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Großbritannien: Der letzte Kampf der Theresa May

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Großbritannien: Der letzte Kampf der Theresa May | Bild: NDR

Am 11. Dezember steht die entscheidende Abstimmung im britischen Unterhaus an, dann werden die Parlamentarier entscheiden, ob sie den EU-Austrittsvertrag annehmen. Es sei "ein Kompromiss", hat Premierministerin Theresa May in den Debatten immer wieder betont, aber für sie der beste, der zu erzielen war. Dennoch, der Widerstand bei den Parlamentariern ist groß, aber Theresa May kämpft. Fest steht allerdings, dass die Premierministerin wohl zurücktreten wird, wenn sie "ihren Kompromiss" nicht durch das Parlament bringt.

Es geht für Theresa May um alles

Philipp Lee
Philipp Lee war einst Vertrauter von Theresa May. | Bild: NDR

Seit mehr als zwei Jahren wohnt May in Downing Street. Doch wie lange noch? Alles, was als nächstes auf der Insel passiert, passiert ihretwegen. Es ist ihr Brexit. Ihr Deal mit Brüssel, den sie durchs Parlament bringen will. Und es steht nicht gut um Theres May. Der Widerstand ist groß. Die Premierministerin muss kämpfen: "Dieses ist der beste Deal für das britische Volk. Ich bitte um Ihre Unterstützung im Interesse unserer Wahlkreise, und unseres Landes. Ich empfehle dieses Abkommen mit meinem ganzen Herzen", sagt May.

Es geht für Theresa May um alles: Wie wird sie in die Geschichtsbücher eingehen? Ist sie die durchsetzungsstarke, standfeste Premierministerin, der es gelungen ist das Land durch stürmische See zu führen und am Ende in einen vielleicht glanzlosen aber doch vorerst sicheren Hafen. Oder hat sie sich mit ihrer störrischen Art selbst versenkt und mit ihr das ganze Land ins Chaos gestürzt?

Philipp Lee kennt Theresa May seit mehr als 20 Jahren. Er war einst ihr Vertrauter, diente bis zum Sommer im Kabinett – bis er hinschmiss. Er sah das Drama, den Widerstand im Parlament kommen, aber die Premierministerin wollte nicht zuhören: "In schwierigen Situationen, ist es großartig, jemanden zu haben, der wie sie entschlossen ist, unerbittlich, pflichtbewusst – bis zu dem Punkt, wo das kippt in Inflexibilität. Und das war genau meine Angst", sagt der konservative Abgeordnete. 

Wer will schon mit ihr tauschen?

Vielleicht liegt die letzte May-Hochburg im Land in Maidenhead. Seit 20 Jahren ist es der Wahlkreis der Premierministerin – nur 40 Kilometer von hier ist sie aufgewachsen. Mancher meint, das Abkommen, das die Pfarrerstochter ausgehandelt hat, sei wie sie selbst: gewissenhaft, vorsichtig, und provinziell – aber eben ohne Vision für die Zukunft. 

Hier können sie nichts Schlechtes darn finden. Im lokalen Pub  prangt stolz das Foto von einem Besuch der Premierministerin. Und die Tennisdamenmannschaft von Maidenhead, die grade ihre Weihnachtsfeier im Pub feiert, zeigt sich zu 100 Prozent loyal: "Sie ist wundervoll. Und sie tut uns sehr leid, Und wir fragen uns wie sie nachts schläft?, sagt Maggy Goodall. Jane Jordan fügt hinzu: Sie versucht das Wahlergebnis zu erfüllen. Ob man es nun mag oder nicht. Aber wer will schon mit ihr tauschen? Sie kann das nicht gewinnen." Und so führt am Ende auch der Brexit-Kampf, der das Land so tief spaltet, nicht am beschaulichen Maidenhead vorbei. 

Loyalität zu May schwindet

Gegner des Brexits demonstrieren
Die Brexit-Gegner fordern eine zweite Abstimmung. | Bild: NDR

In der Hauptstraße hält ein Anti-Brexit-Bus. Sie, die 48 Prozent, die für den Verbleib in der EU gestimmt haben – wie die Premierministerin selbst – fühlen sich schon seit langem von ihr missachtet. "Wir wollen diese Chaos-Regierung nicht. Diesen Brexit nicht. Wir wollen eine zweite Abstimmung", sagt Madeleina Kay vom Anti-Brexit-Protest. 

Das Problem der Premierministerin: Sie hat sich früh viele Feinde gemacht. Zuerst bei den EU-Befürwortern, dann auch bei den EU-Gegnern, weil sie ihr Versprechen eines harten Brexit nicht eingelöst hat. So wird es immer einsamer um Theresa May: Sie kapselt sich ab. Ist geheimniskrämerisch gegenüber ihrer Partei. Die Loyalität zu ihr schwindet. "Sie hat vergessen, dass es am Ende in der Politik eben auch um Menschen geht, um menschliche Beziehungen. Gerade bei einem Thema was so komplex und so vergiftet ist", sagt der konservative Politiker Philip Lee. 

Vergiftete Stimmung

Alan Duncan
Europaminister Alan Duncan ist einer der letzten Verbündeten von May. | Bild: NDR

Wie vergiftet die Stimmung ist, zeigt sich am vergangen Montag auch im feinen Westen von London. Die "Bruges Gruppe", benannte nach Maggy Thatchers Rede gegen den EU-Kurs von 1988, wettern gegen die Premierministerin: Ihr Deal sei ein einziges Zugeständnis an die EU.  Das Parlament wird jetzt entscheiden, ob wir ihr unser Schicksal am Ende doch selbst in die Hand nehmen, und endlich wieder ein unabhängige freihandelnde Nation werden. Die Alternative wäre zu schrecklich, um überhaupt darüber nachzudenken", sagt Barry Legg, Vorsitzender der "Bruges Gruppe".

Sie setzen auf einen harten Ausstieg, einen baldigen Abgang der Premierministerin. Doch bislang steht sie noch. Trotz all der aggressiven Angriffe. Schon allein dafür gebührt ihr Respekt, meint einer ihrer letzten Verbündeten: Europaminister Alan Duncan. Aber auch er ist nicht mehr sehr optimistisch in diesen Tagen, dass die Premierministerin das Schiff noch sicher in den Hafen bringt: "Es ist gut möglich, dass in dem das Schiff versenkt wird, wir am Ende mit einer parlamentarischen Stillstand enden, bei dem es für nichts eine Mehrheit gibt. Eine kafkaeske Situation, in der wir gefangen bleiben."

Im Amtssitz der Premierministerin wird in diesen Tagen längst diskutiert, ob Theresa May sich doch auch im Falle einer Niederlage halten kann. Denn die Hausherrin, das hat ihre Amtszeit gezeigt, dürfte Downing Street nicht kampflos ihren Gegnern überlassen.

Autorin: Julie Kurz, ARD-Studio London

Stand: 10.12.2018 20:17 Uhr

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