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Nepal: Mit 69 auf die Schulbank

PlayDurga Kami
Mit 69 auf die Schulbank | Bild: NDR / Gábor Halász

Frühmorgens zieht Durga Kami die Uniform über und kämmt sich den Bart. Dann macht sich der alte Mann auf den 90 Minuten langen Weg ins Tal. Er ist sehr arm, aber die Schule ist das Wichtigste im Leben des 69-Jährigen: "Ohne die Schule wäre ich nur ein halber Mensch. Ich würde Alkohol trinken, den ganzen Tag Karten spielen. Es macht nichts, wenn ich mit leerem Magen los muss, Hauptsache ich lerne lesen, schreiben und spiele mit meinen Freunden."

Durga Kami
Für den Gang zur Schule muss der Bart sitzen. | Bild: NDR / Gábor Halász


"Ich gebe nicht auf. Egal, was kommt. Ich habe mir in den Kopf gesetzt, mein Ziel zu erreichen", sagt Durga Kami Das heißt: nicht dumm bleiben, etwas lernen. Als er klein war, hatte er keine Chance die Schule zu beenden. Die Familie war zu arm. Die Kinder sollten eher arbeiten als etwas lernen. In der Schule ist er Opa und Junge zugleich. Er lernt in der zehnten Klasse. Seine Mitschüler sind Teenager. Durga Kami ist zwar der Älteste, aber auch er muss beim Morgenappell voll mit ran. Dazu gehört zum Beispiel das Vorsingen. "Er ist ehrlich, lernt sehr ernsthaft. Und ist immer hilfsbereit", sagt MItschüler Pabitra Sharma. Ein anderer ergänzt: "Früher fragte ich mich schon, warum kommt der denn zur Schule? Aber dann habe ich begriffen, er macht das um den Armen zu helfen."

"Er arbeitet hart"

Heute will er allen zeigen, dass Geld keine Rolle spielt. Beim Fußball mit den Klassenkameraden schont er sich nicht. Das Beste, was er in der Schule gelernt hat: Ein Kind sein.
Durga Kami mit seinen jungen Freunden. | Bild: DasErste.de

Durga Kami will motivieren. Er will sagen, dass es wichtig ist, zur Schule zu gehen – auch wenn das Geld knapp ist. Im Englischunterricht hat er Probleme und Mathe versteht er einfach nicht. "Lesen und schreiben war nicht einfach, aber ich mache das – auch wenn es schwer fällt. Wichtig ist, dass wir uns gegenseitig helfen", sagt Durga Kami.

Der Lehrer ist stolz auf den Schüler, der sein Vater sein könnte, weil er so diszipliniert und pünktlich ist: "Er ist nicht begabt, aber er arbeitet hart. Er hat einen starken Willen. Das finde ich toll. Und dann versteht er sich mit den Kindern sehr gut."

Sorgen, Einsamkeit und ein wenig Glück

Oft kehrt er hungrig aus der Schule zurück. Er kann sich nicht leisten, zwischendurch etwas zu essen
Oft kehrt er hungrig aus der Schule zurück.  | Bild: DasErste.de

Zu Hause warten die Sorgen und die Einsamkeit. Durga Kamis Frau starb vor langer Zeit. Die sechs Kinder wohnen weit weg und besuchen ihn seit Jahren nicht mehr. Aus der Schule kehrt er hungrig heim. Er hat kein Geld, um dort etwas zu essen. Was würde ihn glücklich machen? Er weiß keine Antwort. "Was soll das sein? Glück?", fragt er unter Tränen.

Schulkinder lernen für die Zukunft. Die ist für ihn überschaubar. Aber er will es allen beweisen. Niemand muss dumm bleiben. "Ich hätte Pilot, Ingenieur, Arzt oder Wissenschaftler werden können – wenn ich als Kind die Schule beendet hätte. Aber ich habe ja nicht einmal lesen und schreiben gelernt", sagt Durga Kami.

Heute kann er es. Auch wenn es holpert. Er ist vielleicht der älteste Schuljunge der Welt. Einer, der sich selbst überraschen kann. Das Beste, was er gelernt hat. Ein Kind zu sein. Und kämpfen kann er, das hat Durga Kami allen gezeigt. In der Schule ist er dann doch ein wenig glücklich. Wenn doch nur jeder Tag ein Schultag sein könnte.

Autor: Gábor Halász, ARD-Studio Neu-Delhi

Stand: 12.07.2019 23:18 Uhr

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