Rückschau: Myanmar (Birma)
Im Rekordtempo Richtung Demokratie?
Sendeanstalt und Sendedatum: BR, Sonntag, 29. Januar 2012
Land im Wandel

Bildunterschrift: Frauen kehren in einem Tempel den Fussboden ]
Myanmar, das "Goldene Land": Nach Jahrzehnten von Militärdiktatur und Unterdrückung plötzlich ein Land im Wandel: Die Shwedagon-Pagode in der Metropole Yangoon am Samstagnachmittag. Seit den ersten Anzeichen einer Liberalisierung des Landes kommen erheblich mehr Touristen hierher, ins Zentrum buddhistischer Frömmigkeit.
Drei Jahre lang war dem ARD-Fernsehteam die Einreise nach Myanmar verboten. Erst jetzt bekamen wir ein Visum. Für eine Woche. Touristen dürfen länger bleiben.
Erster Eindruck: Die Metropole Yangoon wirkt nicht mehr so arm und trist. Werbeplakate, viele neue Autos. Zwischen heruntergekommenen Fassaden wachsen Neubauten.
Wir sind unterwegs zum Haus der Oppositionsführern Aung San Suu Kyi. Im November 2010 ist sie nach fast 20 Jahren aus ihrem Hausarrest entlassen worden. Damit begann eine Reihe neuer Freiheiten für die Menschen in Myanmar.
Vorbei an der Botschaft der USA: Die haben als Belohnung für die ersten Liberalisierungsschritte durch die neue Zivilregierung wieder einen Botschafter entsandt. Und in unmittelbarer Nachbarschaft: Das Haus von Aung San Suu Kyi.
Ein bescheidener Bretterzaun ist dort ersetzt durch eine massive Mauer mit Stacheldraht. Nein, sie ist nicht zu sprechen. Sie ist heute eine der einflussreichsten Personen in Myanmar.
Ihr Haus von der Seeseite. Früher war das Filmen hier streng verboten.
Aung San Suu Kyi will ins Parlament

Bildunterschrift: Aung San Suu Kyi ]
In den ersten Wochen dieses Jahres war Aung San Suu Kyi häufig vor den Kameras internationaler Medien zu sehen. Jubel, wo immer sie auftrat. Sie tritt an zu Nachwahlen für das Nationale Parlament.
Die letzte Wahl hatte sie noch unfair genannt und boykottiert. Aber jetzt setzt sie auf Zusammenarbeit mit der noch weitgehend vom Militär kontrollierten Regierung, glaubt, dass sie auch mit einer Minderheitspartei im Parlament Einfluss haben wird.
Der Aung San Markt im Herzen von Yangoon ist nach Suu Kyis Vater benannt. Dem Staatsgründer nach der Britischen Kolonialzeit. Hier kann man heute Kalender und Poster von ihr kaufen, bis vor kurzem noch undenkbar.
Der Markt bedient vornehmlich Touristen mit Schmuck und Andenken. Dazu gehören neuerdings auch T-Shirts mit Aung San Suu Kyis Konterfei. Dafür wären früher die Verkäufer ins Gefängnis gekommen.
Hier werden Amulette mit ihrem Foto angeboten. Seit sie freigelassen wurde, sagt die Verkäuferin. Wer kauft das? Ausländer, sagt sie. Nein, sagt sie, nicht gefährlich für mich.
Die Sule-Pagode war 2007 Schauplatz der blutigen Niederschlagung eines Aufstands der Mönche. Jetzt prangt dort das renovierte Rathaus.
Wie winzig dagegen das Hauptquartier der NLD, der Partei von Aung San Suu Kyi. An diesem Wochenende geschlossen, erfahren wir. Und denken an David und Goliath.
Myanmar ist bitter arm. Auch wegen der Sanktionen, die die USA und Europa gegen das Land verhängt haben, um die Regierung für Verstöße gegen Menschenrechte zu bestrafen.
Gleich neben den Arbeitenden: Ein kleines Kloster.
Zwischen Zurückhaltung und Begeisterung

Bildunterschrift: Mönch Vanda Wonsa ]
Wir sind verabredet mit Vanda Wonsa, der wegen Organisation des Mönchaufstandes 2007 verhaftet, jetzt aber mit mehreren hundert weiteren politischen Gefangenen entlassen wurde.
Vanda Wonsa, Pykyaeo Kyaung Kloster:
"Ja, wir sind begeistert von dem Wandel im Land. Wenn die Regierung und Suu Kyi zusammenarbeiten, können wir die Sanktionen loswerden. Gut für das Land."
Er persönlich vertraue dem neuen Präsidenten, der Regierung und dessen Reformen, sagt er. "Aber", so fügt er vorsichtig hinzu, "wir brauchen Zeit, um ein wirklich demokratisches Land zu werden. Ich hoffe auf die Zukunft."
Religion ist eine große Kraft im Land. Die Mönche wollen ein Ende der Wirtschafts-Sanktionen. Suu Kyi ist noch zögerlich, will die kommende Wahl abwarten. Und die USA hören vor allem auf sie. Aber es kommt Bewegung in die Frage der Sanktionen.
Sonntagnachmittag: Vorbereitungen für ein Pop-Konzert im Stadtpark. Auch der Mann, der gleich seinen Auftritt hat, ist von der neuen Offenheit der Regierung angetan. "Die hat", sagt er, "endlich den Import von Autos erlaubt. Und Aung San Suu Kyi freigelassen. Entwicklung und Demokratie", sagt er.
Autor: Robert Hetkämper / ARD Singapur
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 29.01.2012. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

