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Singapur: Kindermangel und Single-Dasein

PlayMenschen in einer Straße von Singapur.
Singapur: Kindermangel und Single-Dasein | Bild: NDR

Zu beschäftigt für die Liebe? In Singapur sind die Geburtenraten seit Jahren zu niedrig. 2020 hatte der Inselstaat eine Geburtenrate von 1,2 Kindern pro Frau. Damit sich jedoch die Bevölkerung ohne Einwanderung ersetzen kann, sollten Frauen durchschnittlich 2,1 Babys zur Welt bringen. Laut Experten liegt die Hauptursache für die niedrigen Zahlen des Landes daran, dass zu wenig geheiratet wird. Viele junge Leute sind zu beschäftigt, um den passenden Partner kennenzulernen. Gerade auf Männern lastet immer noch ein tief verwurzelter sozialer Druck erstmal Karriere machen zu müssen, um dann später die Familie ernähren zu können. Im teuren Stadtstaat Singapur kein leichtes Spiel. Für Frauen hingegen liegt der Hauptgrund ledig zu bleiben darin, dass sie nicht mehr heiraten müssen, um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Singapur hat einen hohen Bildungsstand und mehr Frauen als Männer studieren an einer Hochschule. Heiraten ist für sie also keine Notwendigkeit mehr.

Hochzeiten auf einem Rekordtiefstand

Schwimmlehrer Hue und Physiotherapie-Studentin Valencia
Schwimmlehrer Hue und Physiotherapie-Studentin Valencia bei ihrem zweiten Date. | Bild: NDR

Im Nebenjob ist er Schwimmlehrer. Hue, Mitte 20, ist Marketing-Student und Single. Zwischen Studium und Job bleibt gerade wenig Zeit für die Partnersuche. Deshalb hat er sich bei einer Dating-Agentur angemeldet. "Ich suche eine Frau, die sich nicht nur um sich selbst dreht, sondern der Familie und Partnerschaft wichtig sind. Aber sie soll auch unabhängig sein. Keine, die anstrengend ist und die mich ständig als Kümmerer braucht."

Die Pandemie hat es nicht gerade einfacher gemacht, anderen näher zu kommen. Hochzeiten sind in Singapur auf einem Rekordtiefstand. Doch Freischwimmer Hue hat es wie viele in seiner Generation ohnehin nicht eilig, den Bund fürs Leben einzugehen: "Daten ist heute schwerer als früher. Zum Teil auch, weil wir es uns selbst schwer machen. Früher war das einfach: Die Leute haben in ihrem kleinen Bekanntenkreis geheiratet, Nachbarn oder Freunde der Familie. Heutzutage steht dir die ganz Welt offen. So viele Menschen, so viel Auswahl. Da zögert man eben, bevor man die falsche Wahl trifft."

Studium und Arbeit an erster Stelle

Auch Valencia ist Single. Die Krankenschwester macht gerade noch ein Zweit-Studium im Bereich Physiotherapie. Die Anatomie-Vorlesung funktioniert auch online, sagt sie. Daten nicht so gut. Frauen in Valencias Generation können jetzt fast alles erreichen, aber genau das macht die Partnersuche so schwierig. "Ich kann als Frau ja genauso viel wie ein Mann verdienen oder sogar mehr. Wenn ich mehr verdiene, habe ich den höheren sozialen Status. Also sollte er dann nicht um mich kämpfen und nicht ich ihm meine Liebe gestehen. Es ist wirklich kompliziert", sagt Valencia.

Valencia wohnt noch zu Hause, wie die meisten unverheirateten Singapurer. Fürs Studium ist ihr Vater Versuchs-Patient. Nach dem Abschluss will sie auf jeden Fall erst mal Karriere machen. Leistungsbereitschaft hat in Singapur einen hohen Stellenwert. "Wir sind eine sich wirtschaftlich schnell entwickelnde Gesellschaft. Für uns stehen Studium und Arbeit an erster Stelle. Ich glaube, auch deswegen gibt es immer mehr Singles", erklärt die junge Frau.

Immer später heiraten und noch später Kinder bekommen

Paar mit Kind am Strand in Singapur.
Im Stadtstaat Singapur ist Familienleben teuer. | Bild: NDR

Singapur hat sich vom Entwicklungsland zur Wirtschaftsmacht in nur einer Generation verändert. Doch der Preis des Aufstiegs: immer weniger Nachwuchs. 1960 brachte eine Frau im Schnitt noch fast 5 Kinder auf die Welt. Heute sind es nur noch 1,1 pro Frau und der Staat muss auf finanzielle Anreize setzen. Umgerechnet 6.000 Euro plus ein Sparbuch vom Staat gibt es für Acacia – vier Monate alt und das Ein und Alles von Joy und Desmond Tan. Die beiden 37 und 40 Jahre alten Flugbegleiter hatten es nicht eilig mit dem Kinderkriegen. Auch das ein Trend: Erst immer später heiraten und dann noch später Kinder bekommen.

"Wir sind beide viel geflogen und wir lieben das. Wir konnten zusammen die Welt entdecken. Ein toller Lifestyle. Deswegen haben wir das mit der Familienplanung weit nach hinten geschoben", erzählt Joy Tan. Bildung ist das A und O im leistungsorientierten Singapur. Schon allein die Kleinkind-Spielgruppe kostet umgerechnet 1.200 Euro. Dazu Klavier, Ballett, Nachhilfestunden – all das gehört hier für viele Eltern der Mittelschicht dazu. Und deswegen steht bereits fest: Acacia soll Einzelkind bleiben. "Das Finanzielle ist das Eine. Aber es geht ja auch um die emotionale Unterstützung. Es kostet viel Zeit und Mühe, in Singapur ein Kind groß zu ziehen. Wir wollen unsere ganz Aufmerksamkeit und Liebe auf sie konzentrieren. Sie soll das Beste bekommen", sagt Desmond Tan.

Mit dem Taxi geht es für die kleine Familei zum Strand. Ein eigenes Auto können sich viele hier aufgrund der hohen Steuern nicht leisten, auch die beiden Flugbegleiter nicht. Selbst wenn sie nach der Elternzeit wieder Doppelverdiener sind. Denn Singapur ist eine der teuersten Städte der Welt. Um Paare auch in der Pandemie zum Kinderkriegen zu bewegen, hat der Staat den Babybonus zuletzt noch mal um umgerechnet rund 2.000 Euro erhöht. Auch Joy und Desmond profitierten schon davon. Doch an ihrer Lebensplanung ändert das nichts. "Wenn Joy wieder anfängt zu arbeiten und ich auch arbeite, dann sind wir bei der Betreuung auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. Mehr als ein Kind können wir ihnen nicht zumuten. Und finanziell kommen wir mit einem einfach besser zurecht. Das bedeutet mehr Lebensqualität", erklärt Desmond Tan.

Zehntausende Singles in Singapur

Am Riesenrad haben unterdessen Schwimmlehrer Hue und Physiotherapie-Studentin Valencia ihre zweiter Verabredung. Die Dating-Agentur hat sie zusammengebracht. Es wird gekichert und geflirtet. Die Chemie scheint zu stimmen. Und wenn es nicht klappt? Egal. Da draußen im Großstadtdschungel warten schließlich Zehntausende anderer Singles – so viele wie nie zuvor.

Autorin: Sandra Ratzow, ARD Singapur

Stand: 30.05.2021 20:26 Uhr

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