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Mali – Timbuktu lebt und atmet

PlayMann mit Sonnenbrille Timbuktu
Mali: Timbuktu lebt und atmet | Bild: ARD

Die alte Wüstenstadt Timbuktu – sie lebt wieder. Die Menschen sind wieder frei. Drei Jahre ist es her – die Besatzung durch radikale Islamisten. Noch patrouillieren UN–Soldaten. Noch ist die Stadt nicht ganz sicher. Die Islamisten sind nicht weit. Doch die Menschen atmen wieder, sagen sie.

Zainab fiel das Atmen lange Zeit schwer. Sie war eines der ersten Opfer der Islamisten in Timbuktu. Ihr kleiner Sohn gibt ihr die Kraft zum Weiterleben: "Damals hatten alle Angst, dass ich den Verstand verliere. Ich konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr essen, ich wollte nur noch alleine sein. Was die Islamisten mir angetan haben, verfolgt mich heute noch." 

100 Peitschenhiebe und eine Zwangsheirat

Dieses Mädchen, das da gerade ausgepeitscht wird – das ist Zainab. Sie war damals 15. Ihr Vergehen: sie war verliebt, hatte einen Freund – vor der Ehe. 100 Peitschenhiebe für beide. Die Schläge waren das eine. Viel schlimmer war die öffentliche Demütigung. Die beiden wurden damals zwangsverheiraten, heute sind sie freiwillig zusammen. Ihre Liebe hat gehalten.

Doch auch nach den Schlägen war der Horror nicht vorbei. Die Islamisten wollten Ali rekrutieren: "Nach allem was sie uns angetan hatten, wollten sie mich zwingen, mich ihnen als Kämpfer anzuschließen. Das wollte ich auf keinen Fall. Deshalb bin ich nach Algerien geflohen. Dort habe ich ein Jahr lang gearbeitet. Hier gab es ja auch keine Jobs mehr."    

Die Dschihadisten zerstörten alles, was ihnen in die Hände fiel

Ein Jahr lang regierten die selbsternannten Gotteskrieger im Norden Malis. Die malische Armee konnte ihnen nichts entgegensetzen. Erst die französischen Soldaten schafften es, die Islamisten zu verjagen. Auch aus Timbuktu. Bevor sie die Stadt verließen, zerstörten die Dschihadisten alles, was ihnen in die Hände fiel. Historische Bauten, Geschäfte – und die berühmte Bibliothek von Timbuktu mit ihren jahrhundertealten Manuskripten.

Damals lernten wir Abullaya Cissé kennen. Einen Mitarbeiter der Bibliothek – verzweifelt über so viel blinde Zerstörungswut. Jetzt, drei Jahre später, ist Abullaya Cissé der Direktor der Bibliothek: "So etwas kannten wir in Timbuktu nicht. Wir haben Konflikte immer friedlich gelöst. Das sind wirklich schlimme Erinnerungen für uns, als wir sahen, wie Monumente und Mausoleen zerstört wurden. Denn sie sind ein Teil unseres Erbes."

Die Bibliothek wurde neu aufgebaut – und wird viel genutzt

Die Menschen schöpfen Hoffnung auf ein freies Leben.
Die Menschen schöpfen Hoffnung auf ein freies Leben.

Und dieses Erbe haben sie neu aufgebaut. Heute wird die Bibliothek wieder genutzt. Und ist für jeden zugänglich. Viele Kinder kommen zum Hausaufgabenmachen hierher. Die wenigsten haben zu Hause Zugang zum Internet. Wer etwas lernen will, kommt in die Bibliothek.

Junge: "Ich mag Bücher, weil ich mehr über das Leben und die Vergangenheit wissen möchte. Und es gefällt mir hier wirklich gut."

Die teilweise tausend Jahre alten Manuskripte werden mittlerweile restauriert, katalogisiert und neuerdings auch digitalisiert. Für die Ewigkeit. Zum Glück konnte ein Großteil der Bücher – Schriften von islamischen Gelehrten über Mathematik, Physik oder Philosophie – gerettet werden. Männer wie Abullaya Cissé hatten sie – unter Lebensgefahr – zu Hause versteckt und dann aus der Stadt gebracht.

Auch Zainab hofft, dass die dunklen Erinnerungen irgendwann verblassen. Eine Organisation kümmert sich um Frauen wie sie – Frauen, die Opfer der Islamisten wurden. Zainab und die anderen lernen, Stoff zu färben – ein wichtiges Handwerk im Norden Malis, mit dem sich vielleicht mal Geld verdienen lässt: "Ich hoffe, dass ich eine Arbeit finde und wir unseren Kindern die Schule finanzieren können, damit sie mal eine bessere Zukunft haben."

Ausländische Sicherheitskräfte sorgen für Schutz

Doch sie alle wissen auch: es ist ein Neubeginn mit vielen Ungewissheiten. Ohne die ausländischen Sicherheitskräfte könnten die Islamisten wohl jederzeit zurückkommen. Björn und Matthias sind Polizisten aus Nordrhein-Westfalen. Für ein Jahr haben sie sich für die UN–Polizei–Mission in Mali verpflichtet. "Eine gewisse Gefährdung ist immer da. Man ist hier sehr exponiert auf der Straße. Man könnte von beiden Seiten angegriffen werden. Gerade am Freitag, einem wichtigen Tag im Islam, der ja in letzter Zeit häufiger von den Islamisten genutzt wurde, um einen Anschlag zu verüben, ist dieses mulmige Gefühl durchaus da", sagt Matthias.  

UN-Blauhelmsoldaten wollen die Menschen schützen.
UN-Blauhelmsoldaten wollen die Menschen schützen.

Sie sollen für den Schutz der Bevölkerung sorgen. Der persönliche Kontakt ist wichtig, sagen sie, um zu erfahren, was in der Region passiert. Ob Fremde ein und ausgehen. Denn irgendwo in den Dörfern lauern sie noch, die Gotteskrieger. Wichtig ist, dass die Islamisten nicht an sie herankommen: an die jungen Leute. Die meisten sind arm und haben wenig Hoffnung auf einen Job. Ein idealer Rekrutierungspool. 

Deshalb veranstalten junge Musiker wie Ousmane regelmäßig Konzerte. Und zwar genau auf dem Platz, wo Zainab gedemütigt wurde. Wo die Islamisten Hände abgeschlagen, gepeitscht oder gesteinigt haben. Zainab: "Es ist für mich nicht einfach wieder hier auf diesem Platz zu sein. Und in der Öffentlichkeit."  

Ousmane singt vom Frieden. Und von der freien Seele der Malier. Und dann nimmt Zainab all ihren Mut zusammen und tanzt – tanzt auf dem Boden, auf dem sie fast bewusstlos geschlagen wurde. Sie sind stolz auf ihren Neubeginn in Timbuktu. Er gibt ihnen ihre Würde, ihre Kultur, ihre Zivilisation zurück, sagen sie.

Ein Beitrag von Shafagh Laghai/ARD Studio Nairobi

Stand: 11.07.2019 16:24 Uhr

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Westdeutscher Rundfunk
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