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Grönland – Wie die USA und andere Weltmächte um Einfluss buhlen

PlayEisberge in der Nähe von Ilulissat, Grönland.
Grönland – Wie die USA und andere Weltmächte um Einfluss buhlen | Bild: picture alliance / NurPhoto | Ulrik Pedersen

Das Eis um Grönland schmilzt, die Gletscher werden kleiner. Bald wird es der Schifffahrt möglich sein, auf neuen eisfreien Routen den globalen Warenverkehr sehr viel schneller abzuwickeln. Durch die Folgen des Klimawandels können auch die Bodenschätze, die auf Grönland vermutet werden, einfacher abgebaut werden. Damit wird Grönland für Großmächte sehr interessant: Die USA, Russland, China und Europa buhlen um politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf der Insel.

Ein Stein wird mit UV-Licht angestrahlt.
UV-Licht macht Seltene Erden sichtbar. | Bild: NDR

Die Schatzkammer Grönlands liegt etwas versteckt. Ganz im Süden geht es zunächst durch den Eriksfjord. Ein kaum besiedeltes Gebiet. In der Stadt Narsaq leben gerade einmal 1.300 Menschen – vom Fischen und von der Schafzucht. Zum Überleben wird das aber kaum reichen. Da ist sich Pavia Rohde von Greenland Minderals sicher. Er ist hier aufgewachsen und überzeugt davon, dass Grönlands Zukunft unter der Erde liegt. Also solle man doch möglichst schnell anfangen zu graben: "Wenn die Mine öffnet wird es mehr Arbeitsplätze geben, nicht nur in der Mine selbst, sondern auch in der Stadt. Es wird dann auch Plätze für Lehrlinge geben und es wird wieder gebaut!"

Früher hat Pavia einmal als Klempner im Ort gearbeitet. Heute hütet er für eine Minengesellschaft Bohrproben. Sie zeigen, welcher Reichtum im Boden steckt. "Mit dem UV-Licht kann man die Seltenen Erden im Stein sichtbar machen. Fluor, Uran oder Thorium – oben in den Bergen werden 21 verschiedene Mineralien vermutet. Darum ist die Minengesellschaft so interessiert daran, sie zu fördern", erklärt Rohde. Chinesische Investoren haben bereits viel Geld in das Projekt gesteckt. Graben soll eine australische Minengesellschaft.  Auch die USA haben Interesse an der Region. Als der ehemalige US-Präsident Trump vor zwei Jahren davon hörte, welche Schätze hier vermutet werden, wollte er gleich die gesamte Insel kaufen.

"Die ganze Welt schaut auf uns"

Die Begehrlichkeiten aus der ganzen Welt haben sie hier misstrauisch gemacht. Im Süden Grönlands leben die Menschen eng verbunden mit der Natur. Auch Aviaja Lennert. Die Schäferin ist wie die große Mehrheit im Ort gegen den Abbau der Bodenschätze: "Die ganze Welt schaut auf uns. Aber wenn man die Seltenen Erden fördert, haben wir, die hier leben, nichts davon. Das meiste Geld verlässt das Land und geht nicht an uns."

Der Streit darüber, ob hier im Süden nach Seltenen Erden gegraben werden darf, hat längst das gesamte Land erfasst. Und es geht um mehr. Denn Grönland verändert sich. Auch weil die Temperaturen hier schneller als im Rest der Welt steigen. Das macht den Weg zu Ressourcen frei. Die Arktis wird aber auch geostrategisch wichtiger. Seit Langem gibt es Streit darüber, wem sie gehört. Russland baut am Nordpol seine militärische Präsenz aus. Die USA haben in Thule seit den 1950er-Jahren ihre nördlichste Airbase. Eine riesige Lauschanlage zwischen Washington und Moskau.

Nicht nur die USA und Russland haben Interessen in der Arktis

Pavia Rohde in einem bergigen Gelände.
Pavia Rohde hütet er für eine Minengesellschaft Bohrproben. | Bild: NDR

Als der neue US-Außenminister Blinken nach Grönland kommt, macht er deutlich, dass es Amerika nicht um einen militärischen Ausbau in der Region geht: „Der ehemalige US-Außenminister Pompeo hatte noch mit einer Rede beim Arktischen Rat die Sorge geschürt, dass die Amerikaner in der Arktis ordentlich aufrüsten wollten. Die jetzige US-Regierung unterstreicht, dass kleine Schritte nötig seien und dass die Stabilität in der Region bewahrt werden soll“, sagt Ian Anthony vom Friedensforschungsinstitut Sipri.

Doch nicht nur die USA und Russland haben ihre Interessen in der Arktis: Nur allzu gerne hätte China den neuen Flughafen in Nuuk gebaut. Doch das Mutterland Dänemark, zu dem Grönland immer noch gehört, lehnte dankend ab. Und investierte lieber selbst, um westliche Interessen zu waren. Jess Berthelsen ist Chef von SIK, der größten Gewerkschaft in Grönland. Er kann über das Tauziehen der Mächte nur milde lächeln. Für ihn zählt etwas anderes: "Mir ist völlig klar, dass Chinesen, Amerikaner und auch Russen ihre Interesse hier haben. Aber ich denke daran, dass unsere Mitglieder Jobs bekommen. (...) Deshalb ist es auch wichtig für den Fortschritt unseres Landes, dass der Bergbau in Südgrönland in Gang kommt und mehr Geld ins Land fließt."

Ministerium stoppt Mine

Naaja Nathanielsen im Interview.
Naaja Nathanielsen hat die Miene gestoppt. | Bild: NDR

Doch den Ressourcenabbau im großen Stil wird es nicht geben. Seit Frühjahr ist Naaja Nathanielsen Ministerin für Rohstoffe. Sie befürchtet, dass in den Minen auch Uran freigesetzt wird, das den Menschen und der Umwelt schadet. Sie hat die Mine deshalb gestoppt. Vorerst. "Unsere Koalition hat sich dagegen ausgesprochen, Uran zu fördern und setzt damit um, was die Mehrheit in unserem Land möchte. Aber natürlich könnte eine künftige Regierung das eines Tages wieder ändern."

Die Minengesellschaft hat sich im Süden nun erst einmal zurückgezogen. Pavia ist der einzige, der noch die Stellung hält, mit ordentlich Wut im Bauch: "Ich hoffe, dass diejenigen, die ein bisschen Köpfchen haben – und nicht mit einem Hühnchen-Hirn denken, verstehen, dass ihre eigenen Mobiltelefone solche Rohstoffe enthalten, die wir hier fördern könnten." Pavia glaubt dennoch, dass die Mine eines Tages kommen wird. Wer in Grönland lebt, braucht eben Geduld, meint er. Und im Süden vielleicht noch ein bisschen mehr.

Autor: Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm   

Stand: 05.12.2021 09:42 Uhr

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