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12.03.2010

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Rückschau: Afghanistan

Krisenstimmung in Kundus

Sendeanstalt und Sendedatum: BR, Sonntag, 24. Januar 2010

Gefährlicher Einsatz

Ein Soldat in voller Ausrüstunglupe Bildunterschrift: Hauptmann Rainer ]
Seit Monaten sind die Soldaten der schnellen Eingreiftruppe nicht mehr so weit in den Süden vorgestoßen.
Donnerstagmorgen Im Unruhedistrikt Char Darah in der Provinz Kundus Nordafghanistan. Hier verbergen sich die Talibankämpfer in vielen Dörfern. Hauptmann Rainer soll in Gesprächen mit Dorfbewohnern aufklären, wie stark der Einfluss der Aufständischen bereits geworden ist.

Hauptmann Rainer:
„Gewisses Lampenfieber kann man nicht ganz leugnen, kann man wohl auch nicht verstecken, aber so allmählich bekommt man etwas Routine in der Geschichte und diese Kompanie gibt einem die Sicherheit, die man dann auch braucht.“

Den Gegner immer im Blick

Die Gesichter von drei Soldatenlupe Bildunterschrift: ]
Immer wieder sind die Soldaten der schnellen Eingreiftruppe in den vergangenen Monaten von den Taliban in Feuergefechte verwickelt worden. Noch vor knapp zwei Jahren sind ein paar Soldaten im offenen Jeep zu solchen Erkundungen aufgebrochen. Mittlerweile braucht es mehr als 120 schwerbewaffnete Männer um solche Gespräche abzusichern. Das Dorf wirkt wenig einladend.

Keine Menschenseele auf der Straße. Die Soldaten wissen, dass das oft ein Zeichen für feindliche Stimmung in einem Dorf sein kann. Letzte Absprachen von Hauptmann Rainer mit seinen Kameraden. Abweisend scheint das Dorf vor ihnen zu liegen. Die Männer machen sich dennoch auf den Weg nach Qaria Qasab.

Oben auf dem Hügel befehligt Hauptmann Nicolas den gesamten Einsatz, per Funk geben die Soldaten immer wieder ihre Positionen durch.

Hauptmann Nicolas:
„Wir hatten schon Situationen, die sich genauso dargestellt haben wie jetzt im Augenblick. Man denkt, es läuft alles sehr ruhig, es ist gesittet, nirgendwo geht eine Bedrohung für einen aus. Und von einem Moment auf den anderen überschreitet man die vom Gegner für sich selbst festgelegte Linie der Feuereröffnung. Und dann geht es auf einmal los, die Situation kippt komplett und man befindet sich von einem Moment auf den nächsten in einem unter Umständen sehr heftig geführten Feuerkampf.“

Und so überwachen Hauptmann Nicolas und seine Männer das gesamte Dorf. Die Aufständischen in der weiteren Umgebung haben sie schon früh erspäht. Jetzt wollen sie den Erkundungstrupp vor einem möglichen Hinterhalt der Aufständischen schützen.

Nicolas:
„Sie werden aber versuchen ihre Kräfte in der Tiefe des Raumes zu sammeln, ist meine Vermutung, sich dort zur Verteidigung einrichten. Und sollten wir in die Tiefe des Raumes weiter vorgehen, bin ich mir ziemlich sicher, dass es zum Gefecht kommen würde.“

Ein paar Decken als Hilfe

Männer laufen durch Sand und Staublupe Bildunterschrift: Dorfbewohner kommen zu den Soldaten ]
Die Soldaten im Dorf bleiben auch während der Gespräche mit den Einwohnern wachsam. Sie wissen, dass die Aufständischen nur still halten, dieses Mal. Oft kommen die Taliban in die Dörfer, um von hier aus Feuerüberfälle auszuführen, berichten die Dorfbewohner:

Hauptmann Rainer:
„Ganz häufig kommt die Aussage: ‚Ja, es kommen Aufständische in die Dörfer rein, führen von hier aus den Feuerkampf ziehen sich dann zurück.’“

Per Lautsprecher verkündet der Dolmetscher, dass ein paar warme Decken verteilt werden. Eine Geste - mehr nicht, denn dauerhaft so zu helfen, dass es den Menschen besser gehen würde, das ist im gesamten Distrikt Char Darah schon lange viel zu gefährlich geworden.

Keine Kontrolle über das Land

Zwei Jugendliche vor dem Mikrofonlupe Bildunterschrift: ]
Die Dorfjugendlichen wissen, um die Macht der Aufständischen in der ganzen Region:
„Bei uns gibt es keine Aufständischen“, behauptet dieser junge Mann: „Doch in den umliegenden Dörfern, da sind sie aktiv.“

Hauptmann Rainer und die anderen Soldaten ziehen sich zurück. Sie sind erleichtert, dass sie heute nicht angegriffen wurden. Oft können sie kaum unterscheiden; wer ein friedfertiger Dorfbewohner, wer ein feindseliger Kämpfer ist. Das macht es den Soldaten so schwer, die Aufständischen zu bekämpfen

Hauptmann Nicolas:
„Dann muss man im schlimmsten Fall zu dem Mittel greifen, als erster zu schießen, auch wenn man nur die Vermutung hat, dass es eine Bedrohung für uns ist. Da müssen wir sicher sein. Wir geben uns alle Mühe, dass es zu dieser Situation nicht kommt.“

Die Soldaten versuchen einen Gegner zu bekämpfen, der oft kaum zu erkennen ist. Zivilisten sollen dabei nicht zu Schaden kommen. Doch Hauptmann Rainer weiß, dass die Trennlinie zwischen Dorfbewohnern und Talibankämpfern manchmal sogar innerhalb einer Familie verläuft.

Hauptmann Rainer:
„Wir haben Dorfälteste, Familienväter, die durchaus ISAF-freundlich gesonnen sind: Auf der anderen Seite haben diese Familienväter aber Söhne, arbeitslos, nicht sehr wohlhabend, die ganz gezielt von Taliban oder Aufständischen angesprochen werden. Sie werden abgeworben in Trainingscamps nach Pakistan und kommen dann wieder zurück und arbeiten für die Aufständischen.“

Die jungen Afghanen greifen Bundeswehrkonvois mit Sprengsätzen an, sie liefern sich Feuergefechte mit den Soldaten.
Rückkehr der schnellen Eingreiftruppe in die vorgeschobene Operationsbasis mitten im Unruhedistrikt Char Darah. Die Soldaten bemühen sich darum, die Taliban in Schach zu halten, doch vertreiben können sie diese nicht. Dafür bräuchten wir mehr Männer, sagen sie, und mehr Rückhalt in der Heimat.

Hauptmann Nicolas
„Von einem Augenblick, Decken zu verteilen, umzuschalten, dass im nächsten Moment vielleicht man sich in einem Gefecht wiederfindet, das ist für meine Mannschaft und für mich und alle Führer sehr, sehr schwer, sehr kompliziert. Wenn man hier ein bisschen Verständnis hat, dann ist vielleicht auch das Führen einer Diskussion zu Hause in Deutschland ein bisschen anders möglich.“

Die Soldaten in Char Darah riskieren im Einsatz Ihr Leben. Sie erfahren Tag für Tag, dass die politische Zielsetzung des Einsatzes immer weniger der kriegerischen Realität in Afghanistan entspricht. Sie hoffen darauf, dass nach der Afghanistankonferenz in der nächsten Woche klarer wird, wofür sie ihr Leben in Gefahr bringen.

Autor: Florian Meesmann, ARD-Neu Delhi

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 24.01.2010. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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