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INDIEN: Eine Frau unter 60.000 Männern

Delhis erste Rikscha-Fahrerin

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INDIEN - Eine Frau unter 60.000 Männern | Bild: BR

Für sie ist es Alltag: Sunita Chaudarhy. Sunita ist die einzige Frau, die in Delhi Tuk-Tuk fährt. Mittendrin im Chaos auf den Straßen ist ihr Arbeitsplatz.

»"Ich halte Augen und Ohren offen, damit niemand plötzlich vor dir einschert, keiner dir hinten drauf fährt und du auch niemandem. Man muss immer die Sicherheit im Auge haben, deine eigene und die der anderen. Hier in Delhi fahren die Leute nicht vorsichtig, sie kümmern sich nicht um Verkehrsregeln. Es ist hart hier draußen." Sunita«

Sunita in der Motorrikscha
Sunita in der Motorrikscha | Bild: BR

Sunita hat einen rauen Beruf gewählt. Einen, dem viele Leute mit wenig Respekt begegnen.

"Das Leben ist ein Kampf" steht auf ihrer Rikscha.

Sie hat sich durchgesetzt - nicht nur im Straßenverkehr.

»"Drei Jahre habe ich um die Lizenz gekämpft. Für die Behörden war ich als Frau ein spezieller Fall. Als ich sie hatte, ging's mit der Rikscha weiter. Eine zu mieten war schwierig, die Verwaltung hatte damit einfach keine Erfahrung. Jetzt habe ich eine, die nur ich fahren darf - niemand sonst.“ Sunita«

Als einzige Frau unter fast 60.000 Kollegen erregt Sunita Aufmerksamkeit, wo immer sie auftaucht. Meist die von Männern.

Ein Kollege von Sunita
Ein Kollege von Sunita | Bild: BR

Tuk-Tuk-Fahren als Frau – für viele war das bis vor kurzem undenkbar.

»"Nur Zwang und Hilflosigkeit können eine Frau dazu bringen, Rikscha zu fahren. Das ist nicht der beste Job der Welt - aber immer noch besser, als etwas unethisches und unmoralisches zu tun." Ein Tuk-Tuk-Fahrer«

»"Wenn Frauen arbeiten gehen können, dann können sie auch Rikscha fahren - das macht nichts." Ein Kollege«

»"Es sollten mehr Frauen fahren - das würde Frauen ein Gefühl von Sicherheit geben, besonders abends, wenn sie alleine sind." Ein anderer Kollege«

Vielleicht sind das Einzelmeinungen. Wir hatten eher Ablehnung von Sunitas männlichen Kollegen erwartet.

Sunitas Heimatdorf, rund 100 Kilometer nord-östlich von Delhi: Bevor Sunita in die Stadt kam, wurde sie verheiratet. Da war sie erst 14 Jahre alt. Und lebte mit ihrem Mann weit weg von ihrer Familie.

Sunita in ihrem Dorf
Sunita in ihrem Dorf | Bild: BR

Ein Jahr ging alles gut. Doch dann, eines Tages, schlugen ihr Mann und seine Freunde sie zusammen. Als sie bewusstlos wurde, hielten sie Sunita für tot. Sogar ihr Grab hatten sie schon ausgehoben.

»"Traditionell verlangt die Familie des Mannes Mitgift. Und wenn die nicht gezahlt werden kann, dann foltern sie dich. Einige Frauen begehen dann sogar Selbstmord." Sunita«

Irgendwie gelang es Sunita zu fliehen. Monatelang lag sie danach im Krankenhaus. Ihre Familie wusste davon nichts. Sie hielten die Tochter schon für tot. Sich daran zu erinnern, fällt ihr noch immer schwer.

»"Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Aber jetzt lebe ich ein normales Leben - und versuche die Vergangenheit zu vergessen." Sunita«

Sunitas Mutter
Sunitas Mutter | Bild: BR

Dass sie jetzt Tuk-Tuk fährt, sagt Sunita, würde niemand im Dorf akzeptieren. Ihre Eltern wissen deshalb auch gar nicht so genau was sie da macht in Delhi. Aber weil sie in der großen Stadt arbeitet, genießt sie Respekt. Und das macht auch die Eltern stolz.

»"Ich weiß, dass sie sehr talentiert ist und sich einen Namen machen wird. Sie wird es weit bringen im Leben. Das wünsche ich ihr." Krishna Choudhary, Mutter«

Besonders Frauen schätzen Sunita als Fahrerin. Bei einer Frau am Steuer fühlen sich viele einfach wohler, als bei einem Fahrer.

Doch das alleine reicht Sunita nicht. Sie will auch helfen. Inzwischen kennen viele ihre Telefonnummer - und rufen sie an, wenn sie Hilfe brauchen, zum Beispiel weil der Mann gewalttätig wird. So war es auch bei Nirmála.

»"Er hatte versprochen, mich zu heiraten, aber das hat er vier Jahre lang nicht getan. Dann hat er angefangen, mich zu schlagen. Er sagte, das ist doch der Beweis, dass du meine Frau bist. Für mich war die einzige Lösung, ihn zu verlassen." Nirmala Devi«

Nirmala Devi und Sunita
Nirmala Devi und Sunita | Bild: BR

Bei Sunita fand sie Unterschlupf, sie ging mit ihr zur Polizei. War einfach da für sie.

»"Sunita war meine Rettung, in einer Zeit, in der ich viel gelitten habe. Und sie wird mir auch helfen, mein Leben wieder ganz in Ordnung zu bringen." Nirmala Devi«

»"Das Leben ist ein Kampf. Wenn ich morgens das Haus verlasse, dann bete ich darum, das Gott mich beschützt vor den Launen der Stadt, dass ich das Leben anderer beschütze und nichts passiert, weil ich einen Fehler gemacht habe." Sunita«

Die Welt um sie herum jeden Tag ein Stückchen besser machen, das ist Sunitas Antrieb, erzählt sie uns. Sie hat noch viel zu tun in Delhi.

Autor: Christian Dreißigacker, ARD New Delhi

Stand: 15.04.2014 11:08 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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