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23.02.2012

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Rückschau: Brasilien

Copan – Der größte Wohnblock der Welt

Sendeanstalt und Sendedatum: NDR, Sonntag, 5. Juni 2011

Das Copan-Gebäude in Sao Paulo (Foto: picture alliance / Rick Gerharter, Lonely Planet)lupe Bildunterschrift: Das Copan-Gebäude in Sao Paulo. ]
Früh morgens im Zentrum von São Paulo: eine Riesenladung Post auf dem Weg zum Empfänger.

Zeitgleich im Hangar des Helikopterflughafens: ein Photograph auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz. Das Ziel ist das gleiche: São Paulo, Avenida Ipiranga, Numero 200.

Photograph Claudio hat schon Tausende Photos von dieser spektakulären Adresse gemacht, dieses Mal aus der Luft. Das ominöse Gebäude hat eine eigene Postleitzahl und deshalb brauchen die Briefträger einen Kleinbus. Wie eine Welle aus Beton - das größte Wohngebäude der Welt, ein Klassiker der modernen Architektur: Der Copan. "Die ganze Welt in einem einzigen Gebäude, unglaublich - jedes Mal."

Bauzeit: neun Jahre. Architekt: Oskar Niemeyer. Höhe: 115 Meter, Länge: 140 Meter. Wohnfläche: weit über 100.000 Quadratmeter. Guinness-Rekord! 85 Geschäfte und Restaurants befinden sich im Erdgeschoss und sogar eine eigene Kirche für 3.200 Personen. Die Kundschaft wohnt nur eine Fahrstuhlfahrt entfernt.

Perfekte Organisation

Übergabe der Post, verteilt auf die Portiers in den sechs Gebäudetrakten, zwei Mal am Tag. Wer hochfährt in seine Wohnung, nimmt sich seine Briefe oder Päckchen gleich mit, das funktioniert wie am Schnürchen.

Für so einen Klotz wäre ein einziger Hausmeister ein Treppenwitz der Architektur-Geschichte. Der Copan hat über hundert von ihnen: Portiers, Schlosser, Maler, Klempner, Elektriker und Buchhalter. Severino ist der Manager für alles, was mit Sauberkeit zu tun hat. Er teilt seine Arbeitsbrigaden ein und versorgt sie mit 300 Liter Seife am Tag und mit 100 Liter Desinfektionsmitteln.

Kontrollgang durch die kühn geschwungenen Flure des wellenförmigen Gebäudes, Severino besucht die Putzkolonne; wienern wie am Fließband, täglich acht Stunden: Montag morgens fangen die Jungs oben im 32. Stockwerk an und arbeiten sich bis Freitag Abend zum Erdgeschoss herunter. Sie putzen jeden Tag.

Ein Haus mit Geschichte

Block A, zwanzigster Stock: 27 Jahre lebt Berufszauberer Giovanni mit seinen Tauben schon im Copan, umgezogen ist er mehrmals, ausziehen will er nie. Dieses Gebäude lässt ihn einfach nicht los, weil es immer Geschichten zu erzählen hat. Und die sind nicht immer zauberhaft: "Ich höre plötzlich einen furchtbaren Lärm von draußen. Ich mache das Fenster auf, und denke zuerst an einen Dieb, der sich über diese Sonnenblenden vom Acker macht. War es aber nicht! Es war ein kleines Kind, das hier an meinem Fenster vorbei in die Tiefe gestürzt ist, Stockwerk um Stockwerk. Durch diesen kleinen Schlitz. Von fast ganz oben bis hinunter in den 12. Stock. Ein Wunder: das Kind hat überlebt!"

Im realen Leben kann selbst Giovanni seinen Müll nicht einfach verschwinden lassen. Entsorgung per Plastiktüte am Hintereingang. Den Rest erledigt das Hauspersonal.

In den 80ern war der Wohngigant runtergekommen: Prostituierte, Dealer, Unterwelt. Doch nach der technischen und moralischen Sanierung gehört der betagte Copan wieder zu den schicksten Adressen in São Paulo. Die Wohnungen gehen weg wie warme Semmeln - nicht zuletzt dank der perfekten Alltags-Organisation: Jeden Tag entsorgen und trennen wir bis zu drei Tonnen Hausmüll.

Alles Notwendige in einem Gebäude

Zehn der Hausmeister arbeiten nebenbei als Feuerwehrmänner. Brandübung unter erschwerten Bedingungen. Die Feuerleiter hat 1.140 Stufen: Wenn man einen Verletzten transportiert, darf man niemals den Aufzug nehmen, man muss einige Stockwerke runter rennen. Auf der anderen Seite: wenn man alles zu Fuß machen würde, hätte man mehr als ein Opfer zu beklagen.

Die Rückseite des Copan: Von hier kann man die insgesamt 5.000 Wohnungen zumindest erahnen. Leben im Superlativ - von 26 Quadratmeter bis zu 217 Quadratmeter, für jeden Geldbeutel ist was dabei.

Block C, so etwa in der Mitte. Die Eigentümerin steht auf Sauberkeit, Teller, Tassen, Becher und Figuren aus Indien und Iran, China und Chile, München und Miami. Rosa Leopoldina da Costa Orlando: 92, Lehrerin für Hauswirtschaft, seit 37 Jahren in Rente.

Sie liebt Schiffe und Rosen. Am liebsten selbstgemalt. Und den Erbauer ihres Hauses - den liebt sie auch, er ist für sie ein ausgemachtes Genie: "Dieser Oscar Niemeyer - der hat ja die ganze Welt gestaltet. Bis hin zu Friedhöfen, das muss man sich mal vorstellen! Der hat unsere Hauptstadt Brasilia gemacht - und dieses Haus!"

Technologie-Nostalgie

20 Aufzüge - Severino benutzt sie einige Dutzend mal am Tag. In einigen Gebäudeteilen ging man beim Bau des Copan in den 60er Jahren sparsam zu Werke: Jeder Aufzug ist für zwei Stockwerke zuständig: In diesem Fall für die 26. Etage, wenn man nach oben geht, und wenn man runter geht, für die 25. Etage.

Eines der Gebäude hat noch immer den gleichen Liftantrieb wie bei der Eröffnung des Copan im Jahre 1966. Severino und seine Leute könnten ihn auswechseln gegen einen modernen. Tun sie aber nicht, denn die Anlage funktioniert reibungslos.

Technologie-Nostalgie im Copan, das in den 60er Jahren noch als "Stolz der Moderne" galt, im Herzen von São Paulo, der damals am schnellsten wachsenden Stadt der Welt. Heute gibt es überall modernere und höhere Gebäude - aber der Copan ist noch immer das gewaltigste und das schönste. Diese gut funktionierende charmante Stadt inmitten des 20-Millionenmolochs hat - nach vielen durchgestandenen stürmischen Zeiten - vor allem etwas, mit dem kein Wolkenkratzer mithalten kann: eine Seele.

Autor: Thomas Aders, ARD-Studio Rio de Janiero

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 05.06.2011. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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