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Mexiko: Journalisten auf der Todesliste

In Mexiko achten befreundete Journalisten aufeinander. Man fragt, ob komische Dinge passiert sind, ruft öfter mal an, macht sich Sorgen, wenn man nichts hört. Als Marta Duran mich vor einigen Wochen anrief, war was passiert. Wenige Tage, nachdem ich sie zu einer Buchvorstellung begleitet hatte, bekam sie diesen kurzen Drohanruf: "Ich werde Dich töten!“ Ein Satz, den jeder Mexikaner ernst nimmt.

Marta Duran
Marta Duran | Bild: Bild: BR

Marta Duran, bedrohte Journalistin:

»Ich habe immer meinen Namen unter meine Artikel geschrieben. Ich arbeite im vollen Licht der Öffentlichkeit und bin überzeugt, dass mich das in dieser Situation schützt. Wenn ich mein Gesicht zeige und jeder weiß, dass ich bedroht werde, haben sie nicht den Mut, mich zu ermorden. Das hoffe ich.«

Diese Buchvorstellung Ende Mai könnte ihr Feinde gemacht haben, glaubt Marta Duran. Die Autorin Arsène van Nierop hatte sie vor Jahren gebeten, ihr bei der Recherche für ihr Buch zu helfen. Es handelt von ihrer Tochter, die in Ciudad Juarez, im Norden Mexikos ermordet wurde. Die Holländerin war bei den Ermittlungen auf eine mexikanische Wand des Schweigens gestoßen. Ihr Buch klagt korrupte Behörden, in Verbrechen verwickelte Polizisten und schlampig ermittelnde Anwälte an. Der Fall hat internationales Aufsehen erregt und die verantwortlichen Stellen sind nicht scharf auf schlechte Presse.

Der Mann, der Marta am Telefon bedrohte, hat nicht einmal seine Nummer unterdrückt. Aber die Behörde, bei der sie Schutz sucht, behauptet, den Anschluss nicht ermitteln zu können. Wir begleiten Marta, als sie zum dritten Mal versucht, in das Schutzprogramm für bedrohte Journalisten aufgenommen zu werden. Aber die Regierungsangestellten schreiben wieder nur ihre Personalien auf.

Marta Duran, Journalistin:

»Die Regierungsbehörde hat mir versprochen, mich zu schützen. Aber nachdem sie meine Daten aufgenommen hatten, ist gar nichts mehr passiert. Sie haben noch keine konkreten Schutzmaßnahmen eingeleitet.«

Rettungskräfte bergen Leichenteile
Rettungskräfte bergen Leichenteile | Bild: Bild: BR

In Veracruz zieht die Feuerwehr Plastiksäcke mit den verstümmelten Leichen dreier Fotoreporter aus einem Fluss: Die jungen Männer hatten Opfer des Drogenkrieges fotografiert. Ihre Arbeit wird ihr Todesurteil.

Weil die Mörder kaum Konsequenzen zu befürchten haben, setzen sie ihre Morddrohungen oft eiskalt in die Tat um. Seit 2000 haben sie 102 Journalisten umgebracht.

Vor gut zwei Jahren löste ein Mord eine Welle an Protesten aus, die aber ebenso schnell wie ergebnislos im Sande verlief: Die bekannte Reporterin Regina Martínez hatte Verbindungen zwischen Politikern und Drogenkartellen aufgedeckt. Am Tag nach der Veröffentlichung ihrer Reportage lag sie gefoltert und erdrosselt in ihrem Haus.

Oft haben die Kollegen die Tatenlosigkeit des Staates kritisiert. Einige haben aus Angst die Zeitung verlassen, andere wollen sich nicht einschüchtern lassen.

Rafael Rodriguez
Rafael Rodriguez | Bild: Bild: BR

Rafael Rodriguez, Chefredakteur Proceso:

»Es ist sehr schwer sich zu schützen, dennoch werden wir niemals unsere redaktionellen Prinzipien verändern, denn wir sind noch eines der wichtigen, unabhängigen und kritischen Magazine, auf das die Menschen sich verlassen wollen.«

Marta Duran hat sich oft für andere bedrohte Journalisten eingesetzt, unzähligen Kollegen geholfen unterzutauchen oder aus der Anonymität heraus Texte zu veröffentlichen.

Ana Lilia Perez
Ana Lilia Perez | Bild: Bild: BR

Diese Bilder mit Ana Lilia Perez haben wir vor gut einem Jahr in Martas Garten gedreht. Nachdem die junge Journalistin ein Buch über die Ölmafia veröffentlicht hatte, wurde sie bedroht, verfolgt, einmal von einem Auto von der Straße abgedrängt.

Ana Lilia Perez, Buchautorin und Journalistin:

»Viele Medien schüchtert das dermaßen ein, dass sie zur Selbstzensur greifen. Die Verlage lassen ihre Redakteure dann nicht mehr frei recherchieren. Ich habe meine Geschichte deshalb in einem Buch veröffentlicht, frei von Zensur. Das Risiko trägt man dann natürlich selbst. Das ist der Kompromiss, den man als Journalist in diesem Land eingeht.«

Ihre Zeitung Contralinea hatte ihr erst den Auftrag zur Recherche gegeben, sich später, als Drohanrufe kamen, aber geweigert ihren Artikel zu drucken.

Ana Lilia Perez, bedrohte Journalistin:

»In anderen Ländern bekommen Politiker, denen man Korruption nachweisen kann, Probleme – in Mexiko nicht. In Mexiko reagieren die Mächtigen mit Drohungen gegen die Journalisten.«

Ana Lilia Perez hat Mexiko längst verlassen. Marta Duran will bleiben. Sie schreibt weiter, unterrichtet jeden Tag Journalismus an einer privaten Uni, aber sie ist vorsichtig.

Marta Duran, bedrohte Journalistin:

»Ich habe Angst, aber keine Panik! Angst schärft die Sinne, aber Panik macht unbeweglich. Ich habe viele Gewohnheiten verändert, durchbreche tägliche Routinen, bin einfach umsichtiger und vermeide es alleine zu sein. Abends kommen Freunde, das sind meine Schutzmechanismen.«

Marta Duran
Marta Duran | Bild: Bild: BR

Marta weiß nicht, wer ihr Feind ist, ob er sie beobachtet. Es könnten die Killer eines Drogenbosses sein oder die Schergen eines Polizeichefs. Marta ist müde, weil sie ständig nachdenkt.

Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit will sie auf die Missstände hinweisen, aber als Betroffene spürt sie, dass keine Hilfe kommt. Bis zur letzten Konsequenz will auch sie nicht kämpfen.

Marta Duran:

»Ich hoffe, dass es bei der einen Drohung bleibt. Oft geht es weiter oder es kommen körperliche Angriffe. Bei der nächsten Drohung verlasse ich das Land.«

Autor: Peter Sonnenberg / ARD Mexiko-City

Stand: 28.07.2014 01:27 Uhr

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