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Russland: Schuld sind die anderen - Putins Propagandamaschine auf Hochtouren

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Russland: Schuld sind die anderen | Bild: BR

100 Spaten hat jemand gespendet, für die Schützengräben. Im Keller der Organisation "Anderes Russland“ sammeln sie für die Front und meinen damit die Ostukraine. Das "Andere Russland“ gehört eigentlich zur Opposition gegen Putin. Doch in Zeiten wie diesen ist das vergessen; da zählt der Patriotismus. Man will den russischen Brüdern in der Ostukraine helfen. gegen, so sagen sie hier, die Faschisten in Kiew.

Ein Helfer von "Das andere Russland"
Ein Helfer von "Das andere Russland" | Bild: Bild: BR

Ein Helfer:

»Wir erleben hier eine solche Hilfsbereitschaft, ich habe noch nie so einen Enthusiasmus gesehen. Die Leute gucken doch jeden Abend die Nachrichten und sehen, wie die Kiewer Junta Wohngebiete bombardiert, wie sie Krieg führt gegen das Volk. Klar wollen sie da helfen.«

Igor hat sich als Freiwilliger gemeldet. Er will selbst kämpfen. Seine Seele brennt für den Donbass, sagt er. Den Kollegen im Ingenieurbüro hat er nicht erzählt, wo er den Urlaub verbringen will.

Igor:

»Nein, Kampferfahrung habe ich nicht. Aber ich bin körperlich ganz gut vorbereitet. Ich renne ohne Probleme zehn Kilometer, mache 15 bis 20 Klimmzüge. Die Augen sind nicht so gut, minus drei habe ich, aber als Sanitäter könnte ich dienen oder in einem Granatwerfertrupp.«

Reporterin: "Sind sie bereit zu töten?“

Igor:

»Ich sage doch, in einem Granatwerfertrupp könnte ich dienen.«

Eine Nachrichtensendung im russischen Staatsfernsehen aus der vergangen Woche. Wieder Beweise für Phosphorbomben, heißt es. Die ukrainische Armee kämpft mit verbotenen Waffen gegen das eigene Volk. Als Beweis werden diese Bilder gezeigt. Nachrichten in Zeiten des Krieges.

Eine andere Nachrichtensendung vor zwei Wochen: "Was sie jetzt sehen werden“, sagt der Sprecher, "passt nicht ins Zentrum Europas.“

Eine Frau im russischen Fernsehen
Eine Frau im russischen Fernsehen | Bild: Bild: BR

Eine junge Frau wird gezeigt, die ungeheuerliche Anschuldigungen erhebt gegen die ukrainische Armee:

»Die Soldaten haben sich einen kleinen Jungen genommen, drei Jahre alt. Und wie Jesus haben sie ihn an ein Brett genagelt. Gekreuzigt haben sie ihn, bis er tot war, vor den Augen seiner Mama. Die nennen sich ukrainische Armee, aber die sind Tiere.«

Niemand sonst hat diese Geschichte bestätigt, aber ganz Russland kennt sie jetzt.

Geld sammeln für den Donbass, das ist einfach, sagen Igor und seine Mitstreiter vom "Anderen Russland“:

»Die Leute geben, was sie können, denn alle sind besorgt.«

Tatsächlich sterben Zivilisten in diesem nicht erklärten Krieg, viel zu viele Zivilisten.

Eine Frau:

»Ich will nicht, dass da Krieg ist. Ich kann das nicht mehr mit ansehen. Was da jetzt alles im Donbass passiert. Ich habe gehört, dass sie Teppichbomben werfen, die alles zerstören. Da stecken doch die Amerikaner dahinter. Die wollen uns schwächen, die wollen die Ukraine für sich. Die ukrainischen Oligarchen haben das Land doch längst an die USA verkauft. Das ist meine Meinung.«

Solche und ähnliche Meinungen hört man oft hier. Es gehe bei allem darum, Russland zu schwächen oder Russland zu beschuldigen – wie beim Abschuss der MH 17, der, so glauben hier sehr viele, gehe in Wahrheit aufs Konto der Ukraine.

»Die Leichen sind ja jetzt geborgen, die Ermittlungen beginnen, die werden die Wahrheit ans Licht bringen. Ich habe gehört, dass die Bürgerwehr gar nicht die Waffen hat, um so ein Flugzeug abzuschießen. Es war die ukrainische Armee. Das sollen sie jetzt aufklären und sie bestrafen.«

In der Redaktion von Novaya Gazeta
In der Redaktion von Novaya Gazeta | Bild: Bild: BR

Doch es gibt auch andere Stimmen in Russland – eine davon, die sitzt hier, im Zentrum von Moskau. Bei der Zeitung Nowaja Gazeta hat man lange überlegt, wie man auf den Abschuss reagieren sollte und war sich dann einig über das Titelbild: "Vergebt uns“, steht da in Niederländisch und Russisch.

»Alles, was wir machen konnten, war um Verzeihung zu bitten. In einer Situation, in der unsere politische Führung keine menschlichen Worte gefunden hat. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, wir wollen dass aufgeklärt wird, bevor man Schuldige benennt. Es geht um Menschlichkeit. Und es gibt viel mehr, die so denken, als man uns weismachen will. Schauen sie hier, wir haben auch fotografiert, als die Leute Blumen zur niederländischen Botschaft gebracht haben und zu denen von Malaysia und Australien. Die haben sich auch entschuldigt.«

In St. Petersburg packen sie das Auto für die Ostukraine. Nach Lugansk soll der Transport, ihre Leute kennen Schleichwege über die Grenze. Zwei Freiwillige aus St. Petersburg sind kürzlich bei Gefechten im Donbass ums Leben gekommen. "Darauf musst du gefasst sein“, sagen sie hier. "Es ist ja Krieg.“

Autorin: Ina Ruck / ARD Moskau

Stand: 28.07.2014 01:03 Uhr

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