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Afghanistan: Mädchenorchester

PlayNegin Khpalwak
Afghanistan: Das Mädchenorchester | Bild: BR

Den Duft von Apfelblüten soll diese alte afghanische Melodie verströmen. Und wie aufgeblüht spielen die Musikerinnen und ihre Dirigentin. Die 18-jährige Negin fühlt sich allen aktuellen Problemen weit entrückt, wenn sie den Taktstock schwingt: "Wenn ich vorne stehe und dirigiere, kommen mir oft die Tränen. So sehr bewegt es mich, dass ich dieses Vorrecht habe. Deshalb strenge ich mich auch sehr an."

Negin hat eine Kämpfernatur. Sonst hätte sie sich auch nicht durchgesetzt gegen ihre Sippe im Nordosten Afghanistans, da, wo die Taliban nach wie vor großen Einfluss haben.

Kämpfernatur Negin

Negin Khpalwak
Negin Khpalwak  | Bild: BR

Nach der Orchesterprobe übt Negin an verschiedenen Schlaginstrumenten. Eigentlich wollte sie Pianistin werden, aber wegen einer Verletzung musste sie sich neu orientieren – eine kleine Herausforderung nach allem, was sie durchgemacht hat: "Mehrere meiner Onkel haben gedroht, mich umzubringen, wenn ich weiter dirigiere und Interviews gebe. Da, wo ich herkomme, dürfen Mädchen nicht einmal zur Schule gehen und schon gar nicht musizieren. Ja, ich lebe gefährlich."

Über 200 Studenten sind eingeschrieben am Nationalinstitut für Musik, ein Viertel davon Frauen. Ihnen stehen die besten Musiklehrer des Landes zur Verfügung – und einige Dozenten aus dem Ausland, wie Robin, die vor kurzem noch Cello in einer Rockband gespielt hat und alle Warnungen ihrer besorgten Familie in den USA in den Wind geschlagen hat: "Vor einigen Monaten gab es hier in der Nähe einen Anschlag mit vielen Toten. Ich bin mir der Gefahr bewusst – aber auch des Privilegs. Die Mädchen hier sind so hungrig darauf, sich kreativ auszudrücken."

Ahmad Sarmast
Ahmad Sarmast | Bild: BR

Der Gründer und Direktor des Instituts wäre fast selbst bei einem Anschlag ums Leben gekommen, wurde schwer verletzt. Kaum ein Tag vergeht ohne Morddrohungen gegen ihn und seine Schützlinge. Er macht trotzdem weiter. Ahmad Sarmast, Direktor: "Diese Nation wird nicht aufgeben und sich nicht wieder den Taliban unterwerfen. Und auch ich könnte meine Studenten nie im Stich lassen aus Selbstschutz."

Es ist Mittagspause. Alles wirkt unbeschwert – hier, mitten in Kabul, wo Terror fast an der Tagesordnung ist. Der Direktor hofft, dass junge Frauen wie Negin das Land in eine bessere Zukunft führen: "Negin steht für die neue Generation, die trotz aller Probleme für ihre Rechte kämpft."

Die Taliban und die Musik

Gulalai Nuristani und Huma Rahimi
Gulalai Nuristani und Huma Rahimi | Bild: BR

Viele der Studentinnen leben ganz in der Nähe des Instituts in einem sogenannten Waisenhaus. Das heißt nicht so, weil die Eltern tot sind, sondern umgekehrt: die Kinder sind wie tot für manche Eltern, abgekommen vom rechten Weg. Gualalai und Huma denken oft an ihr Zuhause. Sie kommen aus derselben Region wie Negin, die ihr Vorbild ist. Gulalai Nuristani sagt: "Ich würde gerne in mein Dorf zurückkehren und den Mädchen dort das Musizieren beibringen." Huma Rahimi ist realistisch: "Aber jetzt ist das unmöglich, wegen der Taliban, die in unserer Heimat sehr aktiv sind."

Alle Mädchen hier sind entschlossen, Afghanistan nicht den Rücken zu kehren, sondern mitzuhelfen beim Aufbau. Auch wenn ihnen internationale Anerkennung natürlich gut tut. Immer wieder schauen sie sich diesen Mitschnitt ihres eigenen Konzerts an, vor drei Jahren in Washington vor prominentem Publikum. In der Mitte des Orchesters Negin: damals spielte sie, das Multitalent, ein afghanisches Saiteninstrument.

Zusammen mit der Familie

Negins Familie
Negins Familie | Bild: BR

In Kabul wird sie die Angst nie ganz los, vor allem nicht, wenn sie sich auf den Heimweg macht. Bis vor kurzem hat sie selbst noch in dem Waisenhaus gewohnt. Doch seit ein paar Monaten lebt sie am Stadtrand – und ist endlich wieder vereint mit ihrer Familie, die sie jahrelang nicht gesehen hat, weil sie in ihrer Heimat um ihr Leben fürchten muss. Nun sind sie ihr nachgezogen, ihre acht Geschwister, ihre Mutter und ihr Vater, der als Leibwächter arbeitet und deshalb weiß, in welcher Gefahr seine Tochter täglich steckt. Vater Ahmed Nuristani: "Jeden Tag mache ich mir sorgen, wenn sie aus dem Haus geht. Die Lage ist so unsicher. Aber die Regierung schützt sie nicht. Dabei ist sie doch die erste Frau Afghanistans, die dirigiert."

Das ist auch sein Verdienst: Als Negin vor acht Jahren unbedingt eine Schule besuchen wollte, ließ er sie nach Kabul gehen – und sie auch gewähren, als sie ihr Herz für die Musik entdeckte.

Negin Khpalwak erinnert sich: "Ich habe meinem Vater erst Bescheid gesagt, als ich die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. 'Ist in Ordnung', sagte er, 'mach, was gut für dich ist.' Meine Mutter war dagegen. Sie sagte, das ist nichts für Mädchen."

Die Mutter will sich nicht filmen lassen. Aber Negin sagt, auch sie sei inzwischen ein wenig stolz auf ihre Älteste, die der ganzen Welt zeigt, was in afghanischen Frauen steckt, wenn man sie frei aufspielen lässt.

Autor: Markus Spieker, ARD Neu Delhi

Stand: 13.07.2019 15:51 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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