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23.02.2012

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Weltspiegel
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Rückschau: Türkei

Kampf um die Pressefreiheit

Sendeanstalt und Sendedatum: WDR, Sonntag, 10. April 2011

Wenn das Fernsehen kommt, wissen alle, was sie zu tun haben. Verletzte Libyer werben für Ministerpräsident Erdogan. Das Victory- Zeichen wirkt einstudiert.
Die Türkei gibt ihr Bestes, um nach außen hilfsbereit und vorbildlich auszusehen. In der Türkei ist Wahlkampf.

“Gott sei Dank, wir sind sehr dankbar, wir fühlen uns hier sehr wohl. Sie waren die ersten, die zur Hilfe kamen.“

Aysu studiert Journalismus. Zur Zeit ist sie Hospitantin beim türkischen Nachrichtensender CNN Türk. Sie soll die Libyer befragen. Ein Pflichttermin.

„Schauen sie uns an. Wir sind momentan in dieser Situation, weil es in Libyen keine Demokratie gibt.“

Auf die Frage unseres Übersetzers, welche Demokratie für ihn ein Vorbild ist, gibt es eine klare Antwort.

„Alle Patienten, mit denen ich hier bislang reden konnte, sehen die Türkei als Vorbild an.“
Es ist eben Wahlkampf. Und Erdogan will sich als Mittler zwischen zwei Welten profilieren.
Feierabend für Aysu. Freundinnen treffen, bis in die Morgenstunden feiern, auch mit Männern - alles kein Problem im Staate Erdogans.

„Hier geht es uns gut, wir feiern, genießen das Leben, Wasserpfeife, Backgammon, was wollen wir mehr.“

Und das ist mehr, als in anderen muslimischen Staaten erlaubt ist. Es ist Aysus kleine Freiheit mit klaren Grenzen. Jeder hier hat eine Schere im Kopf , was geht und was gefährlich wird. Harte Zeiten besonders für Reporter. Auch für Aysu. Die Nachrichten werden seit Wochen von einem Thema dominiert. Die Verhaftungswelle von Journalisten.

Tausende gehen für die Pressefreiheit auf die Straße (Bild: WDR)lupe Bildunterschrift: Tausende gehen für die Pressefreiheit auf die Straße. ]
Tausende gehen für die Pressefreiheit auf die Straße. 57 Journalisten sind derzeit in Haft. Vielen von ihnen wird vorgeworfen Mitglied des geheimen Terrornetzwerks Ergenekon zu sein.

„In der Türkei herrscht Pressefreiheit, heißt es immer so schön. Aber so ist es nicht, wenn man sich anschaut, was passiert.“

Im Studio bei Aysus Sender - eine Live-Diskussion zum Fall Sik. Die öffentliche Verhaftung des prominenten Journalisten läuft immer wieder über die Bildschirme.
Der Applaus, erzählt Aysu, bedeutet Solidarität der Kollegen vor Ort. Auch Ahmet Sik wird vorgeworfen, der geheimen Terrororganisation anzugehören Ein Vorwand.
In Wirklichkeit geht es um Siks letzte explosive Veröffentlichung. Sie handelt von der tiefen Verstrickung des türkischen Staates mit einer islamistischen Bruderschaft, der erzkonservativen Gülen-Bewegung.
„Jeder ist inzwischen misstrauisch, niemand traut sich offen zu sagen, was er denkt. Man weiß nicht, ob auch das eigene Telefon abgehört wird. Klar macht das uns Journalisten Angst.”

Bei ihren Recherchen gelingt Aysu der Kontakt zur Ehefrau des verhafteten Journalisten Sik. Zum Drehtermin möchte sie aber nicht mit, sie hat Angst, weil das Haus überwacht wird. Wir nutzen unseren Vorteil, dass wir in zwei Tagen abreisen und fahren allein zur Frau des Journalisten.

„Wer Ahmet kennt, kennt seine politische Haltung. Wer sie nicht kennt, kann mit wenigen Klicks im Internet bei Google nachlesen, was er bislang gemacht hat und wird es sehen. Es ist einfach nicht möglich, dass er in irgendeinem Zusammenhang zu dem Netzwerk steht.“

Denn - Ahmet Sik war einer der Journalisten in der Türkei, der die Machenschaften des Terrornetzwerks als erster enthüllt hat. Siks Frau ist eingeschüchtert.

„Normalerweise, wenn es an der Tür klingelt, frage ich nicht, wer da ist. Das ist jetzt anders. Ich bin unruhig, ob sie vielleicht wieder kommen, ob wieder etwas passieren könnte. Ich bin sicher, dass in diesem Moment mein Festnetz abgehört wird, mein Handy sowieso. Ich nehme auch an, dass ich nicht nur technisch verfolgt werde, sondern auch beschattet werde.“

Viele Reporter und Oppositionelle sind genau unter dem gleichen Vorwand verhaftet worden. Aysu ist bei einem Journalistenstammtisch eingeladen. Thema: Die aktuelle Lage vor der Wahl.

türkischen Nachrichtensender CNN Türk (Bild: WDR)lupe Bildunterschrift: Der türkische Nachrichtensender CNN Türk. ]
Die Journalistikstudentin Aysu interessiert besonders das Thema Pressefreiheit. Sie bekommt eine erschreckende Antwort von einem erfahrenen Journalisten.

„Ich gebe ihnen mal ein Beispiel, wie die Stimmung momentan im Land aussieht. Ich sitze mit meiner Frau da, wir unterhalten uns. Ich sage etwas Politisches und meine Frau rennt zu meinem Handy, spricht ins Handy, rein, ich habe es nicht so gemeint, legt das Handy neben den laufenden Fernseher, damit wir in Ruhe weiter sprechen können.
Gegen 700 bis 1000 Journalisten laufen noch Verfahren, die zur Verhaftung führen könnten. Das hat die OSZE in dieser Woche angeprangert..

“In der Uni wurde mir gelehrt, dass die türkische Presse frei ist, doch in der Praxis habe ich gelernt, dass es ganz und gar nicht so ist.“

Frei ja, - so lange die unsichtbare Grenze nicht überschritten wird. Nach der Wahl, so hofft die junge Reporterin, wird es ja vielleicht für Journalisten wieder ein kleines bisschen freier.

Bericht Funda Dogan

 

Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 10.04.2011. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

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