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Ukraine: Fußball als Flucht vor dem Kriegsalltag

Kinder stehen während des Fußballtrainings nebeneinander
Dreimal pro Woche trainieren die Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. | Bild: NDR

Fußball ist auch in der Ukraine Volkssport. Viele Jungen und Mädchen träumen von einer Karriere als Fußball-Star. In Irpin, einem Vorort von Kiew, können die Nachwuchs-Kicker trotz der russischen Angriffe und der winterlichen Temperaturen immer noch trainieren, wenn kein Luftalarm ausgerufen wurde. Die Eltern der Nachwuchs-Kicker haben den Trainer ermutigt, trotz des Krieges weiterhin das Training zu veranstalten. Auch weil es für die Kinder eine kurze Auszeit vom fürchterlichen Alltag bedeutet.

Sergij Pavlyuk ist auf dem Weg zum Fußballplatz. Dreimal pro Woche trainiert er Kinder zwischen acht und zwölf Jahren. Es ist eine private Fußballakademie. Den Platz haben sie von einer Schule gemietet. Vor dem Krieg waren sie hier mehrere Trainer und Betreuer. Jetzt muss Sergij allein Hand anlegen. Doch das ist nicht das einzige, was sich geändert hat. "Zunächst einmal ist die Zahl der Kinder im Vergleich zu der Zeit vor dem Krieg zurückgegangen. Das heißt die Kinder, die vorher in unserer Akademie waren, sind jetzt in großer Zahl irgendwo in Europa oder in anderen Ländern." Seit dem Krieg kommt nur noch die Hälfte der Kinder. Im Sommer, nachdem die russischen Truppen sich aus Irpin zurückgezogen hatten, wurde Sergyi von Eltern gebeten, das Fußballtraining wieder aufzunehmen. "Die Kinder sitzen zu Hause und schauen nur noch auf ihre Smartphones und im Fernsehen sehen sie nur noch Krieg und Bombardierungen."

Fußballstadion in Irpin fast völlig zertsört

Irpin lag mitten in der Kampfzone, vieles hier erinnert noch an die heftigen Gefechte im Frühjahr. Auch das Fußballstadion fast völlig zerstört. Raketenlöcher im Rasen, Einschüsse überall. Und Irpin ist kein Einzelfall. Igor Tsyhanyk ist einer der bekanntesten Sportjournalisten in der Ukraine. Durch den Krieg, so Tsyhanyk, wurde den Menschen auch der Fußball im Land genommen. "Was für uns vor einem Jahr noch fast unvorstellbar war, ist heute ein ganz alltägliches Phänomen. Unsere Infrastruktur wurde zerstört und in den Städten, in denen Kämpfe stattfanden, gibt es auch keine Fußballplätze mehr."

Das Stadion von Lokomotive Kyjiw ist bisher unversehrt geblieben. Aufwärmen der Männermannschaft vor dem Punktspiel. Der Klub ist derzeit in der ukrainischen Amateurliga. Das Ziel in dieser Saison: der Aufstieg. Doch an einen regulären Spielbetrieb denkt hier derzeit niemand. "Allein in diesem Monat haben wir während des Trainings oder der Spiele um die zwanzig Luftalarme gehört. Und für den gesamten Zeitraum seit Kriegsbeginn war es sicher mehr als einhundert Mal, dass es Luftalarm gegeben hat", erzählt Oleksandr Jegorov, Präsident von Lokomotive Kyjiw.

Kein regulärer Spielbetrieb

Einschschusslöcher an einem Fußballstadion.
Durch den Krieg wurde den Menschen auch der Fußball im Land genommen. | Bild: NDR

Und plötzlich ein paar Minuten vor Anpfiff auch heute: Luftalarm. Alltag in der Ukraine. Die Spieler müssen in den Keller. Um die Zeit zu nutzen, haben sie dort nun ihren Kraftraum eingerichtet. Präsident Oleksandr Yegorov hat inzwischen telefoniert, auch dieses Spiel ist abgesagt und soll nachgeholt werden. "Egal, wie sehr Russland uns mit seinen Raketen oder diesen Angriffen Angst machen will, wir werden weiterhin Fußball spielen, Volleyball spielen, zur Arbeit gehen", sagt Jegorov.

Auf etwas Normalität setzen sie auch in dieser Kneipe in Kyjiw. Der Besitzer Oleksij hat auf viele Gäste während der Weltmeisterschaft gehofft. Doch zum Spiel heute sind nur ein paar Leute gekommen. Das WM-Interesse ist in der Ukraine überschaubar, meint Oleksij, auch weil das Land sich nicht für das Turnier qualifizieren konnte. "Die Menschen sehen sich die Spiele als neutrale Zuschauer an und unterstützen die Mannschaften deren Länder jetzt der Ukraine helfen. Vielleicht lenken sie sich dadurch irgendwie vom Alltag ab. Aber ich sehe keinen solchen Hype um diese Weltmeisterschaft. Dafür gibt es einige Gründe. An vorderster Stelle steht natürlich der Krieg."

WM-Interesse in der Ukraine überschaubar

Zurück in Irpin beim Fußballtraining: Sergij muss mit den Kindern heute pünktlich aufhören. In der ganzen Stadt ist der Strom ausgefallen. Auch bei ihm zu Hause. Sein siebenjähriger Sohn macht die Hausaufgaben im Taschenlampenlicht. Dann will der bekennende Fußballfan auch ein WM Spiel schauen – notgedrungen auf dem Handy. "In der Vorkriegszeit haben meine Freunde und ich uns meistens irgendwo getroffen um Fußball zu schauen. In der Firma ist es interessanter, im Café bei einem Glas Bier, ist es natürlich interessanter. Und auch die Emotionen sind ganz anders. Jetzt müssen wir mit so einer Situation klar kommen", sagt Pavlyuk.

Dann immerhin ein kurzer Moment der Erleichterung: Nach Stunden geht plötzlich der Strom an. Nun funktioniert auch der Fernseher wieder. Die Taschenlampe macht Sergij sofort aus. Er will Batterien sparen – für den nächsten Stromausfall.

Autor: Robert Kempe, ARD-Studio Kiew 

Stand: 27.11.2022 20:05 Uhr

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