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Türkei: Emanzipation mit Müllrecycling

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Türkei: Emanzipation mit Müllrecycling | Bild: BR

Verpackungen von Chips oder Süßigkeiten – viele werfen sie achtlos weg. Doch in den Händen von Reyhan und Fatma werden kleine Kunstwerke daraus. Für die Frauen bedeutet es aber weit mehr.

Fatma
Fatma | Bild: BR

Fatma Aydogmus: "Ich mache Hausarbeit und gleichzeitig diese Taschen. Das gibt uns Selbstvertrauen und wir verdienen unser erstes eigenes Geld." 

Fatma hat mit 13 geheiratet, mit 14 das erste Kind bekommen. Zeit für eine eigene Jugend und Zeit für sich selbst blieb nicht. Auch Reyhan hat früh geheiratet, zwei Kinder großgezogen. Der Älteste will jetzt studieren. Und sie wollte raus aus dem Familienalltagstrott.

Reyhan Kocabatal: "Ich arbeite seit vier Jahren. Wir stellen was her, wir schaffen was. Wir können die Familie und die Kinder unterstützen. Und Spaß macht es auch noch." 

Reyhan freut sich, wenn sie zur Arbeit geht und Material holt. Dann trifft sie Gleichgesinnte und kann sich über Dinge austauschen, über die sonst Schweigen herrscht.

Boote liegen in einer Bucht vor Anker
Ayvalik | Bild: BR

Wir sind in Ayvalik, einem traditionsreichen Ort an der Ägäis. Früher war der Ort griechisch. Jetzt leben Türken hier. An den Gebäuden ist das noch gut zu erkennen. Die Kirche, wurde zur Moschee umfunktioniert, flankiert von einem Minarett.

Im Sommer bevölkern abertausende Touristen die idyllische Stadt an der Ägäis. Auf den ersten Blick scheint Ayvalik modern, auf den zweiten Blick werden die archaischen Strukturen einer Männergesellschaft sichtbar. In den Cafés: nur Männer. Viele Frauen trauen sich nicht einmal in die Nähe.

Die Männer arbeiten, bringen das Geld nach Hause und haben das Sagen. Nicht selten schlagen sie ihre Frauen, weil das ihre Väter auch schon gemacht haben.

Wenn Reyhan zu ihren Kolleginnen kommt, freut sie sich, unter Freundinnen zu sein. Und eine ist die Amerikanerin Tara Hopkins. Sie hat das Unternehmen Cöpmadam, auf Deutsch Müllfrau, vor fünf Jahren gegründet. Als sie damals hier in der Gegend eine Auszeit nahm, sah sie die Not der Frauen und wollte helfen.

Tara Hopkins, Gründerin Cöp(m)adam: "Es gibt hier nur wenige Frauen, die eine eigene Arbeit haben. Ich habe mir gedacht: Das muss ich ändern. Ich bin ein sturer Mensch und so habe ich das hier angefangen."

Tara hat an einer Istanbuler Universität und bei Hilfsorganisationen gearbeitet. Doch irgendwann wollte sie direkt helfen. Sie hatte erkannt, dass die meisten türkischen Frauen handwerklich geschickt sind, und verhilft ihnen damit zu ihrem erste eigenen Geld. Das stärkt das Selbstvertrauen.

Aysun Kara
Aysun Kara | Bild: BR

Aysun Kara ist gekommen um ihre 153 Lira - knapp 70 Euro - abzuholen. Ihre Kolleginnen wundern sich, dass sie mit uns spricht. Bisher war sie sehr eingeschüchtert und zurückhaltend.

Aysun Kara (51): "Es ist sehr schön, den Lohn für seine Arbeit zu bekommen. Ich bin Tara sehr dankbar."

Einige Frauen haben Schlimmes durchgemacht, wurden von ihren Männern beschimpft und geschlagen. Doch darüber wollen sie öffentlich nicht reden. Allein schon das Tragen von Jeans war für Frauen noch vor ein paar Jahren undenkbar. Ein bisschen was hat sich schon geändert, sagen sie.

Zerin Güldiken: "1978 habe ich habe das Gymnasium abgeschlossen und hätte eine gute Stelle bekommen. Aber mein Vater hat es nicht erlaubt, dass ich arbeite. Als ich geheiratet habe hat auch mein Mann gesagt, es sei nicht nötig, dass ich arbeite, er hat es mir zuerst nicht erlaubt. Doch dann vor vier Jahren habe ich hier angefangen und bin sehr zufrieden." 

Die Frauen bei Cöpmadam haben zum Teil einen langen Kampf hinter sich. Zuerst musste der Ehemann überzeugt werden, dass es eine redliche Arbeit ist, aus Müll schöne Gegenstände herzustellen. Einige Männer sind mittlerweile stolz, dass ihre Frauen hier arbeiten. In einem Fall aber, erzählt Tara, hat der Ehemann sofort aufgehört, seiner Frau Geld zu geben für ihre persönlichen Dinge.

Reyhan hatte Glück, denn ihr Mann unterstützt ihre Arbeit und hilft auch mit: "Ich werde hier Muster ausschneiden und Taschen daraus machen."

Für sie ist der Tag mit den Frauen neben Arbeit auch Erholung vom Familienalltag.

Reyhan: "Es gefällt mir sehr, mit den Frauen hier zusammen zu arbeiten. Die Zeit vergeht wie im Fluge und es ist schön mit Freundinnen gemeinsam was zu erschaffen." 

Frauen sitzen um einen Esstisch
Gemeinsames Mittagessen | Bild: BR

Das gemeinsame Mittagessen ist Ritual. Im Männercafé nebenan hatte man sie zuerst lächelnd beäugt. Mittlerweile akzeptieren die Männer die Arbeit der Frauen, auch wenn nicht alle hier Frauenarbeit gutheißen. In einigen Regionen der Türkei ist die Emanzipation wohl noch nicht angekommen.

Hier in Ayvalik hat Tara Hopkins Ruhe gesucht nach einem Burn Out. Doch mit der Ruhe wurde es nichts für die umtriebige Amerikanerin: Sie will für die türkischen Frauen kämpfen und für das Projekt. Für die Frauen ist sie mittlerweile gute Freundin und Psychologin, bei der sie ihre Sorgen abladen können. Und darüber freut sie sich, auch wenn ihr das oft unter die Haut geht.

Tara Hopkins
Tara Hopkins | Bild: BR

Tara Hopkins: "Wenn Du über 40 oder 50 Jahre alt bist und noch nie eigenes Geld verdient hast, noch nie Geld hattest für deine eigenen Bedürfnisse – und das ist nicht lustig für mich, da muss ich immer weinen und werde demütig. Aber die Frauen macht das sehr, sehr stolz."

Und dafür lohnt sich der Einsatz sagt Tara. Wenn sie dann in Istanbuls Boutiquen die Taschen sieht, die ihre Müllfrauen in Ayvalik hergestellt haben, dann ist sie richtig glücklich.

Autor: Martin Weiss, ARD-Istanbul

Stand: 22.04.2014 13:50 Uhr

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