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Weltspiegel

Serbien: Karadzic vor dem Kadi, doch wo steckt Mladic?

Radovan Karadzic: In diesen Tagen soll vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag der Prozess beginnen gegen den ehemaligen Führer der bosnischen Serben. Doch während Karadzic nach jahrelangem Versteckspiel im vergangenen Jahr endlich ins Netz ging, ist sein militärischer Handlanger, der bosnisch-serbische General Ratko Mladic, nach wie vor auf freiem Fuß. Experten glauben, er halte sich noch immer in Belgrad auf, vermutlich sogar gedeckt von Teilen der Behörden und der Armee. Zwei unter ungeklärten Umständen getötete Soldaten sollen ermordet worden sein, weil sie Mladic in einer Kaserne erkannt hatten. Die Regierung jedoch beteuert, Mladics Aufenthaltsort nicht zu kennen, ihm aber mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln nachzustellen. Was auch nötig ist, will sich Serbien Hoffnungen machen auf Beitrittsgespräche zur EU. Die nämlich sieht die Festnahme des Kriegsverbrechers als Grundvoraussetzung für Verhandlungen. Mladic wird u.a. verantwortlich gemacht für das Massaker von Srebrenica, dem im Juli 1995 rund 8.000 muslimische Männer und Jungen zum Opfer gefallen waren. Eine Menschenrechtsgruppe aus Serbien will jetzt jeden 11. des Monats eine Aktion abhalten im Gedenken an jenen 11. Juli vor 14 Jahren, und zwar so lange, bis Mladic gefasst ist. Sie tut das auch stellvertretend für ihre Landsleute, die sich lästiger Vergangenheitsbewältigung nicht stellen wollen.

Autor: Thomas Morawski, ARD-Studio Wien

Irak: Der Garten Eden verbrennt

Bauer Hassan Khalaf betet zu Allah, der Mann ist verzweifelt: "Schauen Sie, alles abgestorben. Hier entsteht die Wüste der Zukunft, wenn nichts unternommen wird!" - Zweistromland, Mesopotamien heißt die Gegend der Erde, in der die Flüsse Euphrat und Tigris die Menschen mit Wasser versorgen. Normalerweise. Denn die Region, die zum fruchtbaren Halbmond Vorderasiens zählt und wo vor Jahrtausenden von Jahren der Ackerbau entstand, leidet seit zwei Jahren unter einer anhaltenden Dürre. Besonders im Südirak finden sich kaum noch Spuren der einst paradiesischen Marschlandschaft, die mit ihrem fruchtbaren Boden, den fischreichen Seen und dem üppigen Schilf als reales Vorbild für den biblischen Garten Eden gilt. Heute erstreckt sich dort blanke, rissige Erde, und tausende Menschen sind von der verheerenden Trockenheit betroffen. Für den niedrigen Wasserstand von Euphrat und Tigris werden weit unterdurchschnittliche Niederschlagsmengen verantwortlich gemacht, aber auch Staudammprojekte am Oberlauf des Euphrat, vor allem in der Südtürkei. Euphrat und Tigris entspringen in der Türkei, fließen durch Syrien und den Irak und münden in den Persischen Golf. Angesichts der bedrohlichen Dürre ist die Wasserversorgung zunehmend Streitpunkt zwischen den Flussanrainern. Und man bekommt eine leise Vorstellung davon, was Wissenschaftler und Konfliktforscher meinen, wenn sie sagen: Die Kriege der Zukunft werden ums Wasser geführt.

Autor: Thomas Stephan, ARD-Studio Kairo

Honduras: Polittheater mit Cowboyhut

Zumindest einen sportlichen Erfolg kann Honduras feiern. Das Land hat sich gerade direkt für die Fußball-WM in Südafrika qualifiziert. Ein echter Krimi. Den gibt es auch auf politischer Bühne, nur ohne gutes Ende. Es geht zu wie früher bei Dallas: mit Bösewichten, großen Sonnenbrillen und Cowboyhüten. Den trägt mit Vorliebe der aus dem Amt geputschte Präsident Zelaya, wenn er lange Handygespräche im Schatten der Bäume führt - auf dem Gelände der brasilianischen Botschaft in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa. Sein Gegenspieler Micheletti ziert sich weiter, Zelaya wieder an die Macht zu lassen, und sei es auch nur so lange, bis es freie Wahlen gibt. Stattdessen ruft Micheletti als Ablenkungsmanöver den Tag nach dem Fußballerfolg erst mal zum Feiertag aus. Nur Possenspiel in einer Bananenrepublik? Ja, wenn es nicht so traurig wäre: Wenn der Weltspiegel diese Woche in Tegucigalpa ein Interview mit einem besser gekleideten Geschäftsmann auf offener Straße dreht, gehen einfache Leute vorbei und schimpfen "Golpista!" - Putschist! Das Land ist gespalten - wie die Politik. Der Industrielle Alejandro Alvarez ist froh über die Absetzung Präsident Zelayas, weil dieser mehr und mehr Politik für die Arbeiter machte. Der Widerstand gegen die Militärputschregierung Micheletti kommt hauptsächlich aus der ärmeren Bevölkerungsschicht. Die schreit bei den Demos für ihren demokratisch gewählten Präsidenten. Die Marktfrau Lilian Molina gehört dazu. Ihre Blutergüsse von den Schlagstöcken des Militärs dokumentieren die herrschende Gewalt im Land. Und am Grab seines Sohnes, der von hinten erschossen wurde, als er für Zelaya demonstrierte, erzählt uns Pastor David Marilli von seinem Schmerz und seinem Stolz für den Aktivisten, der sein Leben beim Kampf für Demokratie in Mittelamerika verlor. Demokratie, die offenbar so zerbrechlich ist, wie zur Zeit der großen Militärputsche vor 30 Jahren.

Autor: Peter Sonnenberg, ARD-Studio Mexiko City

Grönland: Tasiilaq - Leben am Rande

Grönland, die größte Insel der Welt: Der Klimawandel ist eine Sorge, handfeste soziale Verwerfungen die andere. Wir sind an der dünnbesiedelten Ostküste, im Hauptort Tasiilaq. Wunderschön ist es hier, mit Eisbergen und arktischen Blumen. Trotzdem kommt kaum ein Tourist vorbei - oder Entscheidungsträger von der weit entfernten Westküste. Eine vergessene Ecke. 2000 Menschen leben in Tasiilaq, ein kinderreicher Ort. Doch dem Nachwuchs geht's nicht gut, jedes fünfte Kind wird vernachlässigt, steckt in privater oder öffentlicher Familienpflege oder in Tageseinrichtungen. Unter den Erwachsenen grassieren Arbeitslosigkeit und Alkoholismus. Die Selbstmordrate ist erschreckend hoch. Kristian Singertat ist hier seit 35 Jahren Polizist, ein echter Grönländer. Wir begleiten ihn auf seiner Tour in den Nachbarort Kulusuk, zum Gerichtstag. Einmal im Jahr bekommen sie an der Ostküste das Boot, um dann in den umliegenden Dörfern die anhängigen Gerichtsverfahren zu behandeln, mit dabei etliche Beamte und vor allem eine Richterin, die über die Verbrecher urteilt. Einmal im Jahr. Bis dahin muss alles warten. - Der Osten Grönlands fühlt sich vernachlässigt. Die Insel gehört zu Dänemark, doch seit Juni dieses Jahres herrscht nach einer Volksabstimmung Selbstverwaltung. Das macht zwar innenpolitisch unabhängig, aber die Alltagsprobleme nicht kleiner. So ist Grönland zwar nicht mehr in der EU, aber das Robbenfangverbot gilt trotzdem. Das bringt Tobias Ignatiusen in Rage: "In Europa isst man Rind und Schwein und Hühnchen. Und bitte, wer sagt, das dürft ihr nicht? Auch wir müssen doch von irgendetwas leben." Und dennoch möchte Tobias am liebsten, dass seine große Insel wieder in die EU eintritt, denn: "Damals gab es konkrete Hilfe, sprich Geld."

Autorin: Claudia Buckenmaier, ARD-Studio Stockholm

USA: Obama - Das Jahr danach

Viel erhofft, wenig erreicht? Anfang November jährt sich die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten. Mit großen Visionen und geradezu messianischen Erwartungen gestartet, stößt Amerikas neuer starker Mann jedoch schnell an die realpolitischen Grenzen: Chaos in Afghanistan, das Gefangenenlager Guantanamo noch immer nicht abgewickelt, die Konflikte mit Iran, Nordkorea und im Nahen Osten gegenwärtiger denn je. Selbst die Olympia-Bewerbung seiner Heimatstadt Chicago gerät zum Flop. Und auch auf der größten innenpolitischen Baustelle, der Gesundheitsreform, scheinen ihn die alten Gegner auszubremsen, mehr als ein Etappensieg in einem Senatsausschuss diese Woche kommt bei diesem Mammutvorhaben bislang nicht heraus. Ideologische Gräben, vergiftete Diskussionen: Amerika wirkt so zerrissen wie vor der Wahl - und Obama auch noch als Präsident wie ein Wahlkämpfer. Sogar der überraschend zuerkannte Friedensnobelpreis könnte da mehr Last als Hilfe sein. Obama in der Krise? "Nein", sagt ein Präsidentenberater, "aber zu viele dachten, es sei damit getan, ihn zu wählen." Amerika sei leider widersprüchlich, der Einfluss der Lobbyisten groß und der Kongress mit Obamas Tempo überfordert. Könnte der Hoffnungsträger daran scheitern? "Ja", fürchtet der Ratgeber. Bestandsaufnahme einer noch jungen Präsidentschaft im Herbst.

Autor: Klaus Scherer, ARD-Studio Washington

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