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Israel: Autisten in der Armee

PlayEin Mann sitzt vor zwei Computer-Bildschirmen
Israel: Autisten in der Armee | Bild: NDR

Fersehkameras werden nur selten beim Militärgeheimdienst der israelischen Armee zugelassen. Eine Spezialeinheit wertet unter anderem Satellitenbilder aus: feindliche Truppenbewegungen, Waffentransporte oder gefährdete Orte im Inland. Das Besondere: Diese Soldaten haben die Diagnose Autismus. Ihre Identität müssen wir geheimhalten.

Daniel macht gerade den Vorbereitungskurs für diese Einheit. Sein Handicap steht ihm vor allem bei der Kommunikation im Weg: Es fällt ihm schwer, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen. Er sieht die Welt mit anderen Augen. Aber beim Militär kann er seine Fähigkeiten einbringen. Er hat ein enormes fotografisches Gedächtnis, kombiniert mit Detailversessenheit. "Wir suchen in Satellitenaufnahmen von einem fraglichen Ort zum Beispiel nach Veränderungen zwischen gestern und heute", erzählt Daniel. Wenn er die Probezeit besteht, wird Daniel in ein paar Monaten zum Soldaten vereidigt. Für ihn wäre das ein Traum. Denn in Israel ist die mehrjährige Wehrpflicht für Männer und Frauen hoch angesehen. Oft ebnet sie den Weg für eine spätere Karriere. Lange waren Menschen wie Daniel von der Armee ausgeschlossen – bis vor fünf Jahren das Programm für Autisten startete.

Psychische Herausforderungen sind der Knackpunkt

Tal Vardi
Tal Vardi leitet das Programm für autistische Soldaten. | Bild: NDR

Doch bis Autisten hochsensible Geheimdienstaufgaben in der Armee übernehmen können, müssen sie hart an sich arbeiten. Die psychischen Herausforderungen sind der Knackpunkt: Viele von ihnen waren bisher soziale Außenseiter, die sich jetzt in ein Team einfügen müssen. Tal Vardi, Leiter des Programms für autistische Soldaten, hat nach langer Tätigkeit in Israels Sicherheitsapparat erkannt, dass es im Armeegeheimdienst Aufgaben gibt, für die sich Menschen im Autismus-Spektrum eignen. Doch längst nicht alle sind dem Druck gewachsen: "Einige im autistischen Spektrum sehen die Welt schwarz oder weiß. Einer war so weit, dass er dachte, wenn er nur einen Fehler macht, muss dafür ein Soldat sterben. Er konnte nicht ganzheitlich sehen, dass zwischen seinen Fotoanalysen und späteren Militäreinsätzen einige Zwischenschritte sind und verfiel in Ängste. Zusammen entschieden wir, dass er nicht geeignet ist", erzählt Tal Vardi.

Die autistischen Soldaten dürfen nur an vorbereitenden Maßnahmen teilnehmen. Die Armee stellt ihnen Therapeuten an die Seite. Die Psychologin Vered Gonen trifft sich mit Gal, eine der wenigen Frauen im Programm. Gal durchforstet soziale Netzwerke für den Geheimdienst. Die Therapeutin bespricht mit Gal einen wiederkehrenden Konflikt im Team: Denn auch wenn manche Autisten hochbegabt seien, könnten sie oft nicht einschätzen, welche Gefühle ihre Worte auslösen, seien erschreckend ehrlich. "Ja, es gibt Leute in der Abteilung, die taktlose Dinge sagen, sie lachen manchmal andere aus. Da werden rote Linien überschritten!", sagt Gal.

"Ich glaube nicht, dass hier jemand wirklich beleidigen will. Es ist eher eine Eigenschaft, dass einige wenig Wert auf die Wirkung von Worten legen", erklärt Psycholgin Vered Gonen. Sich mit anderen auch über Probleme auszutauschen, ist für Gal wie eine neue Sprache lernen. Schwierig, aber sie gibt nicht auf: "Es gab viele dunkle Momente während der Ausbildung als ich dachte, ich halte das nicht mehr aus, ich höre auf. Ich komme mit meinen Vorgesetzten nicht klar."

Professionell mit "Anderssein" auseinandersetzen

Mann und Frau im Gespräch
Die Armee stellt den Autisten Therapeuten an die Seite.  | Bild: NDR

Auch für Daniel ist die Armee eine große Herausforderung. Ihm hat das Programm erst ermöglicht, sich professionell mit seinem "Anderssein" auseinanderzusetzen: "Ich habe erst vor einem halben Jahr erfahren, dass ich eine Form des Autismus habe. Und dass, obwohl meinen Eltern die Diagnose schon mitgeteilt wurde als ich sechs Jahre alt war. Ich denke, das war ein Fehler, dass meine Eltern es mir so spät gesagt haben, sie hätten es früher tun sollen. Ich bin nun mal gerne alleine mit mir selbst beschäftigt. Aber manchmal fühle ich mich zu allein."

Daniel lebt bei seiner Mutter Tal. Sie scheint sehr erleichtert zu sein, dass ihr Sohn sich im Programm der Armee mit anderen Betroffenen austauschen kann. Er sei offener geworden, sagt sie. Doch warum hat sie ihn so spät über seine Diagnose informiert, wo doch alle ahnten, dass etwas nicht stimmt? "Ich glaube, es war die richtige Entscheidung. Wir wollten einfach nicht, dass er durch die Diagnose Autismus in der Schule stigmatisiert wird und sich minderwertig fühlt. Und auch wenn er es abstreitet, so haben wir ihm doch nach und nach Hinweise gegeben, dass er sich im Autismus-Spektrum befindet."

Jahrelang hat sich Daniel vor seinem Computer zurückgezogen, hat als Hobby ein hochkomplexes U-Bahnnetz für Tel Aviv entwickelt, weil es noch keines gibt. Drei Stunden täglich verbringt er noch immer damit. Was an ihm oft als verschroben galt, wird nun in der Armee wertgeschätzt: "All das Wissen, dass ich mir selbst erarbeitet habe, nutzt mir jetzt, verschafft mir einen Orientierungssinn auch für Orte auf den Karten, wo ich nie zuvor war", sagt Daniel.

Außergewöhnliche Talente der Autisten sehr wertvoll

Zwei Personen sitzen vor zwei Computer-Bildschirmen
Bis Autisten hochsensible Geheimdienstaufgaben in der Armee übernehmen können, müssen sie hart an sich arbeiten. | Bild: NDR

Für die Armee sind die außergewöhnlichen Talente der Autisten sehr wertvoll. Kommandeurin Neta erklärt, dass die Spezialeinheit vor einem Militärschlag im Ausland die betroffene Gegend erforscht habe, um Opfer in der Zivilbevölkerung zu vermeiden: "Sie haben eine Region im Feindgebiet analysiert, um dort Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser zu orten. Ziele, die wir als Armee nicht angreifen. Für das Militär war es unerlässlich, die Gegend ganz genau zu kennen, bevor man dort aktiv wird." In ihrer Aussage schwingt sicherlich auch eine Portion PR mit. Doch die ungewöhnliche Zusammenarbeit mit den Autisten bewegt die Kommandeurin tatsächlich: "Ich hoffe wirklich, dass sie wenigstens halb so viel von mir gelernt haben wie ich von ihnen." Die außergewöhnliche Zusammenarbeit habe auch ihr Leben verändert.

Daniel hat die Probezeit bestanden, er ist nun Soldat in Uniform. Er ist endlich angekommen. Auch wenn er weiß, dass für die meisten Teilnehmer des Programms nach gut drei Jahren Schluss ist – und es im Regelarbeitsmarkt noch immer kaum Jobs für Menschen wie ihn gibt.

Autor: Mike Lingenfelser, ARD Studio Tel Aviv

Stand: 09.07.2018 08:32 Uhr

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