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Frankreich/Großbritannien – Die Odyssee der Migrant*innen

PlayEin Schlauchboot liegt am Strand am Ärmel-Kanal.
Frankreich/Großbritannien – Die Odyssee der Migrant*innen | Bild: picture alliance/dpa/PA Wire | Gareth Fuller

Mindestens 27 Menschen sind in der vergangenen Woche ums Leben gekommen, als ihr Schlauchboot während der Überfahrt nach Großbritannien auf dem Ärmelkanal gesunken ist. Tausende versuchen derzeit, auf der britischen Insel eine neue Heimat zu finden, obwohl die Regierung die Zahl von Migrant*innen radikal reduzieren will. Die Menschen machen sich auf einen beschwerlichen Weg aus dem Nahen Osten durch die EU zum Ärmelkanal, wo sie Schlepper erwarten, die ihnen eine sichere Fahrt über den Ärmelkanal versprechen. Der Weltspiegel hat einen Migrant*innen auf seiner Odyssee nach Großbritannien begleitet.     

Amir und seine Tochter auf dem Weg nach Großbritannien

Ein Mann hält seine Tochter auf dem Arm.
Amir und seine Tochter schaffen es nach Großbritannien. | Bild: NDR

Als wir hören, dass 27 Menschen nahe Calais ertrunken sind, versuchen wir sofort Kontakt zu Amir aufzunehmen. Wir wussten, dass der Iraner auf eines dieser Boote wollte. Mit seiner dreieinhalbjährigen Tochter Anahita. Aber wir konnten ihn einfach nicht erreichen. Seit über zwei Jahren verfolgen wir die beiden. In Athen auf der Straße treffen wir Amir – eher zufällig. Da schlafen sie mal im Park, oft in irgendwelchen Wohnungen. Amir verdient Geld als Ordner bei der Armenspeisung und bekommt staatliche Hilfe. Nach drei Jahren Griechenland läuft das Asylverfahren noch. Amir hat keine Papiere, die beweisen, dass Anahita seine Tochter ist. Die Papiere hat die Mutter, aber sie hat sich von den beiden abgesetzt. "Ich will wie ein normaler Mensch leben. Ich will wissen, wie sich Glück anfühlt. Diese Woche hab ich zwei Flugtickets für Österreich gekauft. Wir waren auf dem Weg zum Flieger. Plötzlich im Flughafenbus hat mein Kind geschrien. Da fielen wir auf. Ich musste die Papiere zeigen. Dann haben sie uns die Papiere abgenommen und gesagt: geht", erzählt Amir.

Diesen Sommer schreibt er, er halte es nicht mehr aus. Er will jetzt mit Anahita über die Balkanroute bis nach Großbritannien gehen. Albanien, Bosnien, Kroatien, er kennt die ganzen Länder gar nicht - auf jeden Fall bis nach Calais. Amir orientiert sich an Wegmarken, die ihm Freunde aufs Handy schicken. Einen Schlepper kann er sich nicht leisten. An der EU-Außengrenze in Bosnien hängen sie fest und probieren es mehrmals nach Kroatien. "Wir sind zu Fuß über die Grenze nach Kroatien. Wir sind rüber und die Polizei hat uns sofort festgenommen und auf die andere Seite zurückgebracht. Jetzt probieren wir es wieder. Hör zu, zu Fuß ist es echt schwer."

2.000 Euro verlangen die Schlepper für die Überfahrt

Sie sind acht Tage im Wald, essen Gräser und Beeren. Es gelingt ihnen mit dem Zug bis nach Paris zu kommen. Nur einmal steigen sie aus, Amir will den Eifelturm sehen. Und nach insgesamt zwei Monaten kommen sie in Calais an. Das ist ziemlich schnell. In Calais schlafen sie erst auf der Straße, dann im Camp. Überall ist Polizei. 2.000 Euro verlangen die Schlepper für die Überfahrt. Amir versucht sich überall Geld zu leihen. Aber er hat nichts und ist auch noch komplett verschuldet: "Wenn Du nicht in deinem Land leben kannst, musst du alles versuchen. Wir haben auf diesem Weg alles verloren. Unsere Familie. Alles ist weg. Ich hab nur noch dieses Kind."

Was sagt er Anahita, wo es hingeht? "Dass wir nach Hause gehen", sagt Amir. "Den ganzen Weg sind wir gekommen, ist doch nur noch das Wasser. Das halten wir aus. Das ist die letzte Etappe." Vor der Abreise muss er dringend in den Supermarkt. Ab jetzt hofft er auf gutes Wetter. Dann schicken die Schlepper nämlich die Schlauchboote los. "Das ist Kleber. Ich muss ja die Hülle zukleben, in die ich die Papiere und das Handy tue. Das wickel ich dann drum, damit wenn wir ins Wasser fallen, sie nicht kaputt gehen", erklärt uns Amir.
"Papa, ich muss", sagt Anahita. Und entdeckt noch die Puppen. Amir sagt: "So eine kauf ich dir zu Hause. Die kannst du nicht mitnehmen auf die Reise." Er hat sie abgelenkt und vertröstet. Da hat sie die Puppe vergessen.

Sieben Wochen sind sie noch da und es wird kälter. Dann brechen sie um 6.00 Uhr auf. Es sind einige Schlauchboote an diesem Tag, mit circa 20 Personen. 27 werden kurz danach sterben. Amir und Anahita überleben. Endlich erreichen wir sie. In Großbritannien. "Sie war auf dem Boot ganz still, sie hat kein Wort gesagt. Nichts. Es war echt kalt. Für uns beide. Sie war ganz nass. Die Wellen waren so hoch", schildert Amir die Fahrt mit dem Schlauchboot.
Amir und Anahita sind jetzt "zu Hause", wie sie es nennen, angekommen. In Großbritannien wird etwa jedes zweite Asylgesuch abgelehnt, aber davon weiß Amir noch nichts.

Autorin: Isabel Schayani

Stand: 30.11.2021 14:11 Uhr

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