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Brasilien – Kampf um die Nuss

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Brasilien: Kampf um die Nuss | Bild: ARD

Es ist ein Knochenjob. Einer, den hier traditionell die Frauen machen. Quebradeiras nennen sie sich, übersetzt "Nussbrecherinnen". Rund 300.000 von ihnen gibt es im Norden Brasiliens. In den Urwäldern sammeln und knacken sie die Nüsse der Babassupalme.

Eine von ihnen ist Maria Aurea Silva: "Wir sind ehrliche und bodenständige Leute. Wir nehmen alle Schwierigkeiten auf uns, um ein würdiges Leben zu haben. Wir wünschen uns, dass auch unsere Kinder mal so leben werden. Und, dass die Gesellschaft uns Nuss-Sammlern mehr Anerkennung schenkt."

Jeder Dritte in Codó lebt von der Kokosnuss

Nüsse sammeln und knacken. Ein Knochenjob für die Frauen.
Nüsse sammeln und knacken. Ein Knochenjob für die Frauen.

Wir sind in Codó im Bundesstaat Maranhao, eine der ärmsten Regionen des Landes. Zwar leben laut der Weltbank nur noch vier Prozent der Brasilianer in extremer Armut, doch gehört hier den meisten nicht einmal der Grund auf dem ihre Hütte steht. Jeder Dritte lebt irgendwie von der Kokosnuss, der Babassu. Die Babassu ist die Mutter der Armen, sagen sie hier. Ohne die Nüsse hätten sie keine Arbeit.

Jeden Tag gehen die Frauen in die Wälder und durchkämmen das Unterholz. Nicht ungefährlich, denn hier können Schlangen, Spinnen und andere Tiere lauern. Maria und ihre Kolleginnen sind stolz. Und selbstbewusst. Denn meist verdienen sie mit der Nuss, der Babassu, den Lebensunterhalt für die Familie.

"Unser Leben ist schwierig, aber es ist ein gutes Leben. Wir sprechen niemals schlecht über unsere Situation. Die ist nicht einfach, aber wir sind sehr zufrieden. Wir Frauen sind eine fest eingeschworene Gemeinschaft und immer zusammen, bei der Arbeit, beim Essen und auch sonst. Wir sind glücklich."

Arbeiten unter harten Bedingungen für wenig Geld

Maria macht diese Arbeit, seitdem sie neun ist. Fünf Tage die Woche, von früh morgens bis zum Nachmittag. Eine knallharte Belastung im tropisch–heißen Dschungel. Die Nuss ist ihre Lebensgrundlage, einen Sack voll sammelt jede Frau am Tag. Aus der Schale machen sie Holzkohle, aber der wichtigste Teil ist der Kern, die Mandel: "So ein Sack mit Nüssen wiegt 40 Kilogramm. Aber davon machen die eigentlichen Kerne, die Mandeln, die wir dann zur Weiterverarbeitung nutzen, weniger als zwei Kilo aus. Ein Kilo davon hat gerademal den Wert von dreieinhalb Reais, nicht einmal einem Euro."

Überall am Horizont qualmt es. Großgrundbesitzer, deren Ländereien in den letzten Jahren immer größer wurden, roden den Dschungel für Monokulturen oder Weideflächen. Und viele, so heißt es, verbieten den Quebradeiras das Betreten ihrer Wälder. "Wenn es so weiter geht mit den Einschränkungen, dass wir keinen Zutritt in die Wälder bekommen, dann werden wir in die totale Abhängigkeit der Großgrundbesitzer geraten. Die zerstören die Palmen, sie machen was sie wollen – und die meisten wollen nur Land für ihr Vieh", sagt Maria Aurea Silva.

Das Öl der Bambusnuss wird zu Seife und Putzmittel verarbeitet

Die Babassu-Palme ist die "Mutter der Armen".
Die Babassu-Palme ist die "Mutter der Armen".

In Codó steht die größte Fabrik der Region. In den Fässern lagert das "Gold von Maranhao". Öl aus der Babassunuss gewonnen und zu Seife und Putzmittel verarbeitet. Das Unternehmen gehört Francisco Oliveira, einem Großgrundbesitzer. Der einzige hier, der auch aus der Babassunuss Kapital schlägt, aber auch auf die Viehwirtschaft setzt. Dass er und andere Landbesitzer die Lebensgrundlage der Quebradeiras gefährden, stimme nicht: "Nein. Die Landbesitzer verbieten nie, dass die Nuss-Sammler ihr Land betreten. So ein Verbot gibt es nicht."

Die Betroffenen wissen das besser. Maria und ihre Kolleginnen streiten schon lange für das Recht, wie seit jeher ohne Einschränkungen auch auf fremdem Land Nüsse sammeln zu dürfen. Unterstützt werden sie von Sozialbewegungen und Umweltbehörden. Eine klare Regelung soll her.

Die Frauen wollen die Nüsse selbst weiterverarbeiten

Mit der Verarbeitung der Früchte ernähren die Frauen ihre Familien.
Mit der Verarbeitung der Früchte ernähren die Frauen ihre Familien.

Die Frauen verarbeiten die Mandeln selbst. Für sie ist das lohnender, als der Weiterverkauf des Rohproduktes. Maria ist die Präsidentin der Kooperative, zu der 180 Frauen gehören und die nun aus der Nuss Kosmetika machen, Seife, Putzmittel, Öl zur Hautpflege oder zum Kochen. Überall brodelt es. Die Rezepturen werden seit Generationen weitergegeben. Einen Teil ihrer Produkte verbrauchen die Quebradeiras selbst, aber das meiste bieten sie auf Märkten und Zwischenhändlern an. Das Geld teilen sie untereinander auf.

"Die Produkte, die wir hier herstellen, versuchen wir direkt zu verkaufen. Das bringt uns am meisten Gewinn. Es kommt nicht viel zusammen, aber es ist genug zum Leben. Dank der Nuss aus dem Wald, der Babassu."

Sie singen Lieder über ihr Leben, über den Kampf für mehr Rechte und über die Bedeutung des Waldes. Denn der, sagt Maria, gibt ihnen alles, was sie brauchen. Ein Leben mit und von der Nuss. Die Babassu-Palme sei für sie wie eine Mutter, die dafür sorgt, dass es ihnen hier im Norden Brasiliens, trotz aller Probleme, gut geht.

Ein Beitrag von Michael Stocks/ARD Studio Rio de Janeiro

Stand: 25.04.2016 11:18 Uhr

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