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Sri Lanka: Chinas umstrittener neuer Außenposten

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Sri Lanka: Chinas umstrittener neuer Außenposten | Bild: NDR

 "Stoppt den Landraub" steht auf den Plakaten. "Wir lassen uns den Mund nicht verbieten", skandieren die Demonstranten. Die Anführer des Protests sind buddhistische Mönche. Sie werfen der Regierung vor, das eigene Land blind an China zu verkaufen: "Die Chinesen kommen und heiraten unsere Frauen. Ich kenne da schon einige Fälle, und sie besetzen unser Land. Sie sind viel gerissener als wir, wissen, wie man sich hier einkauft. Ich weiß nicht, was unsere Regierung getrieben hat, uns an sie verscherbeln. Eines weiß ich: Sie sind gekommen, um zu bleiben", sagt Mönch Beragama Gunathilaka.

Hafen Hambantota für Schuldenerlass an China

Hambantota
Hambantota ist Sri Lankas größter Hafen. | Bild: NDR

Es geht vor allem um Hambantota, den größten Hafen des Landes. Aber er gehört nicht Sri Lanka, sondern – für die nächsten 99 Jahre – China. Dafür erlässt China dem Inselstaat einen Teil seiner hohen Schulden. Den Hafen besichtigen dürfen wir nicht. Die neuen Pächter geben weder Drehgenehmigungen noch Interviews.  Überall Kontrollen und Absperrungen. Dahinter sollen Tausende chinesische Arbeiter hausen, heißt es in Hambantota.

In der Stadtmitte ist von Aufschwung wenig zu spüren. Die örtliche Wirtschaft beklagt, dass bisher null Arbeitsplätze für Einheimische entstanden sind. Im Gegenteil: "Die Chinesen haben Steuererleichterungen ausgehandelt, gegen die wir nicht ankommen können. Sie beschäftigen uns nicht, sie machen uns Konkurrenz. Und wir werden auf der Strecke bleiben",erklärt Unternehmer Tharanga De Silva. Chesmi  Kumara, Hotelbesitzer, ergänzt: "Ich sehe keinen von denen hier auf unseren Märkten. Sie handeln untereinander oder sie importieren, was sie brauchen.

"Wir hätten den Hafen selbst bauen sollen"

Wijeyadasa Rajapakshe
Kritik brachte Wijeyadasa Rajapakshe die Kündigung. | Bild: NDR

Das hatte Wijeyadasa Rajapakshe von Anfang an vorhergesagt: Der frühere Justizminister von Sri Lanka wurde gefeuert wegen seiner Warnungen gefeuert: "Wir hätten den Hafen selbst bauen sollen. Aber dafür fehlte wegen der Schulden das Geld. Jetzt zahlt China – und bekommt 85 Prozent aller Einnahmen. Die fließen jetzt ins Ausland – und wir gehen praktisch leer aus."

Doch es gibt auch Befürworter, vor allem in der Hauptstadt Colombo. Dort wird ebenfalls der Hafen ausgebaut – mit Geld und Arbeitern aus China. "Sri Lanka hat das Potenzial ein Verkehrsknotenpunkt zu werden wie Singapur oder Dubai. Es liegt ja genau in der Mitte. Dafür brauchen wir top-moderne Häfen", sagt Politologin Dinusha Panditaratne. Dass China das arme Sri Lanka wirtschaftlich unter Druck setzen würde sei bedauerlich, aber ohne Alternative. "Wir hätten auch mit anderen Ländern Geschäfte gemacht. Aber das Angebot kam nun mal von China, und so ist es nun mal im Geschäftsleben, dass man das beste Angebot nimmt, das auf dem Tisch liegt."

Angst vor Zwangsumsiedlung

Ladenbesitzerin Indrani
Ladenbesitzerin Indrani will auf keinen Fall ihre Heimat verlassen. | Bild: NDR

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Sri Lanka kaum eine andere Option hatte. Wegen Mahinda Rajapakse: der inzwischen abgewählte Präsident hatte sein Land bei China hoch verschuldet. Für Prestigeprojekte in seiner Heimatstadt Hambatonta, mit denen er sich selbst ein Denkmal setzen wollte. Dort ließ er diesen Flughafen bauen – den, wie Kritiker spotten, leersten internationalen Flughafen der Welt. Ein teurer Flop – genau wie das riesige Kongresszentrum, in dem die letzte Veranstaltung vor Monaten stattfand. Nun soll noch mehr Platz gemacht werden – für den Ausbau des Hafens. Und ganze Dörfer müssen verschwinden. Für die Bewohner bedeutet das, dass sie umgesiedelt werden: 150 Kilometer weit weg. "Vor mir haben bereits vier Generationen im Dorf gelebt. Ich habe 36 Jahre hier verbracht und will hier nicht weg, und meine Kinder wollen auch nicht ihre Freunde verlassen", sagt die Ladenbesitzerin Indrani. Ihr Vater ergänzt: "Mich kriegen sie hier nicht weg. Wenn die Regierung uns vertreiben will, werde ich mich wehren und notfalls jemanden töten. Ich will hier sterben."

Mönche haben einen schrecklichen Verdacht

Mönch Beragama Gunathilaka
"Unsere Bevölkerung wird leiden", glaubt Mönch Beragama Gunathilaka.  | Bild: NDR

Aber noch ist alles ruhig an der Küste. Hier führen zwar die Haupthandelsrouten nach Europa und Afrika vorbei – aber von den Tausenden Schiffen, die jedes Jahr vorbeifahren, laufen nur ganz wenige ein. Das nährt bei den Protest-Mönchen einen schrecklichen Verdacht. Was, wenn China den Hafen vor allem als Machtbasis braucht. Und wenn eines Tages nicht nur Fracht-, sondern auch Schlachtschiffe vor Anker gehen. "Irgendwann wird es Krieg zwischen China und anderen Ländern wie Indien geben. Und dann wird China unseren Hafen als Stützpunkt benutzen – und unsere Bevölkerung wird leiden", glaubt Mönch Beragama Gunathilaka.

Die Sorgen sind groß bei den Gläubigen, die gekommen sind, sich im Kloster die Zukunft vorhersagen zu lassen. In der Regel sagt der Mönch, dass die Zeichen gut stehen – für eine geplante Hochzeit oder die Gesundheit. Aber, wenn es um den Hafen geht und die Unabhängigkeit der nächsten Generation, prophezeit er düstere Zeiten.

Autor: Markus Spieker, ARD Studio Südasien

Stand: 03.06.2018 20:06 Uhr

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