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Bangladesch: Billigleder aus der Vorhölle

PlayArbeiter transportiert Tierhäute auf Schubkarre
Bangladesch: Billigleder aus der Vorhölle | Bild: dpa / picture-alliance

Auf der indischen Seite werden sie als heilige Kühe verehrt, das aber schreckt die Schmuggler nicht ab: Schnell ein Brandzeichen, schon sind es Kühe aus Bangladesch. Und Rohstoff für die Lederindustrie. Zu tausenden werden die Häute hier verarbeitet.

Auf einfachste Weise, Schadstoffe, Wasserverschmutzung, Kinderarbeit, das ganze Programm. Eine Lederindustrie, damit Europa und die USA billig Schuhe und Handtaschen kaufen können. Eine Reportage von Peter Gerhardt, ARD-Studio Neu Delhi, der sich – wie er sagt – in der Vorhölle befand, als er in den Gerbereien drehte.

Ein kleiner Grenzübergang zwischen Indien und Bangladesch. Fußgänger und Radfahrer werden überprüft. Nicht aber der kleine Transporter, der gleich kommt. Verschämt reicht ein Helfer neue Papiere. Die Grenzsoldaten von Bangladesch schauen gelangweilt zur Seite. Und schon sind vier heilige indische Kühe zu Schlachtvieh in Bangladesch geworden.

150 Euro für eine heilige Kuh

Im ersten Dorf auf der Seite von Bangladesch gleich hinter der Grenzstation sehen wir eine Sammelstelle für Kühe, die illegal über die Grenze gebracht wurden. Es gibt dutzende davon. Die Händler hier erzählen uns, dass die Schmuggler etwa 10.000 Taka für eine Kuh aus Indien verlangen. Das sind etwa 150 Euro. Vor der Kamera will keiner der Bangladeschis gerne über das Geschäft reden. "Ich bin nur der Fahrer", sagt er uns. "Sind das Ihre Kühe?" "Ich weiß nicht, wo die Kühe herkommen. Ich bin nur der Fahrer."

Rindermarkt in Bangladesch
Die Herkunft der Rinder bleibt oft unklar.  | Bild: SWR

Solche riesigen Rindermärkte gibt es jeden Tag in einem anderen Ort im Westen Bangladeschs. Es ist noch früh am Morgen. Mohamad Hasanujjaman will heute sechs Rinder verkaufen. Wir wollen wissen, ob seine Kühe aus Bangladesch stammen. "Naja, es gibt auch hier ein paar Züchter. Aber ich habe die Kühe an der Grenze gekauft. Wahrscheinlich kommen sie von der anderen Seite."

Kühe sind nur Rohstoff für die Lederindustrie

In einer kleinen Hütte am Rand des Marktes werden alle Verkäufe dokumentiert. Ein kleiner rosa Zettel macht aus der indischen Kuh endgültig eine aus Bangladesch. Der Rindermarkt ist ein wichtiger Wirtschaftszweig. Die Behörden drücken deshalb beide Augen zu. Draußen auf dem Markt betrachtet Mohamad Harun das Angebot. Er will hier Kühe erwerben, die er weiterverkaufen kann. Für ihn sind sie nur noch Rohstoff für die Lederindustrie: "Die Kühe sind zwar mager aber die Haut ist ganz gut. Hier, die Haut muss straff sein. Sie darf nicht runterhängen."

Kuh wird auf kleinen Transporter geladen
Bis die Kühe in der Hauptstadt Dhaka angekommen sind, hat sich ihr Wert verdoppelt. | Bild: SWR

1,5 Millionen indische Kühe sollen pro Jahr auf Märkten in Bangladesch verkauft werden. Der Journalist Kabir Riton hat beobachtet, dass trotz der Bemühungen auf indischer Seite der Schmuggel nicht abebbt. Er blüht und für jede heilige Kuh wartet schon ein Transporter, der sie ins 400 Kilometer entfernte Dhaka bringt, der Hauptstadt von Bangladesch. Harun hat den gesamten Transport für das Lokalfernsehen dokumentiert. "Bis die Kühe dann in Dhaka sind, hat sich ihr Wert verdoppelt", sagt Kabir Riton. "Sie kosten dann etwa 300 Euro. Wie viel genau, hängt davon ab, wie lange der Transport dauert und wie viel Schmiergeld der Fahrer unterwegs bezahlen muss. Die lokalen Behörden halten die Hand auf und die Transportmafia. Und trotzdem sind diese Kühe noch billiger als die aus Bangladesch."

Kinderarbeit, kein Arbeitsschutz, ätzende Chemikalien

In Dhaka sehen wir dann nur noch die Überreste der ehemals heiligen indischen Kühe. In einer Gerberei dürfen wir drehen. Kamal Hosein arbeitet seit 19 Jahren hier. Mit bloßen Händen, packt er das Leder an, das in den großen Trommeln mit Chrom bearbeitet wird. Auf dem Boden ein Mix aus ätzenden und giftigen Chemikalien, die ungefiltert ins Abwasser laufen. Diese Zustände sind selbst in Bangladesch illegal. Seit 15 Jahren will die Regierung Gerbereien wie diese schließen und in ein neues Industriegebiet verlagern. "Unsere Chefs versuchen immer wieder das hinauszuzögern. Sie sagen, sie brauchen mehr Zeit. Aber jetzt gibt es ein Gerichtsurteil, das sagt, die Gerbereien müssen sofort dichtgemacht und neugebaut werden. Wenn das wirklich umgesetzt wird, wäre das eine Katastrophe für uns. Wir würden alle unsere Jobs verlieren.

Arbeiter in Gerberei
Die Zustände in den Gerbereien sind selbst in Bangladesch illegal.

Es ist heiß und stickig in der Halle und es stinkt. 200 Menschen arbeiten in dieser Gerberei. Vor einigen Wochen hat eine amerikanische Organisation veröffentlicht, es gebe hier in der Lederindustrie nach wie vor Kinderarbeit. Nun will man uns zeigen, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Die Arbeiter erzählen uns, sie arbeiteten acht bis zehn Stunden am Tag. Ihr Monatslohn betrage 150 Euro. Überprüfen lässt sich das nicht. Was aber auffällt: Es gibt keinen Arbeitsschutz, auch nicht an den Presswalzen. Vom beißenden Gestank der Chemikalien in der Halle ganz abgesehen. "Ja, das ist ein Problem für uns alle", sagt Kamal Hosein. "Die Verschmutzung setzt uns gesundheitlich schon sehr zu".

Industrieabfälle mitten im Wohngebiet

Aus allen Löchern läuft die stinkende, giftige Brühe auf die Straße. 200 Gerbereien gibt es im Stadtteil Hazaribagh. Die 75.000 Bewohner des Stadtteils bezahlen einen hohen Preis für Bangladeschs Lederindustrie. Billige indische Kühe und lasche Regulierung haben für unkontrolliertes Wachstum und ausufernde Umweltverschmutzung gesorgt. Mitten im Wohngebiet. Industrieabfälle türmen sich zu Bergen. Der Fluss nur noch eine schwarze Brühe, die zum Himmel stinkt. Wir folgen dem Leder, wollen sehen, was am Ende daraus wird.

Arbeiterinnen an Nähmaschinen
Die europäischen Kunden erfahren nichts über die Arbeitsbedingungen. | Bild: SWR

Die Schuhfabrik, die man uns zeigt, ist neu und sauber. Die Kunden für diese Schuhe sitzen in Europa. Zufällig treffen wir den Techniker einer italienischen Modefirma. Er erzählt uns, dass die europäischen Unternehmen auf die Arbeitsbedingungen achteten. Als wir wissen wollen, ob das nur für diese letzte Stufe der Produktion gilt, wird er plötzlich einsilbig. "Nein, nein, darüber kann ich nichts sagen. Das ist ein Problem der Regierung. Ich bin nur der Techniker. Das ist ein Problem der Regierung." "Geschaffen, um sich zu unterscheiden." Steht auf Italienisch auf den Kartons. Das Ziel: Rom. Die Kunden dort werden nicht erfahren, dass ihre Billigschuhe gefertigt wurden aus heiligen indischen Kühen.

Stand: 14.07.2019 11:04 Uhr

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