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Nepal: Weiblich, göttlich, jung sucht… ein normales Leben: Die Kumaris in Nepal

Im Rahmen der ARD-Themenwoche 2017 "Woran glaubst Du?"

PlayVerehrung der Kumari
Nepal: Weiblich, göttlich, jung sucht… ein normales Leben: Die Kumaris in Nepal

Jibika lebt den Traum vieler Mädchen. Sie ist eine Kumari – das heißt übersetzt: Prinzessin, bedeutet aber noch viel mehr: nämlich dass sie die Verkörperin einer Hindu-Göttin ist. Lesen lernen muss sie trotzdem – auch Wörter, die Götter eigentlich nicht nötig haben.

Jibika
Jibika

Dass eine Kumari zu Schule geht, ist neu. Früher blieben sie im Tempel eingesperrt, aus Angst, sie könnten sich verletzen. Eine Göttin, die blutet, ist keine mehr. Deshalb sind ihre Mitschüler und ihre Lehrerin besonders rücksichtsvoll: "Wir beten sie an; natürlich nicht hier, aber bei den Zeremonien im Tempel. Ich selbst habe dort schon vor ihr gekniet und habe ihren göttlichen Segen gespürt."

Göttin auf Zeit

Jibika ist Göttin auf Zeit. Mit der Pubertät ist sie ihren heiligen Status los. Jetzt wollen alle in der Klasse befreundet mit ihr sein. Warum wohl? "Weil sie eine Kumari ist." sagt eine Mitschülerin. Schüchtern ist sie, die Kumari, will nicht in die Kamera sagen, wie sie sich als Göttin fühlt. Vielleicht sind ihre Gedanken auch schon bei ihrem nächsten Einsatz als Göttin im Tempel.

Sumana
Sumana

Dort hat sie viele Jahre zugebracht: Sumana, ex-Göttin. Anders als Jibika durfte sie damals nicht zur Schule gehen. Sie wurde im Tempel unterrichtet, hatte keine Spielkameraden, denkt aber dennoch gerne an die Zeit zurück: "Im Tempel war es so still und friedlich. Und alle haben mich verehrt. Ich war etwas Besonderes. Das habe ich genossen. Und dann plötzlich wieder draußen zu sein, als ganz gewöhnliches Mädchen, das war schon ein Schock. Manchmal wäre ich gerne wieder eine Kumari."

Von der Göttin zur Frau

Immerhin hat sie den Wechsel geschafft. Sie hat einen Mann und zwei Söhne und damit Glück. Denn viele Männer in Nepal wollen keine ehemalige Kumari heiraten. Das soll nämlich Unglück bringen: "Das war mir egal. Mich hat der ganze Göttinnenkram überhaupt nicht interessiert. Ich habe mich ganz einfach in Sumana verliebt und in ihr nichts anderes als eine tolle Frau gesehen."

Sumana und ihr Mann
Sumana und ihr Mann

Er engagiert sich für die in Nepal starke Maoistische Partei, und auch Sumana ist dort aktiv. Auseinander gehen ihre Meinungen nur beim Thema Religion: "Ich glaube nicht an Gott. Ich bin Atheist. Das ist auch die Linie meiner Partei." Sumana kontert: "Das ist seine Meinung. Ich glaube weiter an die Götter und bete zu ihnen für die Gesundheit meines Mannes und meiner Kinder."

Arbeit im Tempel

Es ist Samstagmorgen, und Jibika ist mit ihren Eltern auf dem Weg zur Tempelzeremonie. An besonderen Tagen kommen Tausende von Gläubigen zu ihr, aber diesmal werden nur eine Handvoll erwartet. Vorher muss Jibika sich umziehen, wie so oft in den zwei Jahren seit ihrer Wahl.

Jibikas Mutter
Jibikas Mutter

"Die Priester sind zu uns nach Hause gekommen", erinnert sich die Mutter. "Sie haben ihre Stirn mit einem Pulver eingerieben. Wenn sie davon nicht in den nächsten Tagen krank würde, dann sollte sie die Kumari werden. Die anderen Kandidatinnen wurden krank, aber Jibika blieb gesund."

32 mal Göttin

Und dann kommt sie, nicht als Jibika, sondern als Kumari. Sie ist zwar nicht die einzige in Nepal, es gibt etwa ein Dutzend, aber aus Sicht der hiesigen Priester die mächtigste, auch, weil sie alle 32 Kriterien einer Kumari so perfekt erfüllt: "Eine Kumari darf zum Beispiel keine Verletzung aufweisen, keine Narben," erklärt der Priester. "Ihre Füße müssen eine bestimmte Form haben, ihre Stirn sollte hoch sein, und ihr Gesicht muss strahlen."

Sumana und Jibika
Sumana und Jibika

Wie so oft kommt auch die Ex-Kumari hierher, lässt sich segnen und spricht dabei ein stummes Bittgebet. Von der Wirksamkeit ist sie überzeugt, aus eigener Erfahrung: "Als ich Kumari war, habe ich einen Jungen geheilt. Er war schwerkrank. Ich habe eine Blume über sein Gesicht gehalten und ihn gesegnet. Dann wurde er gesund."

Vater und Mutter beten zu ihrer Tochter

Am Schluss knien auch der Vater und die Mutter und beten zur Kumari, dass sie auch dann noch gut zu Jibika ist, wenn sie deren Körper einmal nicht mehr bewohnt. Sie haben einen Berufswunsch für ihre Tochter: "Wir hoffen, sie wird Ärztin. Dann kann sie weiter Menschen heilen. Wir werden alles tun, damit sie eine gute Ausbildung bekommt."

Wenn Jibika sich nicht vorher beim Spielen verletzt, bleiben ihr noch sechs, sieben Jahre als Kumari. Dann wartet ein Test auf sie, der vermutlich schwerer ist als alle Göttlichkeitsprüfungen: Sie muss sich den Platz im wirklichen Leben erkämpfen.

Autor: Markus Spieker, ARD Neu-Delhi

Stand: 12.06.2017 01:43 Uhr

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