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Kenia: Tänzer im Rollstuhl

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Kenia: Tänzer im Rollstuhl | Bild: BR

Seit seiner Erkrankung an Poliomyelitis kann der 32jährige Kenianer nicht mehr laufen.

Vor seiner Kür zum Hauptdarsteller eines Kunstexperiments hat er in einer Kleinstadt im Westen Kenias an der Hauptstraße gesessen und Maiskolben geröstet. Jetzt versucht er, unter Anleitung einer Deutschen die Tabus der kenianischen Gesellschaft sitzend oder liegend mit Tanzbewegungen darzustellen.

Behinderte haben es in Afrika noch viel schwerer als Behinderte in Deutschland oder anderswo in Europa: Sie werden nicht vom Staat unterstützt, häufig von ihren Familien eingesperrt und öffentlich beschimpft. Menschen mit einer Verstümmelung auf einer Bühne zu sehen, dürfte für die meisten Kenianer eine schockierende Vorstellung sein.

Nairobi, eine Megacity. Behinderte haben es hier schwer. Das Leben zwischen Hochhäusern - ein einziger Überlebenskampf. Viele sind obdachlos, müssen betteln.

Stephen Odongo im Rollstuhl
Stephen Odongo im Rollstuhl | Bild: BR

Für den 36-jährigen Stephen kommt Betteln nicht in Frage. Er rollt heute Morgen schon ganz früh durch den dicksten Verkehr, um im Go-Down-Kulturzentrum mitten in Nairobi zu proben.

Tanzszene
Tanzszene | Bild: BR

Unermüdlich feilt Steve zusammen mit den anderen Tänzern an einem Stück über Tabus. Die gemischte Tanztruppe will für mehr Toleranz gegenüber Behinderten in der kenianischen Gesellschaft werben, Vorurteile aufgreifen und die Arroganz gegenüber Behinderten, die Gewalt zeigen, der viele Behinderte, die auf der Straße leben müssen, ausgeliefert sind. Provozierende Bilder.

Stephen Odongo
Stephen Odongo | Bild: BR

Der Alltag für Stephen, ein Kraftakt. Schon als kleiner Junge tanzte Stephen gern. Als er vier Jahre alt war, bekam er Kinderlähmung.

»"Durch die Arbeit mit den Tänzern habe ich die Chance, das Schicksal von Behinderten in Kenia vor einem Publikum sichtbar zu machen. Die meisten Kenianer glauben, dass wir nur betteln oder am Straßenrand Nüsse verkaufen können. Doch wir sind sehr emotional durch das, was wir erleben. Und ich bin froh, dass ich das zum Ausdruck bringen kann.“ Stephen«

Entdeckt wurde Stephen von einer deutschen Choreografin, die selbst an Muskelschwund leidet und die Tanztruppe für ein internationales Kunstprojekt zusammenstellte. Seither treten die Tänzer in ganz Kenia auf. Ihre Stücke: ein Plädoyer für mehr Mitmenschlichkeit und Toleranz.

Früher hat Stephen auf Märkten wie diesen Maiskolben verkauft. Heute kauft er hier für seine Familie ein.

»"Einige Familien verstecken ihre Behinderten, weil sie sich schämen. Ich finde, sie gehören ins normale Leben. Die Regierung hat auch eine Verantwortung. Schließlich steckt in jedem was Besonderes.“ Angelina Anyango, Marktfrau«

»"Beeindruckend, wie er sein Schicksal akzeptiert hat. So einer ist mir lieber als all die faulen Kerle hier.“ Maureen Morao, Marktfrau«

Doch Stephen stößt auch auf viel Ablehnung. Er hat gelernt, damit umzugehen.

»"Viele meiner Landsleute wissen nichts über Polio und fragen mich, warum mein Körper so entstellt ist. Sie glauben, dass ich verhext sei und haben Angst vor mir. Wenn ich ihnen dann erkläre, dass ein Virus dafür verantwortlich ist und man dagegen geimpft werden kann, sind sie gleich netter zu mir.“ Stephen Odongo«

Die Arbeit mit den Tänzern hat sein Selbstbewusstsein gestärkt. Stephen weiß, dass Behinderte in anderen Ländern vom Staat unterstützt werden, dass es woanders Rampen an öffentlichen Gebäuden gibt. In Kenia ist man noch weit davon entfernt. Sein täglicher Weg durch den Slum – eine einzige Herausforderung.

Mittags zu Hause warten seine Kinder schon. Sie haben die Behinderung ihres Vaters längst als normal akzeptiert. Stephen kommt gerade rechtzeitig, um zu trösten.

Ehefrau Edith
Ehefrau Edith | Bild: BR

Mit seiner Frau Edith ist Stephen seit zwölf Jahren glücklich verheiratet. Sie sind im gleichen Dorf aufgewachsen, waren Nachbarn.

»"Seine Mutter hat ihn schlecht behandelt. Er bekam immer weniger zu essen, als seine Geschwister. Er musste von Plastiktellern essen, die seine Mutter dann wegschmiss. Sie hat ihn immer wie ein kleines Kind behandelt.“ Edith Odongo«

Seine Mutter war enttäuscht, als der einzige Sohn an Kinderlähmung erkrankte und glaubte an einen bösen Zauber. Sie lehnte ihn ab. Seine Großeltern sorgten dafür, dass er zur Schule gehen konnte, sogar auf ein Gymnasium und das will er auch seinen Kindern ermöglichen.

»"Meine Eltern brachten mich zu meinen Großeltern, weil sie sich schämten. Die gruben ein Loch steckten mich mit den Beinen hinein, um meine kraftlosen Beine grade zu machen, damit ich wieder stehen könnte. Das war sehr schmerzhaft und erniedrigend.“ Stephen Odongo«

»"Aber ich habe mich damals in ihn verliebt, in seine Art zu reden, zu lächeln. Er verzaubert die Menschen. Meine Schwester, die ihn eigentlich heiraten sollte, wies ihn ab und erklärte meinem Vater: ‚Ich kann doch nicht einen Mann heiraten, der aussieht wie ein Frosch.‘ Ich dagegen fand, dass er ein gutaussehender junger Mann war.“ Edith Odongo, Ehefrau«

»"Bei uns gibt es immer etwas zu lachen“, schwärmt Edith. "Keiner hat so viel Humor wie Stephen.“«

Mathew Odiege
Mathew Odiege | Bild: BR

Auf der Bühne kann Stephen all seine negativen und positiven Erfahrungen verarbeiten. Hier hat er den Mut bekommen, das Publikum mit dem zu konfrontieren, was er in seiner Kindheit und auf der Straße erlebt hat: Sein Kampf im Alltag, die jahrelangen Erniedrigungen.

»"Als Choreograf interessierte mich vor allem der Unterschied zwischen sogenannten normalen Tänzern und Menschen mit Behinderungen. Behinderte beherrschen ganz andere Bewegungen. Sie haben ein ganz anderes Vokabular, das ich als Choreograf und Tänzer eine große Herausforderung fand. Sie beherrschen Bewegung, die uns normalen Tänzern schwer fallen.“ Mathew Odiege, Choreograf«

So halten sie dem Publikum den Spiegel vor, konfrontieren, um zum Umdenken zu bewegen. Alltagssituationen in einer Großstadt, wie in Zeitlupe festgehalten.

»"Ich will vor allem Eltern ermutigen, ihre behinderten Kinder zu unterstützen: Gebt ihnen Liebe, schickt sie auf die Schule! Sie können eine wichtige Rolle in einer Familie spielen. Sie sind wertvoll.“ Stephen Odongo«

Mit dieser Botschaft reist die Truppe nun auch durch die Dörfer, denn dort leben in Kenia die meisten Behinderten.

Autorin: Birgit Virnich / ARD Nairobi

Stand: 22.04.2014 14:13 Uhr

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Bayerischer Rundfunk
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