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Somalia: Zurück in die Heimat

Somalia: Zurück in die Heimat

Es ist ihr letzter Tag im Flüchtlingscamp Dadaab. Der Abschied fällt nicht leicht – und erfordert Mut. Während Tausende ihrer Landsleute aus Somalia fliehen, wagen sie es, zurückzukehren. In ihr Heimatland. Acht Jahre hat Familie Adan hier gelebt. Acht Jahre müssen jetzt in zwei Koffer passen.  

"Ich freue mich sehr, zurück zu kehren nach Somalia. Manche unserer Nachbarn machen sich Sorgen um uns, weil der Konflikt in Somalia noch nicht vorbei ist. Aber wir freuen uns." sagt Mohammed Adan. Alles was nicht reinpasst, wird verkauft. Oder verschenkt. So wie das Bett: ein echtes Luxusgut im Camp. Der älteste Sohn macht sich schon mal schick: mit verdünnter Schuhcreme.

Fatuma Aden kocht das letzte Abendessen. Zum Abschied gibt es Reis und Gemüse. Normalerweise, erzählt sie, bekommen sie von den Vereinten Nationen etwas Linsen und Mehl und einen Sack Mais pro Monat zugeteilt. Immer das Gleiche. Monat für Monat. "Seit Jahren entscheiden andere, was wir essen und wie viel. Dabei essen wir Somalis gar keinen Mais. Wir essen Reis. Ich weiß nicht, warum die Vereinten Nationen das nicht begreifen." meint Fatuma Adan.

Eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben

Flüchtlingslager Dadaab in Somalia
Eine letzte Mahlzeit im Flüchtlingscamp vor der Rückkehr in ihre Heimatstadt Mogadischu/Somalia.

Wer kann verkauft seinen Mais und finanziert sich so sein eigenes Essen. Und etwas Würde. So können, so wollen sie nicht mehr weitermachen. Ihre Kinder sollen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben bekommen. Ein selbstbestimmtes Leben ist in Dadaab nicht möglich. Mehr als 300.000 Menschen leben hier. Manche in dritter Generation. Die kenianische Regierung erlaubt den Flüchtlingen nicht, das Camp jemals zu verlassen oder zu arbeiten.

Im Camp verrecken oder zurück in ein Bürgerkriegsland – eine bessere Wahl hätten sie nun mal nicht, sagt Mohammed Adan. Die Vereinten Nationen schaffen Anreize für so genannte freiwillige Rückkehrer: 660 Dollar gibt es für die Familie. Und ein Notfall-Paket mit Power-Riegeln und Damenbinden. "Viel ist es nicht. Aber es ist ein Anfang, um ein kleines Geschäft aufzuziehen und neu anzufangen." meint Mohammed Adan.

Dann ist es soweit. Vor acht Jahren waren sie vor dem Bürgerkrieg in Somalia geflohen. Jetzt kehren sie zurück. Was werden sie wohl vorfinden? Es kann nur besser werden, sagt Mohammed Adan. Besser als das Dasein als Flüchtling. Als Bettler. Als der ewig Fremde.    

Alltag unter ständiger Gefahr

Ein paar Tage später reisen wir Familie Adan hinter her – nach Mogadischu – Somalias Hauptstadt. Truppen der Afrikanischen Union patrouillieren überall. Sie haben vor vier Jahren Mogadischu "befreit". Von der radikalislamischen Al Shabaab-Miliz. Aber weite Teile des restlichen Landes werden noch immer von Al Shabaab kontrolliert. Auch in Mogadischu ist eine Woche ohne Anschlag eine gute Woche, sagen die Menschen.

Trotzdem ist so etwas wie Alltag, sogar Aufbruchsstimmung zu spüren. Ein Alltag unter ständiger Gefahr. Jeder, der auffällt könnte entführt werden – ob Politiker, Investor oder Ausländer – fast alle lassen sich von privaten Sicherheitsfirmen beschützen. Auch uns bleibt keine andere Wahl. Im Auffanglager für Rückkehrer aus Dadaab suchen wir nach Familie Adan. Gerade kommen wieder neue an. Die erste Mahlzeit nach 24 Stunden. Spaghetti ist auch in der ehemaligen italienischen Kolonie ein Nationalgericht.

Amina Eden ist schon seit zwei Monaten mit ihrer Familie zurück aus Dadaab. Die Rückkehr sei schwierig, erzählt sie. Sie wartet vergeblich auf Essensrationen, die die Vereinten Nationen ihnen für die ersten Monate versprochen haben, "Ich weiß langsam nicht mehr, wie ich meine Familie ernähren soll. Mit dem Geld, das wir bekommen haben, muss ich die Miete bezahlen. Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich habe niemanden, auf den ich mich verlassen kann."

Al Shabaab kann überall sein

Flüchtlingslager Dadaab in Somalia
Ein Tag ohne einen Anschlag ist ein guter Tag, sagen die Menschen in Somalia.

Wie ergeht es wohl Familie Adan? Von anderen Rückkehrern erfahren wir, dass sie bei Verwandten untergekommen sind. Das Viertel sei allerdings extrem unsicher, werden wir gewarnt. Eine Al Shabaab Hochburg mit dem Spitznamen "Blutbad". In dem Viertel liegen zerstörte Panzer aus dem Krieg gegen Al Shabaab – wie Trophäen. Wie um dem Staat zu zeigen: Wir sind noch hier.

In dieser Straße finden wir Mohammed Adan und seine Familie. Die Reise sei gut verlaufen, erzählen sie. Nur eng sei es jetzt. Gemeinsam mit der Familie der Schwester teilen sie sich zwei kleine Zimmer. Für 15 Personen. Dringend brauchen sie eine eigene Bleibe. Ihr Geld, eigentlich für die Existenz-Gründung gedacht, wird deshalb für die Miete draufgehen. Trotzdem, sie bereuen die Rückkehr nicht. "Das ist meine Heimat. Allein deshalb ist es schon besser hier." meint Fatuma.

Ihr Mann Mohammed sagt, "Ich wollte nicht mehr als Gefangener und Fremder leben. Ich bin ein sehr geselliger Mensch, ich liebe Sport und will einfach Teil einer Gesellschaft sein. Als Flüchtling bist Du immer außen vor." Und dann bricht Mohammed Aden plötzlich unseren Dreh ab. Er habe Angst, sagt er. "Ich kenne mich hier im Viertel nicht aus. Ich würde euch gerne weiter drehen lassen. Aber ich will keinen Ärger. Ich bin nur ein Vater, der seine Familie beschützen will. Ich muss mir hier ein neues Leben aufbauen."

Bildung ist ein Luxus

Und mit Ausländern zu sprechen kann hier bereits lebensgefährlich sein. Denn jeder, der Nachbar, selbst der eigene Bruder könnte der Al Shabaab Miliz angehören und einen verpfeifen. Wie so oft schließen sich viele, vor allem junge Menschen, der Terrorgruppe an, weil sie sonst keine Alternative haben.

Auch deshalb will Amina ihre Kinder unbedingt zur Schule schicken, damit sie nicht auf die schiefe Bahn geraten, sagt sie. Aber Bildung ist in Somalia Luxus. Selbst staatliche Schulen kosten. Der Schulleiter rechnet Amina vor, wie viel auf sie zukommt: Umgerechnet 500 Euro für ihre vier Kinder pro Jahr. Für die alleinerziehende Mutter ist es ein Schock. Und erst mal klar: Sie kann die Kinder nicht anmelden. Ihr Sohn sagt "Ich bin traurig. Andere Kinder in meinem Alter können was lernen. Aber ich nicht."

Um die Stimmung etwas aufzuhellen geht Amina mit den Kindern zum Strand von Mogadischu. Zum ersten Mal sehen sie das Meer. Zum ersten Mal liegt so etwas wie Freiheit in der Luft. So etwas wie Hoffnung. Ihre Oma meint, "Das ist unsere Erde. Unsere Heimat. Wir lieben unser Land und alles worum wir beten ist Frieden."

Amina wird es schwer haben. Aber vielleicht gelingt es ihnen: einer neuen Generation, die sich die Heimat und ein normales Leben zurückholen will.

Autorin: Shafagh Laghai/ARD Nairobi

Stand: 18.10.2015 20:20 Uhr

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