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Gaza – Ein neues Leben

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Gaza: Ein neues Leben | Bild: WDR

Das Leben hat ihn hier mittenrein abgesetzt. Auf dem Markt in Gaza-City. Warif Hamido kann noch immer nicht fassen, was ihm passiert ist. Er begreift es als Glück. Andere würden es Pech nennen. Ein Leben abhängig von Gaza, Gemüse und Geflügel. Vor zwei Jahren ist er im abgeriegelten Gaza-Streifen angekommen. Unterirdisch. Durch einen Tunnel aus Ägypten. Warif, einer von Millionen Syrern auf der Flucht vor dem Krieg. Allerdings mit einer ungewöhnlichen Fluchtroute. Aus der syrischen Kriegshölle in den palästinensischen Elendsstreifen. 

"Ich erinnere mich genau. Als ich damals aus einem der Tunnel dort rausgekrochen bin, war es ein Uhr mittags. Als erstes hatte ich das Gefühl, die Luft und überhaupt alles hier ist besser als in Kairo. Man riecht hier das Meer. Und dann bin ich am Strand entlang gelaufen. Und hatte das Gefühl, als wäre ich am Strand in Syrien."

Aus dem Tunnel in die Küche 

Ausgerechnet in Gaza strandet ein Flüchtling aus Aleppo.
Ausgerechnet in Gaza strandet ein Flüchtling aus Aleppo.

Schon bald riecht es in Gaza auch nach syrischer Küche. Dafür hat der 35–Jährige selbst gesorgt. Sein Restaurant heißt "Syriana", "unser Syrien". Warifs Hühnergrill-Fleisch gilt als das Beste in Gaza. Er ist eine regionale Berühmtheit. "Ja, das war Glück, Schicksal. Vielleicht auch das gute Essen. Oder weil ich gut reden kann."

Sein Haus und Restaurant in Alleppo hat er im Krieg verloren. Auf der Flucht in Ägypten einen Palästinenser kennengelernt, der ihm einen Job als Koch in Gaza anbot. Nicht toll, aber besser als Syrien, dachte Warif. Kam, kochte und wurde bald darauf sein eigener Chef. Mit allen Problemen, die dazugehören: "Unsere Küche liegt still. Wir haben kein Gas. Seit bald drei Monaten ist es extrem mühsam da ranzukommen. Nur über den Schwarzmarkt. Also gibt es nur Grillfleisch. Aber natürlich erwarten meine Kunden auch andere warme Gerichte. Viele gehen deshalb weg."

Kochen ohne Gas und Strom

Kein Gas, keinen Strom – Alltag im Gaza-Streifen. Beherrscht von der radikal–islamischen Hamas. Von Israel zum Freiluftgefängnis gemacht. Mehr als die Hälfte der rund zwei Millionen Einwohner sind arbeitslos. Abhängig von Lebensmittelhilfen der UN.

In Gaza hat die Liebe seines Lebens "gewartet".
In Gaza hat die Liebe seines Lebens "gewartet".

Ausgerechnet oder vielleicht: gerade hier – unter palästinensischen Flüchtlingen – macht also der syrische Flüchtling Warif sein Glück. Inzwischen hat er sogar eine eigene Kochshow im Fernsehen. Und so auch Waha kennengelernt. Sie ist TV–Journalistin in Gaza. Machte eine Reportage über diesen kochenden Syrer. Mittlerweile sind die beiden verheiratet, erwarten ein Baby: "Ja, es war Liebe auf den ersten Blick. Oder besser: Bei der ersten Reportage.

Krieg als Normalität

Als 2014 der Krieg nach Gaza kam, war Warif an Wahas Seite, als diese berichtete: "Für mich war der Krieg ja irgendwie normal. Ich kannte ihn schon. Und ich muss sagen: In Syrien war der Krieg schlimmer, als in Gaza. Er war ja überall. Völlig unkalkulierbar."

Seine Eltern starben bereits vor dem Krieg. Sein Onkel wurde zu Tode gefoltert, erzählt Warif. "Aber sobald in Syrien Frieden ist, wollen wir dorthin zurück." Darüber sind sich beide einig. Auch darüber, dass seine selbstbewusste Waha in der Küche zu Hause die Chefin ist.: "In seinem Restaurant ist er der Boss, hier bin ich es." Nur den Kaffee darf Warif hier kochen, sagt Waha. Sie liebt ihn auch dafür, dass er nie versucht hat, sie zu zwingen, Schleier oder Kopftuch zu tragen – wie fast alle anderen Frauen in Gaza.

Für die einen ist es Glück – andere glaub festzusitzen

Warif Hamido ist nicht der einzige Syrer, der durch einen Tunnel aus Ägypten nach Gaza kam. Aber wohl der einzige, der es hier zu Erfolg gebracht hat. Weil er davon etwas abgeben möchte, ist er zu einem Sprecher für das Elend der anderen geworden.

Imad Al Hiso etwa, nach Gaza gekommen, weil er bereits vor dem Krieg mit einer Palästinenserin verheiratet war. Arbeits– und hoffnungslos. Für die Syrier fühlt sich in Gaza niemand zuständig. Der Pass ist längst abgelaufen."Wir können nirgendwo hin. Wir sitzen in der Falle. Die Tunnel sind auch geschlossen. Und selbst wenn: In Ägypten würden wir ohne gültige Papiere verhaftet, in Syrien sowieso umgebracht. Ich appelliere deshalb an die Vereinten Nationen. Wir haben hier auf der Liste etwa 40 syrische Familien, die unter verzweifelten Umständen in völliger Armut leben. Für sie müsste das Flüchtlingshilfswerk dringend eine Lösung finden."    

Man muss sich Warif Hamido als glücklichen Mann vorstellen.
Man muss sich Warif Hamido als glücklichen Mann vorstellen.

Das also ist die Schattenseite von Warifs Erfolgsgeschichte. Er ist hier genauso gefangen, wie alle anderen Bewohner. In einer trostlosen, meist stromlosen Stadt. Warifs Bruder ist nach Deutschland geflohen. Darf als Asylbewerber dort aber nicht arbeiten. Warif würde ihn gerne besuchen. Aber tauschen mit seinem Bruder möchte er nicht. In Gaza hat er Arbeit, genießt Achtung und Erfolg. An diesem Abend feiert er mit syrischen und palästinensischen Freunden einen Junggesellenabschied. Party im Freiluftgefängnis.

Pech oder Glück? – Manchmal liegt beides eng beieinander.

Ein Beitrag von Susanne Glass/ARD Studio Tel Aviv

Stand: 11.07.2019 16:24 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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