren: Stephan Stuchlik, Evgenij Rudnij, ARD-Studio Moskau

Stand: 28.09.2015 13:20 Uhr

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