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Hongkong: Die letzten Briefeschreiber

PlayChen Kau vor seiner Schreibmaschine
Hongkong: Die letzten Briefeschreiber | Bild: BR / Mario Schmidt

Er saß hier schon so, als Hongkong noch eine britische Kronkolonie war: Vor ihm sein alter loyaler Freund, wie er seine Schreibmaschine nennt. Chen Kau ist 76 Jahre alt und einer der letzten Briefeschreiber Hongkongs. Im heißen Sommer immer ohne Hemd – und die technische Entwicklung hat ihn auch nie interessiert: "Ein Computer kann abstürzen oder macht manchmal Fehler. Aber diese Schreibmaschine macht selten Fehler. Und außerdem nutze ich denn Abakus, um die Rechnungen doppelt zu prüfen."

Internet, Email – Onkel Kau, wie er hier heißt, braucht das alles nicht. Er arbeitet im Stadtviertel Yau Ma Tai. Unter einer Stadtautobahn liegt der auch bei Touristen beliebte Jademarkt. Und an einer Seite – die Bretterbuden der Briefeschreiber, als hätte es die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte nicht gegeben. Heute haben noch fünf ihren Shop geöffnet, vielmehr sind auch nicht übriggeblieben von der einst blühenden Branche.

Vom Flüchtling zum Briefeschreiber

Auch Chen Kau kam als Flüchtling, aber aus Vietnam. Dort hatte er als Buchhalter gearbeitet, wurde Dolmetscher beim Militär, bevor er schließlich im Vietnam-Krieg nach Hongkong floh. Er spricht vier Sprachen – und so fing er an, für andere zu schreiben.

Im Nachbarshop sitzen Herr To On und der 90-jährige Herr Tsui. Er schrieb damals Bewerbungen für Kunden, die keine Arbeit hatten, Anträge für Sozialwohnungen oder Wasseranschlüsse – nur Liebesbriefe lehnte er ab, die waren im zu persönlich: "Es gab Anfragen, aber die wurden dann von fünf darauf spezialisierten Frauen übernommen. Diese Briefeschreiberinnen haben das mit viel Hingabe gemacht; sie waren brillant, alles ehemalige Lehrerinnen."

Die Briefeschreiber bessern ihre Rente auf und wollen nicht den ganzen Tag zuhause sitzen. Herr Tsuis Laden hängt voll mit Erinnerungen. Das war er: Peking-Oper hat er früher gesungen – und auch heute macht er es noch gerne, denn viel zu tun ist gerade nicht.

Aussterbender Beruf

Mit Beginn des Wirtschaftsbooms stieg in den 80er Jahren das Bildungsniveau, und seit Hongkong als Sonderverwaltungszone wieder zu China gehört, ist auch Englisch nicht mehr so wichtig. Im Regal stapeln sich die Dokumente der Stammkunden. Chen Kau hat hier den Überblick. Die Kunden sind mit den Diensten der Briefeschreiber zu frieden.

An manchen Tagen kommen gar keine Kunden: im Jademarkt herrscht meistens Ruhe. Ganz anders ist die Stimmung draußen. Auf den Straßen von Hongkong: immer wieder Massenproteste, vor allem junge Hongkonger haben Angst, sie sehen ihre Freiheitsrechte in Gefahr und fürchten, dass das autoritäre Peking seinen Einfluss in der Sonderverwaltungszone weiter ausbaut.
Im Jademarkt verfolgen sie die Proteste in der Zeitung. Sie selbst fühlen sich dafür zu alt; sie machen sich eher Sorgen um die Stabilität Hongkongs. Verständnis für die Zukunftsängste der jungen Hongkonger haben sie dennoch.

Onkel Kau will mit Politik nichts zu tun haben, aber er hat keinen Zweifel daran, dass das mächtige Peking die Kontrolle über Hongkong immer weiter ausweiten werde. Ihn treibt derzeit aber vor allem um, dass er keinen Nachfolger findet. Seine Augen werden schlechter. Ende des Jahres will er aufhören. Mit seinem Shop verschwindet dann eine weitere Erinnerung an die britische Kolonialzeit.

Um 18 Uhr schließt der Jademarkt, dann machen auch die Briefeschreiber ihre Läden zu. Onkel Kau fährt mit dem Bus nach Hause zu seiner Frau. Auch die beiden Kinder und seine Enkel leben in Hongkong.Doch vorher bringt er noch sein Tagewerk wie seit über 40 Jahren zum guten alten Briefkasten.

Autor: Mario Schmidt, ARD Peking

Stand: 01.07.2019 00:35 Uhr

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