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Russland: Krankes Land

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Russland: Krankes Land

Ihre Empörung ist groß: 28 Krankenhäuser sollen im Großraum Moskau geschlossen werden. Schon jetzt kommen immer weniger Moskowiter überhaupt in den Genuss der staatlich garantierten medizinischen Versorgung. Wer nicht monatelang warten will, muss sich privat behandeln lassen. "Ihr fliegt nach Europa. Wer behandelt mich hier in Russland?" fragt diese Frau. Sie hat Multiple Sklerose und wird in einem Krankenhaus behandelt, das nun geschlossen werden soll. Eine Folge der Ukrainepolitik, glaubt sie. Margarita Volkowa meint: "Sie brauchen viel Geld, um die Donezker und Lugansker Republik aufrecht zu erhalten. Und ich meine damit nicht die humanitären Lieferungen an Kinder und Invaliden, sondern die Unterstützung von Kämpfern." Juri, ein Patient, sagt: "Während die Zahl der Ärzte sinkt, wächst das Militär. Der ganze russische Staatshaushalt ist auf den Krieg zugeschnitten. Keine Ahnung woher diese Paranoia stammt."

In Moskau gehen Demonstranten für eine bessere ärztliche Versorgung auf die Straße.
In Moskau gehen Demonstranten für eine bessere ärztliche Versorgung auf die Straße.

Semjon Galperin  - ein Neurologe, der in einem Krankenhaus arbeitet, das im Dezember geschlossen werden soll. Für ihn und Olga Demicheva ist es das erste Mal, dass sie auf einer Demonstration sind. Beide haben bereits ihre Kündigungen.Der Arzt Semjon Galperin erläutert: "Das, was hier gerade passiert, ist die Zerstörung des medizinischen Systems in Moskau. Das widerspricht der russischen Verfassung, die allen Bürgern eine kostenlose medizinische Versorgung garantiert. Diese Krankenhausschließungen werden es den Patienten noch schwerer machen medizinisch versorgt zu werden." Beide Ärzte sind überzeugt: nur eine öffentliche Kampagne kann die drohende Schließung ihres Krankenhause noch abwenden. Olga Demicheva, Ärztin, sagt: "Herr Präsident, ich verstehe die Staatskassen sind leer. Ich verstehe, dass die Olympischen Spiele teuer waren und auch die Krim, aber bezahlen sie diese Triumphe nicht mit Menschenleben."

Eine Frau auf einer Demonstration in Moskau mit einem Plakat.
Im Großraum Moskau sollen zahlreiche Krankenhäuser geschlossen werden.

Das Krankenhaus Nr. 24 ist eines der Häuser, das geschlossen werden soll. Es steht auf einer Liste von insgesamt 28 Einrichtungen. Als die Liste an die Öffentlichkeit gelangte, stand für Olga und Semjon fest, dass sie kämpfen würden. Sie schleusen mich hinein, damit ich mir selbst ein Bild machen kann. Der Grossteil des Personals hat schon Kündigungen erhalten. Trotzdem machen sie ihre Arbeit weiter. Das Telefon steht nicht mehr still. Olga vertröstet Patienten. Aufnehmen kann sie im Augenblick niemanden.  Olga Demitschewa blättert durch eine Krankenakte: "Dieses Mädchen wird diese Woche zu mir kommen. Was soll ich nur mit ihr machen? Sie ist schwanger und hat Diabetes. Meine Stelle ist ab dem 1. Dezember gestrichen. Jetzt kann ich das Mädchen nur noch am Telefon beraten."

Es wird weitere Engpässe geben, glauben die beiden erfahrenen Ärzte. Sie befürchten, dass auf dem Gelände Büroflächen oder Hotels entstehen sollen. Semjon Galperin erklärt: "Die Patienten gehören nicht zum Kerngeschäft. Sie bringen kein Geld in den Staatshaushalt, Ärzte und Lehrer fördern kein Öl. Das stört wahrscheinlich das Entwicklungskonzept der idealen utopischen Stadt, wo alle Leute glücklich und gesund sind." Früher lagen die Patienten hier oft in den Korridoren. Jetzt ist ein Teil der medizinischen Ausstattung bereits herausgeräumt worden. Wir haben kein Recht, aufzugeben, meint Semjon. Wir kämpfen für die Patienten, die uns seit Jahren vertrauen. Die Patientin Ludmila Dusowitskaja sagt: "Ich kann mir eine bezahlte Behandlung überhaupt nicht leisten. Ich bin Rentnerin."

Eine Patientin in einem Krankenhaus in Moskau.
Arina hat chronisches Asthma, ist seit fünf Jahren in Behandlung und sorgt sich um ihre ärztliche Versorgung.

Arina hat chronisches Asthma wird seit 5 Jahren hier behandelt. Sie meint: "Um ehrlich zu sein, ich glaube, die Staatskassen sind leer und man spart jetzt an uns kleinen Leuten, die schwach sind und die sich nicht verteidigen können. Es ist klar, dass die Miliz und die Armee ernährt werden müssen. Und Kranke und Kinder werden es schweigend hinnehmen." Immerhin aufgrund des öffentlichen Drucks werden die Sparpläne der Stadt Moskau im Menschenrechtsrat erörtert. Der stellvertretende Bürgermeister, der für die Liste verantwortlich ist, muss sich den Fragen von Experten stellen. Anders als sie geht er von einer Überversorgung der Stadt aus.

Leonid Petschatnikow, der stellvertretende Bürgermeister von Moskau, erklärt: "In Moskau gibt es eine enorme Zahl an Betten und Personal und wir müssen das begrenzte Budget auf die vielen Köpfe verteilen. Deshalb haben wir diese Entscheidung getroffen." Das sieht diese Gesundheitsexpertin ganz anders. Die Stadt spare das System kaputt. Gusel Ulumbekowa sagt: "Ich behaupte: Das Gesundheitssystem ist genauso wichtig wie das Militär. Jahrelang war das Militär unterfinanziert, wie auch unser Gesundheitswesen. Und jetzt brauchen wir die gleichen Budgeterhöhungen für die Medizin, wie in unserem Verteidigungsetat."

Im Dezember soll nun endgültig entscheiden werden, welche Krankenhäuser geschlossen werden. Olga und Semjon sind zwar skeptisch, werden aber nicht aufgeben. Die nächsten Demos sind bereits für Ende November geplant. Dieses Mal landesweit.

Ein Bericht von ARD-Korrespondentin Birgit Virnich.

Stand: 24.11.2014 13:24 Uhr

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So, 23.11.14 | 19:20 Uhr

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Diese Sendung wurde vom
Südwestrundfunk produziert.