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Algerien: Bouteflika vor dem Sturz?

PlayJunge Männer und Frauen protestieren mit einer algerischen Flagge
Algerien: Bouteflika vor dem Sturz? | Bild: picture alliance / abaca

Wer nach Algier reist, sieht als erstes sie: eine riesige Moschee mit dem höchsten Minarett der Welt. Der schwerkranke Präsident Bouteflika will sich mit diesem milliardenschweren Bau ein Denkmal setzen. Aber nun liegt er in einem Hospital in Genf, während sich die Menschen in seinem Land gegen ihn erheben.

Als wir in der Innenstadt eintreffen, sehen wir eine Menschenmenge und viel Polizei – der neue Alltag von Algier. Jeden Tag geht das jetzt so in der Innenstadt von Algier; jeden Tag kleine Demonstrationen von Jugendlichen und Konfrontation mit der Polizei.

Protest trotz Demonstrationsverbots

In der Hauptstadt sind Demos offiziell verboten. Doch daran hält sich keiner mehr, die Angst vor dem Regime ist weg – auch wenn die Polizei massiv auftritt und immer wieder aggressives Tränengas einsetzt. Dass ihr schwerkranker Präsident weiter im Amt bleiben will, macht sie zornig und mutig: „Die Algerier sind sich jetzt einig, wir wollen Frieden und Freiheit, Meinungsfreiheit, all das.“ „Hau ab, Bouteflika“, singen sie – in Algerien ist die Wut aufgebrochen. Das spüren wir auch in den ärmeren Vierteln der Hauptstadt, etwa in Bab-el-Oued.

Bislang konnte sich Algerien, das große Erdgas- und Ölvorkommen hat, den sozialen Frieden mit Subventionen und Wohltaten erkaufen. Doch für die einfachen Menschen wird das Leben mit dem schwankenden Ölpreis immer teurer.

In Bab-el-Oued wollen die Menschen unbedingt mit uns reden, gerade auch über ihren Präsidenten Bouteflika, für den sie nur noch Verachtung übrig haben. Schamlos sei der, wie er sich zusammen mit einer korrupten Clique aus Familienangehörigen, Generälen und Parteibonzen bereichere.

Ein gelähmtes Land in Bewegung?

Jahrelang wirkte Algerien wie gelähmt, damit ist es nun vorbei – doch wer regiert das Land in diesen Tagen? Ganz genau weiß das keiner. Der Politikwissenschaftler Nacer Djabi erklärt uns, dass sich Präsident Bouteflika mit einem Kreis von Getreuen umgeben hat, dem Generalstabschef etwa und auch Familienangehörigen wie dem Bruder Said Bouteflika; der soll Milliarden gestohlen haben und müsste bei einem Machtwechsel die Justiz fürchten.

Es ist Mitte der Woche in Algier, in verschiedenen Vierteln sind erneut Proteste angekündigt, von verschiedenen Berufsgruppen. Und wieder eine Demonstration in Algier, heute sind es die Anwälte und die Juristen. Die wollen bis zum obersten Gericht hier marschieren, um zu verlangen, dass die erneute Kandidatur des Präsidenten für ungültig erklärt wird. Solche Aktionen zeigen – der Widerstand gegen Algeriens Präsidenten hat die ganze Gesellschaft erfasst. Es kommt nicht oft vor, dass die Rechtsgelehrten eines Landes auf die Straße gehen – für sie hier ist klar: die fünfte Kandidatur von Abdelaziz Bouteflika ist verfassungswidrig.

Trauma Bürgerkrieg

Wir besuchen in der historischen Kasbah von Algier den Schreiner Khaled Mahiout – ältere Menschen wie er haben dem Präsidenten Bouteflika lange Zeit die Treue gehalten. Er verkörpert für sie Stabilität. Denn Khaled hat in den 90er Jahren den blutigen Bürgerkrieg zwischen der Staatsmacht und Islamisten miterlebt. Mehr als 100.000 Menschen starben damals im Terror; für Algerien sind diese Jahre ein nationales Trauma.
Lange Zeit hat das Regime diese Epoche genutzt, um Menschen wie Khaled Angst zu machen: nur Präsident Bouteflika könne die Sicherheit garantieren. Doch nun meint auch der Schreiner, dass es genug sei – die erneute Kandidatur eines Schwerkranken ist nicht vermittelbar.

Politikwissenschaftler Nacer Djabi bestätigt: „Ich glaube, die Algerier haben nun diese Angst überwunden, vor allem die jungen Menschen, die diese Epoche gar nicht miterlebt haben. Vielleicht gibt es diese Furcht noch bei einigen älteren Menschen, die sich noch genau an die 90er Jahre erinnern.“

Die Algerier haben ihre Angst abgelegt – am Freitag haben sich Hunderttausende in Algier versammelt. Sie fordern das Ende eines Systems, das sie nur „Le pouvoir“ nennen – den Machtapparat. Keiner weiß, wie dieser Apparat reagieren wird, seine Geheimdienste, die Armee.

Wir haben in dieser Woche eine Hauptstadt in Aufruhr erlebt. Algerien, das lange Zeit ein Land im Stillstand war, ist plötzlich aufgewacht.

Autor: Stefan Schaaf, ARD Madrid

Stand: 10.03.2019 22:02 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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