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Italien: Überfordert mit den Corona-Toten

PlayUrnen an einem Altar aufgebaut
Italien: Überfordert mit den Corona-Toten | Bild: NDR

Fast können sie die Leichen nicht mehr zählen. Mit 200 Toten allein in der vergangenen Woche ist die Stadt Bergamo eine der am stärksten vom Coronavirus betroffenen. Längst sind die Bestattungsunternehmen und Friedhofwärter völlig überfordert mit der Situation.

"Am Anfang hast Du noch Hoffnung, dann kommt die Leere"

Arzt in Schutzkleidung telefoniert.
In Bergamo starben in den vergangenen Wochen Hunderte Menschen. | Bild: NDR

Eine improvisierte Intensivstation und ein Team, das Tag und Nacht um jedes Leben kämpft. "Ich muss ihnen leider mitteilen, dass ihre Mutter gestern verstorben ist. Mit der Stationsschwester besprechen sie bitte, wie es weitergeht", sagt Bruno Balicco am Telefon. "Das ist der schlimmste Teil unserer Arbeit", sagt Balicco weiter. Alltag in der Poliklinik in Bergamo. Ein Besuch am Krankenbett, die Patienten hier bräuchten so dringend ihre Angehörigen. Doch das ist längst nicht mehr möglich. Stationsschwester Silvia und ihr Team versuchen den Kranken so gut es geht beizustehen: "Am Anfang hast Du noch Hoffnung, dann kommt die Leere, wenn die ersten Patienten es nicht schaffen. Das ist beklemmend. Ich habe auch meinen Oberarzt weinen sehen. Das sind Momente, die dich umhauen. Wir sind sehr vereint. Jeden Tag bekomme ich schöne Nachrichten von den Kollegen, wir geben uns gegenseitig Kraft, hoffen wir, dass wir es schaffen, was wirklich Wichtiges für diese Menschen hier zu tun. Wir haben jeden Tag mit beklemmenden Situationen zu tun, aber gemeinsam schaffen wir das. In der Hoffnung, dass es den Menschen hier nützt."

In Bergamo starben in den vergangenen Wochen Hunderte Menschen. Sie mussten die Leichen zur Einäscherung mit Militärfahrzeugen aus der Stadt bringen. Bilder, die sie hier niemals vergessen werden. Eine ganze Generation stirbt in Nord-Italien, sagen viele. Und Angehörige können sie auf ihrer letzten Reise nicht begleiten. Auch Roberta Zaninoni verlor ihren Vater. "Er ist gestorben wie ein Hund. Sie sterben wie Schweine, Hunde, man muss es so ausdrücken, dafür schäme ich mich nicht. Nur eine Zahl inmitten vieler Personen. Und die Leute sagen weiterhin: Ja, sie waren halt alt und krank. Das war mein Vater, verdammt nochmal. Er war nicht alt und auch nicht krank. Er ist jetzt dort, inmitten der Särge, man versteht nicht mehr, wer wo ist, eine Tragödie, ein Krieg."

Bestatter arbeiten fast rund um die Uhr

Nicht nur medizinisches Personal, auch Bestatter und Geistliche versuchen nun den Abschied so würdevoll wie möglich zu gestalten. 113 Urnen mit der Asche der Toten kommen zurück nach Bergamo, Bischof und Bürgermeister geben ihnen das letzte Geleit, stellvertretend für die Angehörigen. In der Lombardei – in der Region rund um Mailand – hat sich das Virus besonders schnell verbreitet. Der Großteil der infizierten Gestorbenen kommt von hier. Bestatter, wie Andrea Cerato, arbeiten fast rund um die Uhr: "Wir haben noch Schutzausrüstungen für etwa eine Woche. Wenn wir innerhalb dieser Woche keine weiteren Masken und Schutzanzüge – mehr noch als Handschuhe – bekommen, könnte es sein, dass wir nach der Woche unsere Arbeit einstellen müssen." Seine eigene Angst muss Cerato wegdrücken. Wohl wissend, dass viele seiner Kollegen bereits an Covid-19 erkrankt sind.

Cerato will trotzdem weiterhin für diejenigen da sein, die seine Hilfe dringend benötigen: "Aus psychologischer Sicht ist da für uns schwierig, auch wir haben Familien zuhause. Die Situation an sich macht ein wenig Angst. Aber es ist auch eine Tatsache, dass wir eine Arbeit machen, bei der wir die Angst zur Seite schieben müssen. Wir müssen für die Familien da sein, die gerade einen Trauerfall haben. Wir haben alle Angst, versuchen alle, uns vor Ansteckung zu schützen. Denn wenn von uns einer positiv getestet würde, müsste die Firma schließen, wir alle in Quarantäne."

"Keine letzte Berührung"

Video-Interview mit einem Mann.
Pfarrer Don Paolo Padrini versucht, Kontakt zu seinen Gemeindemitgliedern zu halten. | Bild: NDR

Pfarrer Don Paolo Padrini hat einige Mitbrüder verloren. Aber er macht weiter, hat sich die Telefonnummern seiner Gemeindemitglieder organisiert und ruft jeden an – niemand soll alleine sein. "Ich habe auch Kranke gesegnet, die Angehörigen wollten nicht, dass ich nach Hause komme, weil sie beispielsweise selbst in Quarantäne sind. Nur durchs Telefon, WhatsApp – das Telefon nah am Ohr oder mit Videoanruf. Ich zeige dem Kranken im Bett den Heiligen in meiner Kirche. In den letzten Tagen ist es oft vorgekommen, dass ich in diesem Moment nur mit dem Verstorbenen alleine war. Er, der Bestatter und ich. Wenn ich von diesen Beerdigungen komme, verspüre ich in mir eine tiefe Traurigkeit. In meinen 20 Jahren als Priester habe ich so etwas noch nie erlebt. Ich habe die Angehörigen vorher und nachher gesprochen. Wir müssen jetzt neue Wege finden, einander nahe zu sein, auch wenn man weit voneinander entfernt ist."

Don Paolo ist davon überzeugt, viele Menschen werden in diesen Wochen traumatisiert: "Durch die Krankheit haben Angehörige sowieso schon eine enorme Distanz zu ihren Lieben, ein weiteres Mal dann im Moment des Sterbens. Sie können nicht Abschied nehmen, keine letzte Berührung, keine Beerdigung. In diesem Moment wird normalerweise aber Trauer verarbeitet. Ich sehe in Herzen und Augen der Angehörigen, sie sterben zwei Mal."

Autorin: Ellen Trapp, ARD Studio Rom

Stand: 29.03.2020 18:44 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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